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Von: Daniel Raecke
Datum: 01. Dezember 2012, 09:00 Uhr
Format: Artikel
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Vor dem Duell Bayern München gegen Borussia Dortmund: Der Titel ist schon vergeben

Robert Lewandowski, Mario Gomez, Franck Ribéry, Bayern München, Borussia Dortmund
Robert Lewandowski und Mario Gomez: Wir wissen nicht, wer heute Abend jubelt. Aber wir wissen, wer es im Mai sein wird.

Gerne würden wir vor dem sogenannten Spitzenspiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund die Spannung anheizen und den Abend der Entscheidung ausrufen. Leider müssen wir Ihnen stattdessen mitteilen, dass es um gar nichts mehr geht. Bayern ist nämlich schon Meister. Aber lesen Sie selbst.

"Zu 82 Prozent" sei Bayern schon Deutscher Meister, ließ die Deutsche Presse-Agentur in dieser Woche verbreiten, nachdem die Münchner mit dem Sieg in Freiburg vorzeitig die Herbstmeisterschaft sichergestellt hatten. 82 Prozent? Wie waren die Kollegen auf diese Zahl gekommen? Die Methodik bedarf einer näheren Erklärung. Sie hatten die übliche Rechnung "Wie viele Herbstmeister wurden am Ende der Saison auch Meister?" modifiziert und nur die Herbstmeisterschaften des FC Bayern gezählt.

Nun fragt sich natürlich: Warum das? Mit Wahrscheinlichkeitsrechnung hat das jedenfalls nichts zu tun. Schließlich besteht das einzig Seriöse an der Frage, wie oft ein Herbstmeister diesen Zwischenerfolg über die Zeit retten konnte, darin, dass ein bestimmter Vorsprung mit einer zu bestimmenden Wahrscheinlichkeit ausreicht, um am Ende vorne zu stehen. Der FC Bayern der frühen 1970er Jahre hat aber statistisch gesehen nichts mit dem FC Bayern von heute zu tun, also ist es sinnlos, dessen Resultate mit einzubeziehen, die der anderen Herbstmeister aber zu ignorieren.

Das muss man aber auch gar nicht, um zum Ergebnis zu kommen, dass der FC Bayern in dieser Saison seine Herbstmeisterschaft in der Rückrunde wird veredeln können. Wie groß die Wahrscheinlichkeit ausfällt, hängt wie immer von der genauen Aufgabenstellung ab, aber wenn man will (und wir wollen), dann kann man ohne Probleme zu dem Schluss kommen, dass sie bei 100 Prozent liegt. Und das geht so:

Erst zum dritten Mal: 37 Punkte nach 14 Spielen

Sehen wir uns zunächst mal an, wie viele Mannschaften schon einmal nach 14 Spieltagen 37 Punkte hatten. Das ist einfach, selbst wenn man die Ergebnisse vor 1995 in das Drei-Punkte-System umrechnet: Es gab erst drei Fälle, in denen eine Mannschaft so erfolgreich war: Bayern 2005/06, Dortmund 2010/11 und Bayern in der aktuellen Saison 2012/13. In den ersten beiden Fällen wurde die entsprechende Mannschaft jeweils Meister - 2006 mit fünf Punkten Vorsprung, 2011 mit sieben Zählern.

Es müssen ja vielleicht nicht genau 37 Punkte sein. Wie oft waren es denn überhaupt schon mehr als 30 Punkte nach 14 Spielen? In 24 von bisher 50 Bundesligajahren hatte der Tabellenführer drei Spieltage vor Ende der Hinrunde mehr als 30 Punkte. Von den 23 Fällen, deren Ausgang wir schon beurteilen können, reichte das 17 mal zum Meistertitel. Ergibt eine Quote von knapp 74 Prozent, also noch unter der von der dpa errechneten Marke.

Eine vernünftige Einschätzung ist das aber nicht. Denn warum sollten Teams, die 31 statt 37 Punkten hatten, als Indikator für die Titelchancen des FC Bayern in der laufenden Saison dienen? Streichen wir also die Tabellenführer Köln 1963 (Meister), Nürnberg 1967 (Meister), Bayern 1992 (2.), Eintracht Frankfurt 1993 (5.), Borussia Dortmund 1995 (Meister), Bayern 2007 (Meister) und Hoffenheim 2008 (7.). Sie alle hatten 31 Punkte nach 14 Spielen.

Erst drei Mal: Nicht Meister mit mehr als 31 Punkten nach 14 Spielen

Von den 16 Teams, die mehr als 31 Punkte hatten, wurden nur drei nicht Meister. Damit wären wir dann immerhin bei den 82 Prozent, die die dpa aktuell ermittelt hatte. Aber auch diese Zahl ist viel zu niedrig. Sehen wir uns die verbliebenen Beispiele fürs Scheitern einmal genauer an.

Der 1. FC Kaiserslautern hatte 1978 32 Punkte nach neuer Rechnung, drei mehr als der spätere Meister HSV. Felix Magaths VfB Stuttgart war nach seinem überragenden Saisonstart 2003 nach 14 Spielen noch ungeschlagen und hatte es auf 34 Punkte gebracht, zwei mehr als Werder Bremen - der Meister am Ende der Saison. Und die Mannschaft mit den meisten Punkten, die am Ende nicht zum Titel reichten, war (wie könnte es anders sein) Bayer Leverkusen, unter Klaus Toppmöller im Vizekusenjahr 2001/2002. 36 Punkte nach 14 Spielen reichten damals nicht aus für Platz eins nach 34 Spielen.

"Na also", hören wir schon die Gegner der Stochastik ausrufen: "Nur ein Punkt weniger, und sie sind auch noch abgefangen worden. Da ist noch gar nichts entschieden!". Tja. Das stimmt zwar auch schon deshalb nicht, weil 36 Punkte immer noch einer weniger sind als 37, vor allem aber auch deshalb, weil die Chance, aus 36 Punkten eine Meisterschaft zu machen, ja dadurch beeinflusst wird, wie viele Punkte die Konkurrenz zum gleichen Zeitpunkt hat. Und da sehen wir: Leverkusen hatte 2001 vier Punkte mehr als der spätere Meister BVB.

Erst dreimal: Kein Meister trotz fünf Punkten Vorsprung nach 14 Spielen

Das bringt uns zum Vergleich der größten Vorsprünge, die nach 14 Spieltagen nicht ausreichten - natürlich der besseren Vergleichbarkeit halber immer auf Drei-Punkte-System hochgerechnet. Und da sehen wir: Nur zwei größere Vorsprünge als vier Punkte wurden noch verspielt: Bayerns fünf gegenüber Werder Bremen 1992 und Eintracht Frankfurts "Bye, bye, Bayern"-Vorsprung von ebenfalls fünf Punkten ein Jahr später. Interessanterweise auch damals von Klaus Toppmöller. Interessanterweise vom gleichen Toppmöller, der als Spieler 1978/79 zum ersten Mal in der Bundesligageschichte mit seiner Mannschaft Kaiserslautern trotz mehr als 30 Punkten nach 14 Spieltagen noch den Titel verspielte.

Aber auch ohne diesen spezifischen Seuchenvogel-Faktor bleibt festzuhalten. Fünf Punkte war das Äußerste, was nicht reichte. Und nun der FC Bayern 2012: Zehn Punkte Vorsprung. Elf auf Dortmund. Natürlich ist es mathematischer Unsinn, von einer Wahrscheinlichkeit von null Prozent zu sprechen. Ähnlich sinnvoll, wie von einer Super-GAU-Wahrscheinlichkeit von null Prozent in deutschen Kernkraftwerken zu sprechen, weil es noch nie einen Super-GAU in einem solchen gegeben hat.

Die Freunde des "Jedes Spiel fängt immer bei null an"-Theorems werden ebenso wie die Anhänger der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik darauf insistieren, dass Bayern erst dann zu 100 Prozent Deutscher Meister ist, wenn es keinen denkbaren Verlauf der Saison mehr gibt, der mit einem anderen Ausgang endet. Nun untersuchen wir aber keine Elementarteilchen, sondern Fußballmannschaften, und wir sind Sportjournalisten, keine Quantenphysiker. Und selbst ohne jedes Sportfachwissen wird man feststellen, dass alle Kennziffern in diesem Fall für Bayerns Meistertitel sprechen.

Fassen wir noch einmal zusammen: Noch nie reichten 37 Punkte nach 14 Spielen nicht zum Titel. Noch nie reichten sechs oder mehr Punkte Vorsprung nach 14 Spielen nicht zum Titel. Und wenn wir das erfasst haben, dann kommt der Moment, in dem wir einen auf sportjournalistische Hose machen und sagen: Bayern ist übrigens auch die beste Mannschaft der Bundesliga. Was die Chancen weiter verringert, dass wir hier einen historischen Zusammenbruch erleben. Das ganz neutral, denn ähnlich haben wir in Sachen Statistik im April argumentiert, um den bevorstehenden Titel des BVB zu begründen.

Die einzig gute Nachricht in Sachen Spannung: Die Schale ist vergeben. Aber heute Abend kann Borussia Dortmund durchaus gewinnen. Viel Spaß!