Der eine kämpft mit einem Kahnbeinbruch, die andere startet nicht nur auf der Straße sondern auch auf der Bahn. Doch Tony Martin und Judith Arndt waren im Zeitfahren zur Stelle und holten Doppel-Silber für Deutschland. Umjubelter Held war aber Bradley Wiggins.
Bisher war die Enttäuschung in Großbritannien riesig, vor dem fünften Olympia-Tag fehlte immer noch die erste Goldmedaille - der heutige Mittwoch geht aber als goldener Tag in Annalen ein. Nach dem Gold im Zweier für die Ruder-Frauen war es vor allem Bradley Wiggins, der für Begeisterung im Gastgeberland sorgte.
Seit seinem Sieg bei der Tour de France gilt Wiggins ohnehin schon als local hero, die Goldmedaille im Zeitfahren wird diesen Zustand sicher noch erhöhen. Plötzlich ist Großbritannien ein Radsport begeistertes Land, Tausende Zuschauer säumten die 44 Kilometer lange Strecke durch London am Hampton Court Palace.
Von der ausgelassenen Stimmung an der Strecke profitierten auch Tony Martin und Judith Arndt, die jeweils die Silbermedaille gewinnen konnten. Martin trotzte seiner schmerzhaften Verletzung an der Hand, die ihn seit der Tour bremste und ihn auch beim Straßenrennen aussteigen ließ. Den dritten Platz sicherte sich mit Christopher Froome ein weiterer Brite, der bei der Tour teilweise einen stärkeren Eindruck als Teamkollege Wiggins hinterlassen hatte und als der kommende Mann im Radsport gilt.
"Fantastische" Leistung von Martin
Martin strahlte schon in den Tagen zuvor Zuversicht aus, sein Kahnbeinbruch beeinträchtigte den Zeitfahr-Spezialisten zwar noch ein wenig, aber es wurde täglich besser und er konnte einen Formanstieg ausmachen. Mit diesem Selbstvertrauen im Rücken startete Martin fulminant und lag an der ersten Zwischenzeit sogar vor der kompletten Konkurrenz. "Tony ist in der Form seines Lebens. Nach allem, was in der Saison vorgefallen ist, war seine Leistung fantastisch", jubelte dann auch der deutsche Teamchef Jan Schaffrath.
Doch Wiggins wurde nach zehn Kilometern seiner Favoritenstellung gerecht und drückte auf das Tempo. Wiggins avancierte mit seinem Sieg in 50:39 Minuten zudem zum erfolgreichsten Olympia-Starter Großbritanniens. Mit insgesamt sieben Medaillen überflügelte er Ruderer Sir Steve Redgrave - in Peking und Athen war Wiggins auf der Bahn erfolgreich gewesen.
"Ich kann es nicht in Worten ausdrücken - es ist wirklich unglaublich. Ich habe gerade erst die Tour gewonnen. Es ist phänomenal", sprudelte es aus dem Triumphator heraus. Auch Martin lobte den britischen Helden als "großartigen Sportsmann".
Chancenlos war neben Martin und Froome auch Fabian Cancellara, im Zeitfahren eigentlich eine Bank. Doch der Schweizer, der als Titelverteidiger ins Rennen ging, laborierte nach seinem Sturz im Straßenrennen noch an den Nachwirkungen eines Schlüsselbeinbruchs im April. Nach dem Rennen, das Cancellara als Siebter abschloss, krümmte er sich mit großen Schmerzen auf der Straße. Auch Wiggins und Martin mussten sich erstmal auf dem Asphalt niederlassen, danach begann für den neuen Olympiasieger seine nicht enden wollende Gratulationstour.
Arndt: Stiller Jubel statt Stinkefinger
Bei Judith Arndt denkt der gut informierte Olympia-Zuschauer an die Spiele vor acht Jahren zurück, als die damals 28-Jährige nach dem Gewinn der Silbermedaille den Mittelfinger in die Kameras streckte, um gegen die Nicht-Nominierung ihrer damaligen Lebensgefährtin Petra Roßner zu protestieren. "Petra wäre Olympiasiegerin geworden", sagt Arndt noch heute im Brustton der Überzeugung.
In London blieb der Skandal aus, Arndt feierte ihre Silbermedaille im Zeitfahren im Stillen. "Ich bin sehr glücklich, bei meinen letzten Spielen noch mal eine Medaille geholt zu haben. Ich war etwas langsamer gestartet und habe viel Zeit am letzten kleinen Anstieg gutgemacht", sagte Arndt nach ihren fünften Olympischen Spielen.
Zu Gold reichte es nicht, weil die US-Amerikanerin Kristin Armstrong einfach zu stark war. Als vorletzte Starterin ging Arndt auf die Strecke, direkt dahinter folgte die Titelverteidigerin, die im Zeitfahren einfach nicht zu schlagen war. Über die 29 Kilometer holte Armstrong 15 Sekunden auf Arndt heraus, die sich aber immerhin vor der Russin Olga Zabelinskaya platzieren konnte.
Für Arndt sind die Spiele in London trotzdem noch nicht beendet, denn die Allrounderin startet ab Freitag auf der Bahn in der Mannschaftsverfolgung. "Wir sind sehr zufrieden und stolz, dass Judith eine Medaille geholt hat", sagte Radsport-Sportdirektor Patrick Moster, der zufrieden beobachten konnte, wie Arndt mit Armstrong und Zabelinskaya vor der Siegerehrung auf einem goldverzierten Thron vor dem Palast Heinrich des VIII warten durften.
