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Datum: 10. August 2012, 17:57 Uhr
Format: Artikel
Quelle: dpa/sportal.de
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Deutschland verpasst Zielvorgabe für Medaillenspiegel klar

Olympia,London 2012,Vesper
Vesper und Bach haben kein Problem mit der Prognose

86 Medaillen, davon 28 Goldene - so lautete die Zielvorgabe von DOSB und den Fachverbänden vor Olympia. Wenig überraschend wird das deutsche Team diesen Wert klar verpassen. Eine derartige Ausbeute hatte Deutschland bisher nur bei Olympia 1936 erzielt.

Bisher kommt Deutschland gerade einmal auf 38 Medaillen, 10 Gold-, 17 Silber- und 11 Bronzemedaillen. Offenbar war von den Funktionären mit einer deutlich höheren Ausbeute gerechnet worden, wie aus den vom Bundesinnenministerium veröffentlichten Zahlen hervorgeht. Die Vorgaben erfüllen konnten bisher nur die Tischtennis-Herren (zweimal Bronze) und die Slalom-Kanuten.

Als große Verlierer kehren vor allem die Schwimmer, Fechter und Schützen nach Hause zurück. Im Fußball, Basketball und Handball hatten sich die Deutschen erst gar nicht qualifiziert. Fast erfüllt hat sie die Kanu-Rennsport-Flotte, die von den angepeilten sieben Medaillen vor dem Schlusstag bereits sechs hatte einfahren können. Auch die Leichtathleten liegen von den acht angepeilten Plaketten nur noch drei entfernt. Allerdings hatte der DOSB auf zweimal Gold spekuliert.

Veröffentlicht hatte die Zielvorgabe nur werden müssen, weil ein Journalist - nach eigenen Angaben für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung mehrfach vergeblich bei DOSB und Ministerium die Vorgaben erfragt und deshalb Anfang Juli Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht hatte. Dieser war stattgegeben worden.

Vesper verteidigt Vorgabe

Doch wer hat solche unrealistischen Vorgaben überhaupt in die Welt gesetzt? Deutschland bewegt sich in London in etwa auf dem Peking-Niveau. Mehr Medaillen zu fordern, entbehrt eigentlich jedem Realitätssinn. Und den Verbänden, die die Vorgaben nicht erfüllen, müssen schließlich mit Mittelkürzungen aus dem Bundesinnenministerium rechnen. "Nach dem Ausgang der Olympischen Spiele werden wir gemeinsam mit dem Sport nach einer sorgfältigen sportfachlichen Analyse die notwendigen Schlüsse für die zukünftige Sportförderung ziehen", kündigte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich an.

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper verteidigte die getroffenen Vereinbarungen jedoch. "Es handelt sich hierbei um Ziele, auf die sich jeder einzelne Sportfachverband mit dem DOSB zu Beginn des olympischen Zyklus vor vier Jahren verständigt hat", erklärte Vesper. "Dies als konkrete Medaillenplanwirtschaft zu interpretieren, wäre naiv und ginge an der Sachlage vorbei. Jeder, der sich im Sport auskennt, weiß, dass sich erfahrungsgemäß nur ein Teil der Jahre zuvor identifizieren Medaillenchancen realisieren lässt."

Thiel und Co. müssen sich Fragen gefallen lassen

Doch die Diskrepanz zwischen den Ambitionen und den tatsächlichen Erfolgen stellt dem DOSB und vor allem dessen Leistungsplanern kein gutes Zeugnis aus. Insbesondere Leistungssportdirektor Bernhard Schwank und Christa Thiel als Vizepräsidentin Leistungssport müssen sich nach London unangenehme Fragen gefallen lassen, wie es zu solchen Luftschlössern kommen konnte.

Thiel hat als Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes zudem die größte Pleite seit 1932 zu verantworten. Wie vor 80 Jahren waren die Stars um Britta Steffen und Paul Biedermann im Becken ohne Medaille geblieben. Anvisiert worden waren acht Medaillen, davon zwei aus Gold.

Verbände kritisieren Zielvereinbarung

Bereits vor der Veröffentlichung gab es aus den Verbänden Kritik an den Zielvereinbarungen. Es habe harte Diskussionen statt offener Gespräche gegeben, sagte Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Konkrete Medaillenpläne seien seiner Ansicht nach unrealistisch. "Wir haben die Zielvereinbarung letztlich unterschrieben, damit wir handlungsfähig bleiben. Wir hatten keine andere Wahl", betonte Hensel in einem Zeitungsinterview.

Damit unterstrich er die intern erhobenen Vorwürfe anderer Verbandsfunktionäre, sie hätten sich zu den viel zu optimistischen Zielen teilweise zwangsverpflichtet gefühlt. "Vor allem dann, wenn es darum ging, das Medaillenziel zu definieren. Da sind die hohen Vorgaben des DOSB mit einem etwas größeren Realismus seitens der Sportverbände zusammengeprallt", so Hensel. Zum Vergleich: Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig hatte für London 54 Medaillen (15-19-20) prognostiziert.

Ruf nach Reformen im deutschen Sport werden lauter

Angesichts dieser Diskussionen verwundert es nicht, dass Der Ruf nach Reformen für den Spitzensport immer lauter werden. Weil das deutsche Team vor den letzten Entscheidungen auf Peking-Niveau liegt, fühlt sich Minister Friedrich sogar bestätigt. "Wir sind in vielen Sportarten gut aufgestellt, haben in vielen Sportarten Medaillen gewonnen, und ich glaube, das ist auch Tradition in Deutschland, sich so breit aufzustellen", so der CSU-Politiker im ZDF-Morgenmagazin. Er sei mit dem Abschneiden "nicht unzufrieden".

Mancher Sportler und Funktionär wird die Schlussfeier am Sonntag mit einem anderen Gefühl verlassen. Im globalen Wettstreit fühlen sich viele im Nachteil. "Wir setzen in Deutschland eher auf die duale Karriere, aber gerade die duale Karriere ist eher kontraproduktiv. Die Belastung der Athleten wird falsch eingeschätzt", klagte Diskus-Olympiasieger Robert Harting in der ARD.

Mit seiner Forderung nach mehr Geld und anderen Strukturen steht der Berliner nicht alleine da. Das meiste Geld in das Spitzensport-System steuert Friedrichs Ministerium mit rund 130 Millionen Euro bei. Die Bundeswehr lässt sich seine Sportsoldaten zusätzlich rund 30 Millionen Euro kosten, von der Deutschen Sporthilfe kamen über die Jahre insgesamt 14,3 Millionen Euro dazu.