Rückschläge? Nichts, wovon sich Thomas Müller aufhalten lassen würde. Nach einem Jahr der Enttäuschungen kam der Offensivspieler des FC Bayern München besser als jemals zuvor zurück und wurde zum unverzichtbaren Leistungsträger. Dank seiner einmaligen Spielweise.
Irgendwie war die 82. Minute des Halbfinalhinspiels der Champions League gegen den FC Barcelona typisch für Thomas Müller. Wieder einmal hatte er eine Topleistung abgerufen. Doch noch viel bemerkenswerter war: Kurz zuvor hatte er einen Schlag abbekommen, war eigentlich verletzt und sollte ausgewechselt werden. Doch, weil schon der nächste Angriff seines FC Bayern München ließ, rappelte Müller sich auf und stand goldrichtig, um den 4:0-Endstand zu markieren. Ob er in dieser Szene die Worte seines Förderers Hermann Gerland wieder in den Ohren hörte?
"Ich habe immer gesagt: "Fräulein Müller! Das nächste Mal, wenn du liegen bleibst, rufe ich den Hubschrauber!", erinnerte sich der Co-Trainer der Bayern laut tz-online.de an Müllers Anfänge, als er nach Fouls gerne den sterbenden Schwan spielte. Die harten Worte zeigten Wirkung. Seitdem lässt er sich das Bayern-Eigengewächs weder von Fouls, noch anderen Rückschlägen auf seinem eigentlich steilen Weg vom Amateur zum nahezu unverzichtbaren Teil des FC Bayern München stoppen.
Auch nicht von Jürgen Klinsmann, unter dem es lediglich für sporadische Kurzeinsätze reichte, während Christian Lell, Andreas Ottl oder Breno regelmäßig spielen durften. Und der ihn fast für drei Millionen nach Hoffenheim verkauft hätte. Glück für Müller, dass den Kraichgauern die Summe als zu hoch erschien. Er stand wieder auf, kämpfte und machte sich so unentbehrlich, dass Klinsmann-Nachfolger Louis van Gaal schon nach kurzer Zeit verkündete: "Müller spielt bei mir immer." Auch Jogi Löw kam an dem Shooting-Star nicht vorbei.
Saison 2011/12 als kleiner Knick in Müllers Karriere
Das Vertrauen zahlte der Spieler mit starken Leistungen und Toren zurück. In seinen ersten beiden Bundesliga-Spielzeiten mit 25 Toren und 24 Assists an 49 Bayern-Tore direkt beteiligt, so ganz nebenbei wurde er zwischendurch 2010 trotz bescheidener Länderspielerfahrung mit gerade einmal 21 Jahren noch WM-Torschützenkönig, in den Spielen gegen England und Uruguay jeweils Man of the Match und insgesamt bester Youngster des Turniers in Südafrika.
In der Saison 2011/12 bestritt Müller zwar erneut alle Bundesligaspiele, hatte aber erstmals mit Problemen zu kämpfen. Er traf seltener, war zudem bei Jupp Heynckes angesichts der großen Konkurrenz im Mittelfeld der Bayern nicht immer erste Wahl, kam öfters sogar nur als Einwechselspieler zum Zug. Die verpasste Meisterschaft, das Pokalendspiel-Debakel, das verlorene Champions League-Finale trotz seines Tores, die enttäuschende EM, bei der er in den K.o.-Spielen gegen Griechenland und Italien nur eingewechselt wurde, waren weitere Rückschläge.
Im EM-Halbfinale erst reingekommen zu sein, als das Spiel längst zu Gunsten von Italien gelaufen war, hatte Müller weh getan. Erfahrungen wie diese gaben wohl den entscheidenden Kick, in der aktuellen Spielzeit wieder eine Schippe draufzulegen und sich vielleicht sogar besser als jemals zuvor zu präsentieren. Sicher, bei Spielern wie seinem Bald-Teamkollegen Mario Götze oder Mesut Özil mit ihrem niedrigeren Körperschwerpunkt sieht die Spielweise eleganter, technisch ausgereifter und vielleicht auch einfach schöner aus.
Müller hat andere Qualitäten als Götze oder Özil
In solchen Fußball verliebt man sich meist auf den ersten Blick, bei Müller muss man schon zweimal, dreimal, vielleicht viermal hinschauen. Der hochaufgeschossene Müller ist mit seinen eher dünnen Beinchen nämlich kein Mann für Kabinettstückchen und Dribblings auf engstem Raum. Er stakst eher wie der Storch durch den Salat. "Ich werde nie vier Spieler gleichzeitig ausspielen", gab er nach der Gala gegen Barcelona selbst zu. Das braucht er aber auch nicht. Denn Müller hat andere Qualitäten, die besonders gegen die Katalanen aber auch schon im Champions League-Viertelfinale gegen Juventus Turin aufgefallen waren.
Es sind diese Lockerheit, Unverkrampftheit und Spontanität, die Müller auch in Interviews zeigt und die ihm von Bayern-Hasser oft fälschlicherweise als Arroganz ausgelegt werden, sich aber so wohltuend von anderen abhebt. Wer einmal eine Pressekonferenz mit Mesut Özil erlebt hat, weiß, was gemeint ist. Auswendig gelernte Floskeln? Nicht mit Müller. Intelligenz und Gedankenschnelligkeit helfen ihm auch auf dem Platz seine technischen Defizite - als Beispiel kann die Hinrunden-Partie gegen den FC Schalke 04 dienen - zu kompensieren und verleihen ihm eine ganz eigene Stärke, mit der er Spiele trotzdem entscheidet.
Müller ist der nicht ausrechenbare Raumdeuter
Er liest das Spiel, antizipiert Lauf- und Passwege und findet so intuitiv Lücken, in die er dank seines Antritts blitzschnell vorstößt oder je nach Spielsituation auch mal heimlich und unbemerkt hineinschleicht. Müller selbst bezeichnet sich als "Raumdeuter" - eine Bezeichnung, die mittlerweile sogar von englischsprachigen Journalisten übernommen wurde. Müller kann alles sein, "flüssig, zäh, gasförmig, bröckelhart" charakterisierte die Süddeutsche Zeitung seine Fähigkeit, sich der Situation anzupassen. Für die eigene Mannschaft ist er damit ein unverzichtbarer Schlüsselspieler, für gegnerische Abwehrspieler kaum in den Griff zu bekommen. "Bei ihm weißt du nie, was in der nächsten Sekunde passiert", meinte Hoffenheims Andreas Beck laut faz.net.
Diese Spielweise setzt enormen Einsatz, eine große Laufbereitschaft und letztlich auch eine Pferdelunge voraus. 102 Kilometer ist Müller in dieser Champions League-Saison bereits gerannt - mehr als jeder andere Bayern-Spieler. Dadurch ist er aber meist im richtigen Moment zur Stelle und kann seinen ausgeprägten Torinstinkt für eigene Treffer nutzen oder dank perfektem Timing und Spielübersicht für einen Mitspieler aufzulegen. Auch wenn der eine oder andere Pass mal daneben geht, gegen Barca brachte er beispielsweise nur 45 Prozent seiner Zuspiele an den Mann: Seine Ausbeute spricht für sich.
Zwölf Tore und zwölf Vorlagen gelangen ihm in der Bundesliga, zwei Assists und sieben Tore bisher in der Champions League - zwei Treffer und eine Vorarbeit steuerte im Hinspiel gegen den FC Barcelona bei. "Die großen Spiele - da bin ich geil drauf", diktierte Müller hinterher in die Blöcke der Journalisten. Im Halbfinal-Rückspiel gegen Barca (im Live-Ticker bei sportal.de)und im wahrscheinlichen Endspiel stehen weitere solcher Partien an. Und nächste Saison werden sicher weitere folgen, auch wenn mit Mario Götze ein weiterer Hochkaräter und angeblicher Wunschspieler des neuen Trainers Pep Guardiola für das Mittelfeld verpflichtet wurde.
Müller als Flügelspieler unter Pep Guardiola?
Trotz aller technischer Mängel wird sich Müller in seiner aktuellen Form wohl keine Gedanken um einen Stammplatz machen müssen. Auf seine Geistesblitze und dem Quäntchen Anarchie, mit dem er dem Bayern-Spiel den nötigen Schuss Unberechenbarkeit versetzen kann, wird Guardiola nicht verzichten wollen. Zudem ist auch er ein Wunschspieler des Coaches. "Wenn ich mir einfach einen Spieler wünschen könnte würde ich sofort (...) Thomas Müller holen. (...) Ich könnte ihn mir problemlos mit Messi und David Villa vorstellen", zitierte sport.ch den Spanier 2010.
Warum also nicht Müller bei Bayern als rechter Flügelspieler neben Götze im Zentrum? Und selbst wenn Guardiola Müller zunächst auf der Bank schmoren ließe. Lange würde Müller dort sicher nicht verweilen. Er bleibt nach Rückschlägen schließlich nicht mehr sitzen, sondern steht auf und kämpft. Müller ist schon lange kein Fräulein mehr, sondern mittlerweile ein richtiger Kerl und derzeit ein absoluter Schlüsselspieler beim FC Bayern München.

