War Bayern besonders gut oder ist Arsenal inzwischen ziemlich schlecht? Die Wahrheit liegt zwar nicht genau in der Mitte, aber sportal.de wirft in der Analyse einen Blick auf beide Mannschaftten, die sich am Dienstag in der Champions League gegenüberstanden.
Eine der wichtigsten Aufgaben bei der Analyse eines Fußballspiels besteht darin, das, was der Sieger richtig gemacht hat und das, was der Verlierer falsch gemacht hat, in ein richtiges Verhältnis zu setzen. Der Fan sieht meistens nur die Stärke der eigenen Mannschaft oder im Fall der Niederlage die Schwächen und Fehler derselben.
Nach dem 3:1-Sieg des FC Bayern bei Arsenal erscheint es aber relativ klar, dass beide Clubs ihre jeweilige Verfassung mit ins Spiel gebracht haben und daraus ein so einseitiges Match entstehen konnte, wie es sich über weite Strecken darstellte. Beginnen wir bei der Analyse mit den Gastgebern.
1) Das Ende der Ära Wenger - mal wieder?
Schon öfter ist in den letzten Jahren angenommen worden, die lange Zusammenarbeit zwischen Arsenal und Arsène Wenger sei an ihr Ende gekommen. Bekanntlich wartet der Club seit acht Jahren auf einen Titel, aller Voraussicht nach wird sich das bis 2014 nicht ändern. Wie wir in unserer Vorschau beschrieben hatten, zeigten sich die Anteilseigner der Gunners ganz zufrieden damit, keine Titel einzusammeln, solange die festen Einnahmequellen Premier League und Champions League weiter sprudeln.
Nach sieben Titeln in den ersten acht Jahren von Wengers Amtszeit blieb die Mannschaft in den zweiten acht Jahren komplett ohne Titelgewinn. Das ist nicht neu, aber nachdem Arsenal in dieser Saison in beiden nationalen Pokalwettbewerben an unterklassigen Clubs scheiterte, hat das faktische Aus gegen Bayern im Hinspiel der Champions League eine weitere Spielzeit ohne Pokalerfolg besiegelt.
Warum fühlt sich die aktuelle Situation dann anders an als in den letzten Jahren? Das liegt nicht zuletzt am Auftreten Wengers, der einen extrem gereizten Eindruck macht und bei seiner Pressekonferenz vor dem Spiel trotzige, schlecht gelaunte Antworten gab und Journalisten belehrte. Das gehört in Deutschland bei vielen Trainern zum Standardprogramm, wird aber in England gar nicht gerne gesehen. Das Gleiche gilt für Wengers schlechtes Verlierertum, das er nach dem Abpfiff demonstrierte, indem er sofort im Tunnel zu den Kabinen verschwand, ohne Jupp Heynckes mit dem obligatorischen Handschlag zum Sieg zu gratulieren.
Dass Wenger, der vermeintliche Gentleman, damit faktisch auf das Niveau von Berti Vogts herabgesunken ist, der nach dem WM-Aus 1998 Kroatiens Coach Miroslav Blazevic den Handschlag verweigerte, sollte alle Verteidiger und Anhänger des Elsässer Ex-Meistertrainers nachdenklich stimmen. Entscheidend für die Bewertung von Wengers aktueller Arbeit und die Frage, ob er noch der richtige Mann für seinen Job ist, sollte allerdings die Leistung auf dem Rasen sein.
Für diese gilt: Schlimmer als ein 1:3 gegen Bayern ist ein 0:1 gegen die Blackburn Rovers am Vorwochenende im FA Cup. In diesem Spiel hatte Wenger viele Stammspieler geschont - in einem Wettbewerb, den Arsenal gewinnen konnte - um sie frischer in einem Wettbewerb einsetzen zu können, in dem Arsenal kaum eine Titelchance hatte. Auch im Spiel gegen Bayern war aber nicht alles optimal, wie das Ergebnis ja auch schon anzeigt.
Die Entscheidung, Theo Walcott als einzige Spitze aufzubieten, anstatt ihn auf der Außenbahn zu bringen und Olivier Giroud vorne einzusetzen, funktionierte zumindest nicht in offensiver Hinsicht: Walcott konnte sich vorne gegen Dante und Daniel van Buyten praktisch nie behaupten. Und kaum war Giroud im Spiel und Walcott inzwischen rechts, flankte dieser brillant in die Mitte und jener hatte eine riesige Chance. Andererseits stand Arsenal so tief, dass ein schneller Stürmer wie Walcott grundsätzlich die bessere Wahl war als Giroud.
Zwar genossen die Gunners fast 60 Prozent Ballbesitz, aber davon rund die Hälfte in der eigenen Spielfeldhälfte, weil Bayern die Anspielstationen so gut abdeckte, dass der Ball immer wieder zurück in die eigene Abwehr gespielt wurde, um neu aufzubauen. Kritischer muss man die Kadersituation auf der linken Außenverteidigerposition bewerten. André Santos überzeugte meist nicht, aber seit er an Grêmio ausgeliehen wurde, hat Wenger nur noch zwei linke Außenverteidiger im Kader, von denen einer (Nacho Monreal) in der Champions League nicht spielberechtigt ist. Als sich also Kieran Gibbs Ende Januar verletzte, war klar, dass für die Spiele gegen Bayern kein gelernter linker Außenverteidiger zur Verfügung stehen würde.
So musste Kapitän Thomas Vermaelen ran, der seine Sache zwar nicht richtig schlecht machte, aber da Philipp Lahm exzellent spielte und zudem zwei Bayern-Tore über diese Seite vorbereitet wurden, auch alles andere als ideal. Das alles hätte jedoch gegen eine schwächere Elf als Bayern alles unproblematisch bleiben können, wie etwa beim überzeugenden 5:1 gegen West Ham United vor einigen Wochen.
Aber wenn Arsenal gegen die Top-Clubs Europas spielt, dann hat die Mannschaft momentan kaum eine Chance, wie bei den Niederlagen gegen Chelsea und Man City im Januar. Und Bayern ist dann noch einmal eine ganz andere Liga...
2) Umschalten heißt neu Sortieren - und One Touch Football auf Bayrisch
Das viel strapazierte Wort vom "Umschaltspiel", das Mannschaften heutzutage beherrschen müssten, wird oft so verstanden, dass bei Ballgewinnen schneller Konterfußball gespielt wird. In London zeigte der FC Bayern, dass seine Qualität vor allem darin besteht, bei Ballverlusten sofort die Räume um den Ball zu verdichten, Passwege zuzustellen und das von uns nach dem Wolfsburg-Spiel schon betonte Gegenpressing zu betreiben.
Wiederum betrieben fast alle Bayern-Spieler einen Riesenaufwand und zeigten eine perfekte Mischung aus Flexibilität im Positionsspiel (einerseits im Angriffsspiel, aber auch in spontaner Reaktion darauf, wo ihre Anwesenheit im Spiel gegen den Ball erforderlich war) und dem schnellen Einnehmen der Grundordnung, wenn Arsenal einmal in die gegnerische Hälfte vorstieß.
Dass die extreme Dominanz der ersten Hälfte nach der Pause zugunsten einer besser ins Spiel kommenden Arsenal-Elf zurückging, ist inmitten englischer Wochen für die Bayern kein Grund zur Sorge. Mit 3:1 das Auswärtshinspiel in der Champions League zu gewinnen, darf durchaus Anlass für eine ökonomischere Spielweise sein. Was auch ohne das ganz so intensive Pressing auffiel, war aber auch in dieser Phase die große Ballsicherheit der Münchner, die sehr oft das Leder mit der ersten Ballberührung weiterleiteten und so immer wieder Arsenal vor Probleme stellen konnten.
3) Arjen Robben - einigen wir uns auf Unentschieden
Alles, was am Spiel von Arjen Robben nicht mehr zum neuen FC Bayern passt, war in der Schlussphase des Spiels nach seiner Einwechslung zu sehen: Wie er nach einem Ballverlust abwinkte und haderte, dann mal vor-, mal zurückging, ohne darauf zu achten, dass sein Hintermann Philipp Lahm gerade von einer Überzahl von Arsenal-Spielern unter Druck zu geraten drohte.
Dann aber wiederum bereitete Robben das vorentscheidende dritte Tor schön mit vor und hatte am Ende noch eine weitere Offensivszene, die bei coolerer Verwertung vor dem Tor von Wojciech Szczesny sogar der vierte Treffer hätte sein können. Franck Ribéry dagegen, der in London kein überragendes Spiel machte, scheint wesentlich besser im Team zu funktionieren und seine Laufwege mit den MItspielern abgestimmt zu haben. So bleibt ein Stammplatz für Robben bis auf Weiteres keine gute Idee.

