Standfußball, Langeweile, Hitzekollaps - die Horrorszenarien waren allgegenwärtig. Doch nach den ersten Spielen bei der WM erweisen sie sich erst einmal als haltlos. Das Turnier am Zuckerhut präsentiert sich bislang als wahres Offensivspektakel. Von Neymar über Arjen Robben zu Didier Drogba: Die Stars trumpfen mit Vollgasfußball auf, es fallen so viele Tore wie seit 56 Jahren nicht mehr.
Die Experten sind angetan. "Unser erster Eindruck ist, dass die Teams schon vom Turnierstart an das Toreschießen in den Vordergrund stellen. Alle scheinen hier wirklich auf Angriff spielen zu wollen", sagte der französische Erfolgscoach Gérard Houllier. Er ist einer der Spielbeobachter aus der Technical Study Group (TSG), der Gruppe der Chef-Analytiker des Fußball-Weltverbandes FIFA.
Die aktuelle Entwicklung lässt sich mit Zahlen belegen: In den elf Spielen der ersten vier WM-Tage fielen 37 Treffer, also 3,4 im Schnitt - so viele wie seit der WM vor 56 Jahren in Schweden nicht. Zum Vergleich: 2010 in Südafrika waren es zum gleichen Zeitpunkt magere 18 Törchen (Schnitt: 1,6), vor acht Jahren in Deutschland immerhin 27 (Schnitt 2,5).
Und so wackelt sogar der ewige Rekord von 1998. Denn sollte der bisherige Schnitt von knapp 3,4 Toren pro Spiel über sämtliche 64 WM-Partien gehalten werden, käme man am Ende auf 215 Treffer. Beim Endrunden-Turnier vor 16 Jahren in Frankreich fielen insgesamt 171 Treffer (ohne Elfmeterschießen).
Star trumpfen auf
Verantwortlich für den neuen Trend zum Toreschießen sind vor allem auch die Stars. Trotz einiger prominenter Ausfälle im Vorfeld werden Neymar und Co. den Vorschusslorbeeren bisher gerecht. Selbst Brasiliens Nationaltrainer geriet angesichts der Gala-Vorstellung Neymars zum Turnierstart ins Schwärmen. "Wir hatten Pelé, wir hatten Ronaldo, wir hatten Romario, Rivaldo und Ronaldinho", sagte Luiz-Felipe Scolari, "aber einen wie Neymar hatten wir noch nie."
Allein der Brasilianer, das holländische Sturmduo Robben und Robin van Persie sowie der Franzose Karim Benzema haben bei ihren WM-Premieren zusammen acht Mal getroffen. Auch Mario Balotelli, Barcelonas Stürmer Alexis Sanchez aus Chile trotzten der tropischen Hitze Brasiliens und begeisterten bei ihren ersten Auftritten die Massen. Und sogar Lionel Messi erzielte trotz einer schwachen Leistung nach 623 Minuten sein zweites WM-Tor nach 2006. Didier Drogba traf nicht, half aber eindrucksvoll, sdass seine Mannschaft zwei Treffer erzielte.
TSG-Mitglied Houllier erklärt den Tor-Boom mit der offensiven Grundausrichtung der Teams. Anstatt sich hinten rein zu stellen und auf Konter zu lauern, kämpfen die Teams vom Anpfiff an mit offenem Visier. Die Trainer setzen entgegen vieler Befürchtungen voll auf Offensive. "Es ist interessant zu sehen, dass die Teams jetzt wieder mit zwei Stürmern, Brasilien sogar mit drei beginnen. Eine Tendenz, die schon jetzt absehbar ist", sagte der frühere französische Nationaltrainer.
Zudem würde die FIFA die Torjäger mit ihren Regeländerungen besser schützen, robustes Einsteigen der Verteidiger vor allem von hinten stärker ahnden. Houllier ist sich sicher: "Am Ende wird das Team gewinnen, das wirklich auf Angriff spielt, das Risiko geht." Die Fans würde es jedenfalls freuen.

