In einer Saison, in der eigentlich alles gegen sie lief, haben die Miami Dolphins zwei Spieltage vor Ende der regulären Saison immer noch gute Chancen, die NFL-Playoffs zu erreichen. Trotz Rassismus-Skandal und Verletzten-Misere.
Mit 8-6 Siegen liegen sie nur aufgrund des verlorenen direkten Vergleiches hinter den Baltimore Ravens, die mit der gleichen Bilanz derzeit den letzten Wild-Card-Platz in der AFC innehaben.
Zwar müssen die Dolphins auf einen Ausrutscher des amtierenden Super-Bowl-Champions hoffen, doch bei Spielen gegen die New England Patriots (10-4) und die Cincinnati Bengals (9-5) liegt dies durchaus im Bereich des Möglichen. Miami hat seinerseits mit Partien gegen die Buffalo Bills (5-9) und die New York Jets (6-8) das vermeintlich leichtere Restprogramm.
Rassismus-Skandal sorgt für negative Schlagzeilen
Dabei hatte es nach der zehnten Spielwoche noch ganz anders ausgesehen. Erschüttert vom Rassismus-Skandal um Richie Incognito und Jonathan Martin hatten die Dolphins eine peinliche 19:22-Niederlage gegen die bis dahin sieglosen Tampa Bay Buccaneers kassiert. Nach einem 3-0-Saisonstart lautete die Bilanz in Miami auf einmal nur noch 4-5.
Auch heute noch schwelt die Affäre um die beiden Dolphins-Spieler unangenehm im Hintergrund. Offensive Tackle Martin war von Guard Incognito rassistisch beleidigt und bedroht worden, was der Beschuldigte als gutgemeinte Hilfe für den jungen Kollegen im harten NFL-Geschäft abtat.
Aber nach Übergabe von Telefonmitschnitten der Gespräche zwischen den beiden Spielern an Offizielle der Miami Dolphins folgte die Suspendierung Incognitos, während Martin erklärte, er werde nicht mehr für das Team spielen. Der Skandal erregte einige Wochen landesweite negative Aufmerksamkeit und sorgte für einige Kratzer im Lack der Fins.
Verletzungen müssen kompensiert werden
Nach der Niederlage gegen die Bucs schien das junge Miami-Team schwer erschüttert und durch die Martin-Incognito-Affäre weit entfernt von einem Playoff-Platz. "Wir müssen nun auf uns selber schauen. Wir müssen alles intern untersuchen", sagte Dolphins-Besitzer Stephen Ross nach der Buccaneers-Niederlage.
Zumal die Dolphins auch einige Rückschläge durch verletzte Spieler zu verkraften hatten. Bereits in der ersten Spielwoche hatte sich Starting Tight End Dustin Keller mit einem gerissenenen Kreuzband für den Rest der Saison verabschiedet und Mitte der Spielzeit folgte Wide Receiver Brandon Gibson ebenfalls mit einer Knieverletzung. So lag es nun an den Spielern der zweiten Reihe, in die Bresche zu springen. Und das taten sie.
"Dies ist ein guter Test", hatte Dolphins-Quarterback Ryan Tannehill bereits nach der Bucs-Pleite gesagt. "Ich sage nicht, dass es leicht wird. Ich sage nicht, dass es Spaß macht, sich damit zu beschäftigen, aber ich habe den Glauben an uns nicht verloren."
"Es muss noch viel Football gespielt werden. November und Dezember werden entscheiden, wer weiterkommt", wusste auch Headcoach Joe Philbin. "Wir müssen aus unseren Fehlern lernen und uns besser vorbereiten und besser spielen."
Der Niederlage in Tampa Bay ließen die Fins einen Sieg über die San Diego Chargers folgen, mit dem das Team zeigte, dass die Saison vielleicht doch noch nicht ganz verloren war. "Wir kämpfen uns da durch", bemerkte Offensive Tackle Tyson Clabo nach dem Sieg über die Chargers. "Irgendjemand muss den letzten Wild-Card-Platz ja bekommen. Warum nicht wir?"
Eine Woche später folgte zwar eine Last-Minute-Pleite gegen die Carolina Panthers, aber auch von der ließen sich die Dolphins nicht beirren und gewannen die folgenden drei Spiele.
Starke Serie gegen starke Gegner
Und diese waren nicht gegen irgendwelche Teams. Mit 23:3 wurde zunächst der heimstarke Divisionsrivale New York Jets auseinandergenommen, bevor eine Woche später ein überzeugender 34:28-Sieg auf Schnee bei den Pittsburgh Steelers folgte.
Der vorläufige Höhepunkt war aber der 24:20-Erfolg über die New England Patriots in der vergangenen Spielwoche, der erste Sieg nach zuvor sieben Niederlagen in Serie gegen die Pats. "Wir sind enorm gewachsen. Jeder von uns ist stärker geworden durch die Widrigkeiten, denen wir abseits des Feldes und auf dem Feld gegenüber standen", befand Tannehill.
Der Erfolg der Miami Dolphins diese Saison hat viele Namen, aber ganz oben zu nennen sind Headcoach Joe Philbin und Quarterback Ryan Tannehill, beide in ihrem zweiten Jahr bei den Dolphins. Philbin schaffte es, sein Team wieder auf Football zu fokussieren, während der Rest des Landes noch über die Rassismus-Affäre diskutierte.
Tannehill hingegen steht inmitten einer steilen Entwicklung. Der 25-Jährige hat die Anzahl seiner geworfenen Touchdowns im Vergleich zur Vorsaison jetzt bereits beinahe verdoppelt (23 zu 12) und wird auch seine Gesamt-Yards deutlich verbessern (3627 zu 3294 vergangene Saison).
Hilfreich für Tannehill ist dabei natürlich, dass sein Offensive Coordinator bei den Dolphins Mike Sherman auch sein Coach am College bei Texas A&M war. Und da er bis einschließlich 2010 am College noch hauptsächlich als Receiver eingesetzt worden war, befindet er sich derzeit in einer ganz anderen Lernphase als viele seiner jungen Quarterback-Kollegen, die sich hauptsächlich nur an die NFL gewöhnen müssen, während Tannehill zusätzlich immer noch viel als Quarterback zu lernen hat.
Die zweite Reihe ist da, wenn sie gebraucht wird
Aber wie bereits erwähnt, sind es auch die Spieler aus der zweiten Reihe, die für die verletzten Starter in die Bresche gesprungen sind, die die Saison der Dolphins am Leben erhalten haben. Hier vor allem Tight End Charles Clay, der bereits 684 Yards und 6 Touchdowns in seiner Bilanz stehen hat, sowie Wide Receiver Rishard Matthews, der bis zur Niederlage in Tampa Bay gerade einmal zehn Catches hatte, seitdem aber in sechs Spielen 26 verzeichnen konnte.
Und nicht zuletzt Spieler wie Safety Michael Thomas, der erst wenige Tage vor dem Spiel gegen die Patriots aus der Trainings-Squad der San Francisco 49ers verpflichtet worden war und bei seinem NFL-Debüt zwei Sekunden vor Spielende die entscheidende Interception gegen Tom Brady fing. "Ich wusste nicht einmal seinen Vornamen", lautete Defensive Tackle Jared Odricks schlichter Kommentar zum perfekten Einstand seines Teamkollegen.
Rückschläge durch knappe Niederlagen
Sollten die Dolphins doch noch scheitern, so wäre es vor allem der Unerfahrenheit des Teams zuzuschreiben. Zu viele Partien gingen in den Schlussminuten noch verloren. So auch die direkte Niederlage in Woche 5 gegen die Baltimore Ravens als Kicker Justin Tucker mit einem Field Goal 1:42 Minuten vor dem Ende den 26:23-Sieg sicherstellte.
In Spielwoche 7 war Miami mit einer 21:17-Führung gegen die Buffalo Bills in das Schlussviertel gegangen, nur um am Ende durch zwei Field Goals von Dan Carpenter 21:23 zu verlieren. Der Trend setzte sich in Woche 10 gegen die Buccaneers fort: 19:15 vor dem letzten Spielabschnitt geführt, aber am Ende 19:22 verloren.
Und auch zwei Wochen später bei der vorerst letzten Niederlage gegen die Panthers hatten die Dolphins mit 16:13 vor dem letzten Viertel geführt, aber am Ende hieß es 20:16 für Carolina.
"Wir waren nur ein paar Spielzüge vom Sieg entfernt", so Tannehill nach der bis dato letzten Dolphins-Niederlage. "Wir müssen einfach in der Lage sein, diese Spielzüge zu machen. Es ist zu hart, jede Woche Drei-Punkte-Spiele zu gewinnen. Wenn unsere Defense so gut spielt wie heute, müssen wir einfach mehr Punkte erzielen." Gesagt, getan: Der Niederlage gegen Carolina folgte die Siegesserie mit bisher drei Spielen.
Hätte man nur zwei dieser knappen Niederlagen zuvor gewonnen, so würden die Miami Dolphins jetzt mit den New England Patriots um den Sieg der AFC East streiten und nicht um das Erreichen des letzten Wild-Card-Platzes zittern müssen. Sollte dieser tatsächlich noch an die Dolphins fallen, ist dem Team in den Playoffs aber noch einiges zuzutrauen.


