Vor einigen Wochen noch "Weltklasse", mittlerweile ein Unsicherheitsfaktor? Manuel Neuers Patzer gegen Schweden hat die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit kippen lassen. Ist der Keeper von Bayern München überhaupt noch als Nummer eins im deutschen Tor tragbar?
Klar ist die Frage irgendwie populistisch. Aber hey, "so ist's Business" würde Franz Beckenbauer wohl sagen. Sky macht es, die Welt macht es, Bild und Sport Bild sowieso - da kann sportal.de doch nicht abseits stehen. Das Thema Manuel Neuer verspricht schließlich nicht nur hohe Einschaltquoten, viele Zeitungsverkäufe an den Kiosken, sondern hat natürlich auch online hohes Traffic-Potential. Oder, "und die Frage muss erlaubt sein" würde Johannes B. Kerner sagen, warum sind Sie in diesem Artikel gelandet? Sehen Sie.
Allerdings müssen wir Sie enttäuschen. Wir wollen keine Hetzkampagne gegen Manuel Neuer starten, nur ihn, aber vor allem sein Bild in der Öffentlichkeit kritisch hinterfragen. Schließlich waren sich vor wenigen Wochen Medien, Experten, Fans und vor allem Uli Hoeneß in ihrem Urteil noch völlig einig: Neuer ist absolute Weltklasse. Doch nun soll Neuer auf einmal der große Unsicherheitsfaktor sein, nur, weil er gegen Schweden einen leichten Patzer beim Herauslaufen hatte, einmal einen Ball fallen ließ und der Schuss zum 2:4 durchaus haltbar war?
Modernes Torwartspiel fordert viel Risiko und bedingt Fehler
Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte. Natürlich ist Manuel Neuer ein super Torhüter, dadurch dass man ihm aber das Prädikat "Weltklasse" aufdrückt, wird seine Messlatte enorm hoch gelegt, jeder Fehler ausgeschlachtet und natürlich auch berechtigter Weise kritisiert. Schließlich war es gegen Schweden nicht das erste Mal, dass sich Neuer Fehler erlaubt hat, die seine Mannschaft sogar wichtige Punkte kosteten. Aber ganz ehrlich, welcher Torhüter ist nicht davor gefeit? Petr Cech nicht, Iker Casillas hatte schon seine Patzer und selbst der große Oliver Kahn griff daneben.
Geschuldet sind Neuers gelegentliche Patzer aber auch seiner modernen Interpretation des Torwartspiels - er ist der Prototyp des immer geforderten mitspielenden Keepers. Er verfügt mit dem Ball am Fuß über eine hervorragende Technik, kann es sich daher leisten mit regelmäßigen Ausflügen an die Strafraumgrenze und je nach Spielsituation darüber hinaus, als zusätzliche Anspielstation zu fungieren. Diese Fähigkeit macht er das Spiel seiner Mannschaft natürlich schneller, verleitet Neuer aber mitunter auch dazu, zu großes Risiko einzugehen, Gegenspieler lieber per Dribbling aussteigen zu lassen, statt den Ball schnell weiterzubefördern.
Neuer mitunter Schwächen beim Herauslaufen
Doch auch seine langen Pässe in die Spitze finden nicht immer so sicher ihr Ziel wie im Achtelfinale der WM 2010 gegen England, als Neuer Miroslav Kloses 1:0 vorbereitet hatte.Letzte Saison unterlief ihm beim Versuch, Thomas Müller anzuspielen, ein folgenschwerer Fehlpass, der letztlich die 1:3-Niederlage der Bayern in Gladbach einleitete. Hohes Risiko birgt allerdings auch immer die Gefahr, Fehler zu begehen. Die wenigen Patzer nach langen Bällen oder risikoreichen Abwürfen prägen sich natürlich umso mehr ein, wenn sie spielentscheidend sind.
Genau wie Neuers Probleme bei hoch in den Strafraum gespielten Bällen. Die Frage "Should I stay or should I go" beantwortet er mitunter falsch, wie zu Beginn der Vorsaison beim 0:1-Treffer von Gladbachs Igor de Camargo. Konzentrationsmängel? Ausbaufähiges Stellungsspiel? Hier hat Neuer Luft nach oben, auch wenn nicht jede Unsicherheit bestraft wird, wie in der Vorsaison gegen den HSV, als Neuer einen Freistoß unterlaufen hatte und Heung-Min Son traf. Höheres Risiko im modernen Torwartspiel geht natürlich manchmal zulasten der Sicherheit.
Überragende Reflexe darf Neuer zu selten zeigen
Ein Spagat, den man aber einkalkuliert, wenn man sich für einen modernen Torhüter wie Manuel Neuer als Torwart entscheidet. Spagat ist aber auch ein gutes Stichwort, bringt er uns doch zu seinen großen Stärken - den überragenden Reflexen, die ihn im Spiel auf der Linie und im Eins-gegen-Eins hervorstechen lassen. Natürlich kann es nicht immer so überragend laufen wie einst mit Schalke gegen Porto, wo Neuer die Portugiesen mit artistischen Paraden zur Verzweiflung brachte.
Aber angesichts der starken Abwehr von Bayern München kommt er auch nur noch selten in die Lage, diese Fähigkeiten auch abrufen zu müssen. Spektakuläre Paraden, die gute Noten in der Presse und positive Schlagzeilen garantieren, müssen bzw. können die Konkurrenten zeigen. Zum Beispiel René Adler vom HSV, der laut kickwelt.de bereits acht Großchancen in dieser Bundesliga-Saison vereiteln konnte und somit berechtigter Weise als großer Rückhalt des HSV gilt. Neuer kam bisher erst auf zwei Rettungstaten. Vielleicht ein Grund, warum Adler in vielen Umfragen derzeit vor dem Münchner liegt?
Die nackten Zahlen täuschen allerdings, schließlich muss René Adler auch insgesamt deutlich mehr Fehler seiner HSV-Vorderleute ausbügeln als der Konkurrent, musste zudem bereits elfmal hinter sich greifen und hielt nur 78 Prozent der auf sein Tor abgegebenen Schüsse. Neuer parierte dagegen 88,2 Prozent und holte in der Bundesliga erst zweimal den Ball aus seinem Gehäuse. Starke Werte, die zusammen mit seiner mentalen Stärke, die ihn im Champions-League-Halbfinale und Endspiel zum Elfmeterkiller werden ließ, und der großen internationalen Erfahrungen auch weiterhin befähigen, die Nummer eins im deutschen Tor zu sein.
Neuer Nummer eins - Adler die perfekte Konkurrenz
Und mal ganz ehrlich, Jogi Löw wäre doch auch mit dem Klammerbeutel gepudert, würde er jetzt allen Ernstes eine Torhüter-Diskussion aufkommen lassen. Was allerdings nicht bedeuten soll, dass René Adler nicht in den Kader der Nationalmannschaft gehört. Vor allem deutsche Torhüter stehen nun einmal immer unter Druck, müssen sich andauernd beweisen und mit ähnlich starken, bzw. gleichstarken Konkurrenten messen und an deren Leistungen messen lassen. Adler ist die perfekte Konkurrenz, die Neuer Feuer machen wird, um zu beweisen, dass er zu Recht die Nummer eins ist.
Angesichts seines bisherigen Karriereverlaufs darf nicht daran gezweifelt werden, dass ihm das auch gelingen könnte. Mit Druck kann er schließlich umgehen, Fehler immer schnell abhaken. Im Champions League-Spiel gegen Inter 2011 verschuldete er unglücklich per Kopfballabwehr den Rückstand, steckte das aber schnell weg und trug mit tollen Paraden erheblich zur 5:2-Sensation bei. Und wer hatte im Champions League-Finale gegen Chelsea nicht nur einen Elfmeter gehalten, sondern auch noch selbst einen souverän versenkt - und das nur eine Woche nach fünf Gegentoren und zwei Patzern im DFB-Pokalfinale gegen den BVB? Neuer, der vielleicht nicht Weltklasse ist, aber dank seiner erst 26 Jahre und Lernpotential, auf dem Weg dahin.
Öffentliche Meinung schwingt im Fußball schnell um
So schnell kann es im Fußball gehen, so schnell sich öffentliche Meinung wieder drehen. Oder erinnert sich noch jemand daran, dass der HSV ziemlich viel Kritik von Fans und Beobachtern hatte einstecken müssen, als er René Adler vor Saisonstart verpflichtete. Unvorstellbar eigentlich, dass jemand ernsthaft Zweifel an seiner sportlichen Qualität haben konnte... Aber einige starke Leistungen reichten aus, um die Anti- in eine Pro-Stimmung kippen zu lassen.
Bei Neuer wird das sicherlich nicht anders sein. Vielleicht schon nach dem Champions League-Auftritt in Lille, wo die Bayern unter Siegzwang stehen? Danach wird dann vielleicht schon wieder eine andere Sau durch das Dorf getrieben. Und wetten, dass wir und natürlich auch Sie dann wieder dabei sein werden?

