Ohne seine großartigen Erfolge schmälern zu wollen - Michael Schumachers Abgang hinterlässt aus rein sportlicher Sicht eine überschaubare Lücke. Sebastian Vettel hat als Dreifach-Weltmeister längst aufgeschlossen. Wird er ihn bald ganz in den Schatten stellen?
Soweit wird es sicherlich nicht kommen. Schumacher war der große Pionier, der die Formel 1 in erster Linie in Deutschland, dank seiner großen Erfolge aber auch insgesamt in Europa, ja sogar weltweit zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Michael Schumacher ist und bleibt eine Legende - nicht nur des Formel 1-Sports. Er gehört in eine Reihe mit den ganz großen deutschen Weltstars wie Max Schmeling, Franz Beckenbauer, Boris Becker und Steffi Graf. Aber die sportliche Lücke, die sein zweiter Rücktritt reißt, wird deutlich kleiner sein als die nach seinem ersten Abgang.
Damals hatte er zu den Topfahrern gehört, beendete seine letzte Saison als Vizeweltmeister, der auf sieben WM-Triumphe, 91 Siege, 68 Pole-Positions zurückblickte. Das tut er zwar auch nach seinem zweiten Rücktritt, allerdings liest sich die Statistik von 58 Rennen mit gerade einmal einer Pole Position und einem dritten Platz nach seinem Comeback und einem 13. Platz in der WM-Wertung 2012 doch eher mager und macht Schumacher trotz seines großen Namens und der alten Erfolge zu einem Fahrer aus dem Mittelfeld der Formel 1.
Schumachers Strahlkraft für Sponsoren wird fehlen
Hatte ihm die erste Zeit als Rennfahrer Erfolge und ein dickes Bankkonto gebracht, profitierte er von seinem Comeback in erster Linie menschlich. "Ich habe das Verlieren gelernt", resümierte Schumacher über die neu gewonnene Tugend, die seinen Charakter um eine weitere Facette erweitert. Sein skandalfreies Image, seine Strahlkraft für Sponsoren werden der Formel 1 in jedem Fall fehlen.
Und wie groß die selbst nach ausgebliebenen Erfolgen immer noch ist, zeigt, dass Schumacher selbst nach Bekanntgabe seines Rücktritts noch neue lukrative und vor allem langfristige Werbeverträge an Land ziehen konnte. Schumacher war, ist und bleibt eine Marke. Daran wird auch sein Rentnerdasein nichts ändern.
Vettel längst in Schumi-Dimensionen angekommen
Sportlich hat er in Sebastian Vettel allerdings einen legitimen Nachfolger gefunden, der sogar drauf und dran scheint, Schumachers einzigartige Karriere noch in den Schatten zu stellen. Mit gerade einmal 25 Jahren hat er in 101 Grand Prix-Rennen schon fast alle Rekorde aufgestellt. Vettel ist der jüngste Formel-1-Fahrer aller Zeiten, der jemals in die Punkteränge fahren konnte, der jüngste der jemals eine Pole herausfuhr.
Vettel ist sogar der jüngste Grand Prix-Sieger, der jüngste Weltmeister, Doppel- und natürlich auch Dreifach-Weltmeister aller Zeiten und gehört damit schon zum illustren Kreis der größten WM-Legenden. Zum Vergleich: Als Michael Schumacher seinen dritten WM-Titel unter Dach und Fach gebracht hatte, war er ganze sechs Jahre älter als Vettel. Würde sich Vettels Serie fortsetzen, könnte er auch Schumachers Bestmarke von sieben WM-Titeln bereits mit unter 30 erreichen. Von den anderen Bestmarken, die Schumacher derzeit noch hält, mal ganz zu schweigen.
Beide ähneln sich auch vom Charakter her
Nicht nur was die Erfolge anbelangt, sind sich die beiden sehr ähnlich. Auch menschlich und vor allem in der Art, wie sie ihren Job verrichten, ähneln sich die beiden, die zu ihrer jeweiligen Zeit beide als Wunderknaben galten bzw. gelten. Hier hat sich der allerdings etwas extrovertiertere Vettel einiges von seinem fast 20 Jahre älteren Vorbild abschauen können. Beide brennen vor Ehrgeiz, arbeiten akribisch an der eigenen körperlichen Fitness und bis spät in die Nacht auch an Verbesserungen am Auto.
Sie können sich, aber auch ihr Team mit ihrer direkten Art zum Maximum pushen. Hart, aber meistens fair. Davon profitierte einst Ferrari unter Schumacher, Vettel trieb Red Bull damit nach dem Durchhänger zu Saisonbeginn zurück zur Höchstleistung und legte den Grundstein für den dritten Titelgewinn 2012. Erfolg, aber nicht bei der Konkurrenz beliebt zu sein, ist ihr Antrieb. Beide nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, vorhandene Missstände aufzudecken. Schumacher lieferte sich einst legendäre Schlagabtausche mit Damon Hill und anderen Kollegen, Vettel geriet wiederholt mit Narain Karthikeyan aneinander.
Aber diesen gewissen Egoismus braucht es einfach, um in der Formel 1 erfolgreich sein zu können. Freundschaften unter Fahrern sind daher im Profi-Motorsport auch eher selten. Der altersmilde Schumacher und sein junger Nachfolger scheinen da eine positive Ausnahme zu sein. "Wenn man bedenkt, dass er gerade mal über 100 Grand Prix hat und schon die dritte Meisterschaft, kann man nur gratulieren. Es macht mich auch ein bisschen stolz, er ist ja ein Kumpel von mir", meinte Schumi.
Schumacher und Vettel: gemeinsamer Sieg beim Race of Champions?
Aber unter lebenden Legenden ist es natürlich auch leicht, gönnen zu können. Zumal Schumi, der Pionier selbst dann nicht in Vergessenheit geraten wird, sollte Vettel ihn tatsächlich dereinst auch nach WM-Titeln überholen. Sie werden in den Annalen und Ruhmeshallen des Sports gut nebeneinander existieren können, die Anerkennung ohne Probleme teilen können. So wie zum Jahresausklang vielleicht auch noch einmal den Sieg beim Race of Champions. In Bangkok will das deutsche Duo dort den Titel verteidigen. Schumi wird dann vielleicht noch einmal den Daumen zeigen können, Vettel seinen Zeigefinger - Altmeister und legitimer Nachfolger. Seite an Seite
