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Von: Lars Ahrens
Datum: 11. Juni 2012, 11:34 Uhr
Format: Artikel
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GP von Kanada: Hamilton der Taktik-König, Schumacher der Pechvogel

Michael Schumacher, GP Kanada, Formel 1, F1
Michael Schumacher in der Box

Vor dem GP von Kanada glaubte Michael Schumacher so nah wie noch nie seit seiner Rückkehr an einem Sieg zu sein. Nach dem Rennen blieb die Erkenntnis, dass er nur in der Pannenstatistik einsame Spitze ist. Ganz anders war die Gefühlslage von Lewis Hamilton, der nach einer taktischen Meisterleistung seinen ersten Saisonsieg feierte.

Die Fans dürfen sich über die vielleicht spannendste Formel 1-Saison aller Zeiten freuen, in der mit Lewis Hamilton im siebten Rennen, der siebte unterschiedliche Fahrer beim Großen Preis von Kanada jubeln durfte. Es scheint, als könne inzwischen jeder ein Rennen gewinnen, nur nicht Michael Schumacher. Denn der sitzt regelmäßig schon in der Box, wenn die Zielflagge geschwenkt wird.

Das Katastrophen-Wochenende von Montreal war der vorläufige Höhepunkt in der völlig verkorksten Saison des Rekordweltmeisters. "Wenn man die Comeback-Zeit bis heute nimmt, sind wir so nah dran wie noch nie, ein gutes Resultat zu erzielen", hatte Schumacher vor dem Rennen gesagt.

Hinterher fühlte sich Mercedes-Teamchef Ross Brawn dazu bemüßigt, sich in einer offiziellen Pressemitteilung bei seinem Fahrer zu entschuldigen. "Ich möchte mich bei Michael für diesen neuerlichen technischen Defekt entschuldigen", hieß es dort. "Mir tut es auch für den Michael leid, ganz klar", fügte Norbert Haug hinzu.

Mitleid statt Champagner-Dusche - nach dem fünften Ausfall der Saison und dem vierten technischen Defekt reagierte der Rekordweltmeister mit der Gelassenheit eines 43-Jährigen, der schon alles in seinem Sport gewonnen hat.

Schumacher: Mitleid statt Champagner-Dusche

Innerlich dürfte es dennoch in ihm brodeln, denn gefühlt darf jeder mal ein Rennen gewinnen, während er mit seinen Mechanikern die Ursache für seinen Ausfall klären muss. Ganz zu schweigen davon, dass er schon im Qualifying von seinem Team zu spät auf die Strecke geschickt wurde und so keine schnelle Runde mehr hinbekam – Platz neun war die Quittung dafür.

Ein grundsätzliches Problem mit der Zuverlässigkeit haben die Silberpfeile nicht, denn Nico Rosberg sieht anders als sein Teamkollege regelmäßig die Zielflagge. Verschwörungstheoretiker mögen darin ein Zeichen sehen, Mercedes macht es eher ratlos. Schumacher konterte den abermaligen Ausfall mit Trotz: "Die Attacke ist nun also verschoben auf Valencia", erklärte er - wenn der Wagen dann mitspielt.

"Taktik-Trottel" Vettel und Alonso 

Neben Schumacher gab es noch zwei weitere Verlierer in Montreal, auch wenn Sebastian Vettel und Fernando Alonso auf den Rängen vier und fünf noch Schadensbegrenzung betreiben konnten. Letztlich mussten aber beide eingestehen, dass ihre Strategie nicht aufgegangen war und Lewis Hamilton und McLaren eindeutig den besseren Plan für das Rennen hatten.

Die Zwei-Stopp-Strategie erwies sich als Schlüssel für den ersten Saisonsieg des Ex-Weltmeisters und bescherte den Zuschauern nach einem größtenteils unspektakulären Rennen zumindest ein tolles Finale.

In dem sahen Vettel und Alonso wie die "Taktik-Trottel" aus, denn mit ihren Reifen löste sich auf den letzten Runden auch der Traum vom Sieg oder einer Top-Platzierung auf. Während Red Bull immerhin noch Flexibilität bewies und Vettel sechs Runden vor Ende neue Pneus verpasste, zog Ferrari einen nicht funktionieren Plan bis zum bitteren Ende durch.

Die Folge: Vettel fuhr bis zu vier Sekunden pro Runde schneller und fing trotz Stopp Alonso noch ab. Romain Grosjean (Lotus) und Sergio Perez (Sauber) kamen übrigens ohne Probleme mit einem Stopp ins Ziel und zeigten, dass zumindest für ihre Autos diese Strategie eine erfolgreiche Alternative war.

Und plötzlich sind die Reifen hinüber 

Die Auflösungserscheinung der Gummis bei Vettel und Alonso, werfen vor diesem Hintergrund Fragen auf. Wie kann es sein, dass in einer derart technisierten Sportart, urplötzlich und gegen jede Prognose die Reifen ohne jegliche Vorzeichen quasi nicht mehr fahrbar werden?

"Es kam dann so schleichend. Man hat es gar nicht so richtig gemerkt", erklärte Vettel seine Eindrücke. Eine bemerkenswerte Analyse in einem Umfeld, in dem normalerweise Differenzen von Sekundenbruchteilen den Unterschied machen und nicht vier Sekunden in einer Runde verloren oder gewonnen werden.

Es gibt noch Kandidaten für den nächsten Premieren-Sieg 

Dem Zuschauer kann das eigentlich egal sein, denn der Reifen-Poker von Montreal bescherte den Fans das nächste packende Rennen und den siebten Sieger der Saison. Wer jetzt glaubt, dass in zwei Wochen in Valencia endlich der erste Wiederholungstäter ganz oben auf dem Podest stehen muss, dem sei gesagt, dass es schon noch einige Kandidaten für einen Premierensieg im Feld gibt.

Wie wäre es zum Beispiel mit den beiden Lotus-Piloten Kimi Räikkönen und Romain Grosjean, die ebenso wie Sergio Perez im Sauber jeweils schon zweimal auf das Podium gefahren sind. Felipe Massa sitzt im Ferrari zumindest in einem siegfähigen Auto, ebenso wie Michael Schumacher, auch wenn der momentan andere Sorgen hat. Die Formel 1 ist auf jeden Fall noch für eine weitere Überraschung und einen achten Sieger gut.