Wollten Sie immer schon wissen, wie man die Klitschkos vermarktet? Wie das ganze Business funktioniert? Kein Problem! Denn wir haben die Anleitung für Sie: Profit garantiert. Niederlage ausgeschlossen. Jetzt müssen Sie nur noch Wladimir oder Vitali kennen lernen.
1.) Einen Fighter auswählen, der in den Rankings nicht all zu weit oben steht, aber dennoch nach den Regularien für einen Titelkampf eines der Verbände in Frage kommt
Da die Klitschkos Weltmeister sind, dürfen sie natürlich gegen nicht irgendeinen Feld-, Wald- und Wiesenboxer kämpfen oder einen abgehalfterten Ex-Champion wie Butch Coolidge. Es muss jemand sein, der als Herausforderer für einen WM-Fight in Frage kommt. Praktischerweise besitzt etwa Wladimir mehr Gürtel als das neunbändige Armadillo und es findet sich gewiss in irgendeinem der vielen Verbände jemand, der dafür in Frage kommt, ohne deshalb selbst ein hammerharter Spitzengegner zu sein.
Zwar stimmt es nicht, dass nur Gegner der Kategorie "ukrainische Busfahrer", wie es in Branchenkreisen heißt, gegen die Klitschko-Brüder antreten. David Haye und Tomasz Adamek waren in den letzten Jahren durchaus namhafte Kontrahenten, wobei Adamek eigentlich nicht in der richtigen Gewichtsklasse zu Hause ist. Aber von den sieben im Schwergewichtsranking der Fachseite boxrec.com hinter den Klitschkos geführten Boxern haben vier noch nie gegen die Brüder gekämpft.
2.) Das Zauberwort heißt "freiwillige Titelverteidigung"
Normalerweise muss ein Weltmeister ca. alle zwei Jahre seinen Titel verteidigen. Das heißt zwar nicht, dass der Gürtel sonst weg ist - siehe der Fall Felix Sturms, der drei Jahre lang nicht gegen Gennady Golovkin boxen wollte, seinen Titel inzwischen aber an Daniel Geale verloren hat. Wenn nun gerade keine Pflichtverteidigung ansteht, dann kann man noch willkürlicher, entschuldigung: flexibler vorgehen. Man kann sich dann in gewissem Rahmen selbst einen Gegner aussuchen.
Dieser Gegner muss nur unter den ersten 15 des Rankings eines der Verbände, in denen man einen Titel hält, auftauchen. Werfen wir nun einen Blick auf Mariusz Wach, den Gegner Wladimirs vom Wochenende, so stellen wir fest: Wie praktisch! In den Rankings von IBF und WBO steht der Pole genau auf 15, in der WBA auf 14. Eine Hand wäscht die andere, und nach sportlichen Kriterien geht es bei den Rankings der Verbände ohnehin nicht in erster Linie.
Wach ist also schon einmal der idealtypische Kandidat: Er ist so niedrig gerankt, wie es nur irgend geht, erfüllt aber trotzdem alle formalen Voraussetzungen. Jetzt noch Termin festlegen, Austragungsort mit großer Halle, besser noch: Stadion buchen, und es kann losgehen mit der nächsten Phase.
3. Eine von zwei Strategien wählen, um den Gegner interessant zu machen. Oder gleich beide.
Grundsätzlich ist zu sagen: Das System Klitschko funktioniert über die Bekanntheit und Attraktivität der Klitschkos, und nicht deswegen, weil die Gegner so gut sind. Legendäre Duelle wie früher Graciano Rocchigiani gegen Dariusz Michalczewski oder Rocky Balboa gegen Apollo Creed sind schön und gut. Sicherer läuft das Geschäft aber, wenn es nie Gegner auf Augenhöhe gibt, sondern nur eine lange Phalanx von Sparringspartnern, die durch den Ring geschleust werden wie Statisten in einer Bud Spencer-Schlägerei.
Dass das funktioniert, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass selbst in der inszenierten Welt des Wrestling die Geschichtenerzählung nicht auskommt, ohne, dass CM Punk auch mal gegen John Cena verliert. Wie wird im Schwergewichtsboxen denn nun die Spannung aufrechterhalten, so dass Millionen auf RTL und Zehntausende in den Stadien weiter jeden Klitschko-Fight sehen wollen?
Um einen ausgewählten Gegner vor einem Fight interessanter zu machen, bieten sich vor allem zwei Wege an. Der erste besteht darin, den Kontrahenten stärker und gefährlicher erscheinen zu lassen, als er wirklich ist. "GEGNER IST GRÖSSER - Klitschko kämpft gegen Polen-Puncher" war ein einschlägiges Video auf Bild.de in dieser Woche betitelt. Da diese Taktik aber nur bis zu einem gewissen Grad greift, und außerdem das Boxen im Allgemeinen, im Falle der Klitschkos aber auch im Besonderen davon lebt, dass die Stars unschlagbar sind und nicht davon, dass sie vor jedem dahergelaufenen Preisboxer zittern, bietet sich parallel dazu Strategie zwei an.
Diese wiederum besteht darin, den Gegner nicht unbedingt sehr stark, sondern sehr unverschämt und unsympathisch zu zeichnen. Das geht am besten, indem der Kontrahent einige "respektlose" Äußerungen tätigt, die dann in allen Medien vermeldet werden können und die allgemeine Stimmung in Richtung "Hoffentlich wird dieses Großmaul so richtig verprügelt" drehen. Obwohl das mindestens so durchsichtig ist wie die Wrestling-Storylines bei Monday Night Raw, wird es immer wieder mit Erfolg praktiziert, weil fast alle deutschen Medien den Nachrichtenwert solcher Vermarktungsstrategien nicht anzweifeln.
Wirft man etwa einen Blick in die Box-Arena von Sport Bild, so hat ein Viertel aller Artikel dort jeweils eine "Pöbel-Attacke" von David Haye gegen die Klitschkos zum Thema. Wohl gemerkt: Jedes Mal eine andere "Pöbel-Attacke". Empfehlenswert ist es ferner nicht, das rituelle Wiegen der Boxer vor dem Kampf ohne Zwischenfall über die Bühne gehen zu lassen oder den Fotografen gar Bilder von freundlichen Handschlägen zu geben oder Zitate wie "Möge der Bessere gewinnen" an die Öffentlichkeit durchsickern zu lassen. Besser sind Eklats und sich finster anblickende Profisportler, die das Theater halt mitspielen.
Otto Normalfan denkt also entweder: "Der X ist ja ein toteler Unsympath", oder er durchschaut das Ganze als lustige Inszenierung, eben wie im Wrestling. Und das funktioniert ja auch. Mit dem Unterschied, dass seriöse Sportseiten in Deutschland über Profiboxen nicht wie über Wrestling berichten. Sondern wie über Sport.
