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Von: Daniel Raecke
Datum: 15. November 2011, 21:55 Uhr
Format: Artikel
Diskussion:
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Was wir aus dem Klassiker gelernt haben

Deutschland, Niederlande, Mesut Özil
Cover 203

Die höchste Niederlage der Niederlande seit 15 Jahren, und das in Hamburg - Deutschland hat sein Trauma von 1988 beeindruckend verarbeitet. Aber was bedeutet das alles für die EM? Wir haben nach der Analyse des Klassikers fünf Thesen aufgestellt.

Der 3:0-Sieg Deutschlands gegen die Niederlande war im direkten Duell zweier EM-Favoriten ein eindrucksvolles Statement der DFB-Elf. Welche Schlüsse lassen sich aus dem Spiel in Hamburg ziehen? Wir haben fünf Erkenntnisse zusammengetragen.

1.) 4-2-3-1 funktioniert für die DFB-Elf am besten
Nach dem turbulenten 3:3 in Kiew war klar, dass das Experiment mit einer Dreierkette für die Nationalmannschaft keine Zukunft haben würde. Das zeigte das Spiel gegen die Elftal, obgleich die Innenverteidigung nicht ohne Fehler blieb (Per Mertesackers früher Patzer hätte fast das 0:1 verschuldet).

Doch von der Stabilität her scheint die angestammte Abwehrformation ebenso überlegen wie für den schnellen Spielaufbau, ein zentrales Element des deutschen Spiels, und etwas, das der Theorie nach durchaus mit einer Dreierkette gut funktionieren könnte - in der Praxis aber eben zumindest momentan nicht.

2.) Miroslav Klose, nicht Mario Gomez, ist die ideale Spitze für das deutsche System
Wer hätte gedacht, dass man die formstarke Tormaschine Mario Gomez ausgerechnet im Moment in Frage stellen würde? Dass wir das tun, liegt aber nicht an Gomez, sondern an Klose. Als Mittelding zwischen einer Spitze und einem Zehner, als Zehneinhalb, wie die Italiener sagen würden, wusste der Lazio-Star sowohl als Vollstrecker wie auch als Vorbereiter zu glänzen.

Kloses extreme Spielintelligenz ist derart beeindruckend, dass man sich schon fragt, warum dieser Mann auf Vereinsebene nicht viel mehr erreicht hat. In der zweiten Halbzeit schloss Klose einmal überhastet ab, aber das war auch das Einzige, was man ihm an diesem Galaabend zum Vorwurf machen konnte.

3.) Bastian Schweinsteiger ist für das DFB-Team nicht so unersetzlich wie für den FC Bayern
Eine Einsicht, die man mit Vorsicht genießen muss, denn in der Weltklasseform, die Schweinsteiger in den ersten Monaten der Saison zeigte, wäre es absurd, ihn für komplett ersetzbar zu halten. Doch anders als die Münchner, die sich ohne den vielleicht besten deutschen Spieler zuletzt schwer taten, sah das deutsche Spiel gegen die Niederlande so aus, wie man es auch mit dem Bayer erwartet hätte.

Das war vor allem das Verdienst einer starken Leistung von Sami Khedira, seiner besten Vorstellung in dieser Saison. Gemeinsam mit Toni Kroos bildete der Madrider eine starke Doppelsechs.

4.) Die individuelle Qualität der Niederländer nimmt rapide ab, wenn Stammspieler ausfallen
Es mag auch einer nicht optimalen taktischen Einstellung durch Bert van Marwijk geschuldet gewesen sein (zu offene Grundordnung gegen einen so konterstarken Gegner), aber die Gegentore, die die Elftal kassierte, ließen sich allesamt auch individuellen Schwächen zuordnen.

Beim 1:0 blieb Edson Braafheid viel zu weit von Miroslav Klose weg, obwohl der Flankenball von Toni Kroos lange in der Luft war. Beim 2:0 ließ wiederum Braafheid die Flanke von Mesut Özil zu, Johnny Heitinga sah in der Mitte nur zu, wie Klose einköpfte. Und beim 3:0 waren die Doppelpässe zwischen Thomas Müller, Özil und Klose schwer zu verteidigen, aber diese Kombination konnte nur entstehen, weil die Abstimmung zwischen Mittelfeld und Viererkette der Elftal nicht stimmte.

Warum Nigel de Jong nicht von Beginn an spielte, muss Van Marwijk sich ebenso fragen lassen wie Roberto Mancini bei Manchester Citys Gastspiel in München. Mit Robin van Persie und Rafael van der Vaart wäre für die Niederlande sicher in der Offensive mehr gegangen, aber in der Abwehr bestehen echte Probleme, die letztlich eine Stärke des Oranje-Teams bei der WM - stabile Defensivarbeit - gefährden.

5.) So darf man gegen Deutschland nicht spielen
Es sollte mittlerweile genug Videomaterial im internationalen Fußball vorhanden sein, um zu wissen, dass Joachim Löws Deutschland nahezu perfekt zu kontern weiß. Das mussten England und Argentinien bei der WM erfahren. So gesehen lassen sich die Versäumnisse der niederländischen Taktik (zumindest im Nachhinein, was ja immer einfacher ist) klar benennen.

Beide Außenbahnspieler der Elftal arbeiteten kaum nach hinten mit, Wesley Sneijder scheint in seiner Karriere ohnehin nur durch José Mourinho zur Arbeit gegen den Ball zu motivieren zu sein. So fielen gleich vier Spieler der Gäste für die Abwehrarbeit aus, zudem stand die Mannschaft viel zu eng, was Deutschland zu Flankenwechseln geradezu einlud. Über die Außenbahnen erfuhren Braafheid und der bessere Gregory van der Wiel wenig Unterstützung aus dem Mittelfeld, die Innenverteidigung war mit dem Verschieben sowieso überfordert.

Das, gekoppelt mit einer insgesamt nicht kompakten Grundordnung, war letztlich die Voraussetzung dafür, dass Deutschland so auftrumpfen konnte. Das tat es brillant. Aber ein besser eingestellter Gegner hätte diese Gefahr zumindest eindämmen können.

Daniel Raecke