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Durch Spaniens extreme Ballsicherheit und intelligente Laufwege wurde aus dieser mathematischen Problemstellung ein einseitiges Fußballspiel. Ermöglicht wurde Spaniens Spiel, und der letztlich extrem hohe Sieg natürlich aber auch durch Italiens Pressing und die viel größeren Räume, die die mutigen Azzurri der Roja ließen. Die Weltöffentlichkeit war sich einig gewesen, dass Frankreich gegen Spanien ein ganz schwaches Spiel abgeliefert hatte. Aber die Franzosen ließen, obgleich chancenlos, den Spaniern weniger Abschlüsse als Italien.
3) Wie hätte man denn gegen Spanien spielen sollen?
Für Oliver Kahn war die Sache einfach. Nachdem das ZDF aus dem Heute-Journal wieder an den Ostseestrand von Usedom geschaltet hatte (wo die Experten knapp 1.200 Kilometer vom Endspielort entfernt analysierten), hatte er nach eigenen Worten zwei Szenen "zusammenschneiden lassen", in denen die beiden härtesten Fouls von spanischen Spielern (Sergio Ramos und Gerard Piqué) aus der ersten Hälfte zu sehen waren.
Nicht die Tore wollte Kahn analysieren, sondern die Fouls, weil sie nach seiner Meinung die richtige Einstellung der Spanier zeigten. Wohl nicht zufällig passte das zur Debatte nach dem deutschen Halbfinalaus über "zu netten Fußball" der DFB-Elf. Die Vorstellung, Grätschen in die Beine seien der Ausweis einer echten Spitzenmannschaft, führt uns in eine Parallelwelt, in der wir mit unserem Analyse-Latein am Ende sind, also sehen wir uns mal an, wie man mit legalen Mitteln gegen Spanien spielen kann.
Frankreich und Kroatien schafften eine gewisse defensive Stabilität nur um den Preis, dass sie nicht in der Lage waren, das von beiden benötigte Tor gegen Spanien zu erzielen. Das gilt zwar im Prinzip auch für Portugal, aber die Seleccao bot das eindrucksvollste taktische Bild ab gegen den Weltmeister. Mit klarem Pressing und drei eher defensiven Mittelfeldspielern wurden die spanischen Ballkreisläufe sehr effektiv unterbunden. Ein Tor gelang zwar auch nicht, aber wenigstens ein Unentschieden nach 120 Minuten.
Das heißt aber noch lange nicht, dass Italien nun auch die Taktik von Paulo Bento hätte kopieren sollen. Auf Andrea Pirlo zu verzichten, wäre absurd gewesen, das aber wäre die Konsequenz gewesen, denn neben Claudio Marchisio und Daniele de Rossi hätte dann noch ein zweikampfstärkerer und laufintensiverer Mann ins Mittelfeld rücken müssen. Genau einen solchen brachte Prandelli mit Thiago Motta in der zweiten Hälfte. Da war es allerdings dann auch schon zu spät.





