Fünf Abgängen stehen gerade einmal zwei Neueinkäufe gegenüber. Der drastische Sparkurs des VfB Stuttgart könnte zu Lasten der Qualität gehen. Ein konkretes Saisonziel haben die Schwaben daher noch gar nicht ausgegeben. sportal.de checkt die Lage in Stuttgart.
Der Trainingsauftakt beim VfB Stuttgart war kein besonders gutes Omen für die Saison 2012/13. Bei strömendem Regen mussten Bruno Labbadia und seine Mannen die erste Einheit der neuen Spielzeit absolvieren. Stehen Sie am Ende der Saison etwa auch da wie die begossenen Pudel? Die engen Rahmenbedingungen lassen eine Wiederholung des letztjährigen sechsten Platzes jedenfalls ziemlich fraglich erscheinen.
Denn auf Anordnung von Präsident Gerd Mäuser muss der Personaletat in dieser Saison von bisher 50 Millionen auf 40 Millionen Euro eingedampft werden. Heißt: Der Spielraum für neue Spieler ist klein, während die direkte Konkurrenz aus Wolfsburg und Hoffenheim investieren konnte, war beim VfB Stuttgart Schmalhans Küchenmeister.
"Wir haben einen klaren Wettbewerbsnachteil gegenüber unseren Konkurrenten, und wir müssen aufpassen, dass der Abstand zu diesen Vereinen nicht zu groß wird", warnte Labbadia im kicker. "Die neue Saison wird eine große Herausforderung." Ein klar definiertes Saisonziel auszugeben, lehnt der Coach daher auch ab. sportal.de betrachtet die Baustellen beim VfB Stuttgart gute sieben Wochen vor Saisonbeginn in den Drei Fragen etwas näher.
Geht der schwäbische Sparzwang zu Lasten des Erfolgs?
Mit den Abgänge von Julian Schieber, Timo Gebhart, Stefano Celozzi, Matthieu Delpierre und Khalid Boulahrouz, den man aus finanziellen Gründen hatte ziehen lassen müssen, habe der Kader "fraglos an Qualität verloren, wenn man sieht, welche Spieler gegangen und gekommen sind", erklärte Labbadia der Stuttgarter Zeitung. Allerdings wohl eher in der Breite, denn in der Spitze.
Denn der VfB hätte Celozzi am liebsten schon im Winter abgegeben, Delpierre hatte nach schwerer Verletzung ohnehin längst den Anschluss verloren und auch Gebhart zählte zuletzt nicht unbedingt zu den großen Leistungsträgern.Von den insgesamt eingenommenen knapp sieben Millionen Euro wurden aber nur gerade einmal 300.000 Euro zurück in die Mannschaft investiert.
Dafür kamen der ablösefreie Tunay Torun, der bei Absteiger Hertha zuletzt auch nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers herausgekommen war, und für eine Leihgebühr Tim Hoogland, der nach dem Boulahrouz-Abgang entstandene Lücke auf rechts schließen soll, sich allerdings in den letzten anderthalb Jahren immer wieder mit Verletzungen herumschlagen musste, in der abgelaufenen Saison für Schalke gerade einmal auf drei Bundesliga-Einsätze gekommen war.
Statt auf Millionen-Transfers setzt Stuttgart vermehrt auf Eigengewächse. Die noch bis Jahresende verletzte Leihgabe Daniel Didavi kehrt aus Nürnberg zurück, dazu stoßen Antonio Rüdiger (Abwehr), Kevin Stöger, Raphael Holzhauser (beide Mittelfeld) und Torhüter André Weis aus der zweiten Mannschaft in den A-Kader. Letztere bekommen aber Zeit zur langsamen Entwicklung. Angesichts dieser personellen Ausgangslage ein schmaler Grat, auf dem die Stuttgarter wandeln, zumal weiterhin die Gefahr droht, noch mehr an Qualität einzubüßen.
Innenverteidiger Serdar Tasci soll angeblich vom FC Barcelona umworben werden und auch Stürmer Cacau werden Abwanderungsgedanken unterstellt. "Wir verfügen nicht über die Mittel, um gleichwertigen Ersatz zu holen", warnte Labbadia im kicker vor den drohenden Konsequenzen sollten auch diese beiden Spieler noch den Club verlassen und der ohnehin nicht üppig besetzte Kader noch weiter ausgedünnt werden.
Hier bleibt Labbadia nur die Hoffnung - genau wie im Fall von Mamadou Bah und Johan Audel. Die waren bereits vor zwei Jahren verpflichtet worden, wurden aber immer wieder von Verletzungen am Durchbruch gehindert. Vielleicht schlägt jetzt ihre Stunde? Oder vielleicht finden die Stuttgarter auf dem Transfermarkt doch noch das eine oder andere richtige Schnäppchen? Obwohl Manager Fredi Bobic erklärte: "Wir sind erstmal zu, es ist nichts geplant."
Wie kann Qualitätsverlust ohne Kapital-Einsatz ausgeglichen werden?
"Wir müssen immer an die 100 Prozent kommen, um nicht runterzufallen", machte Labbadia auf jeden Fall deutlich und wies darauf hin, dass die fehlende Qualität im Kader nur durch das Kollektiv aufgefangen werden könne. Will heißen, die Spieler müssen eine Einheit bilden, die das vom Trainer gepredigte System bestehend aus aggressivem gegen den Ball arbeiten, Bälle zu erzwingen und schnelle Konter zu fahren, konsequent und vor allem perfekt umsetzt. Vorteil: Die Truppe ist bereits weitgehend eingespielt.
"Wenn nur ein paar Dinge schiefgehen, können wir auch mal um einige Plätze nach hinten rutschen", schob Labbadia im kicker sogleich eine Warnung hinterher. Zumal der VfB auch noch in der Europa League aktiv ist, also zumindest in der ersten Jahreshälfte permanenter Doppelbelastung ausgesetzt sein wird. Um die dafür nötigen körperlichen Grundlagen zu schaffen, waren den Spielern bereits in den Urlaub umfangreiche Trainingspläne mitgegeben worden, um sie zum regulären Trainingsstart bereits bei 80 Prozent ihres Leistungsniveaus zu wissen.
Ist die geringe Stuttgarter EM-Beteiligung ein Vorteil?
Von daher könnte die fehlende EM-Präsenz des VfB Stuttgart sich als kleiner Vorteil erweisen. Nachdem Boulahrouzs Vertrag nicht verlängert worden war, Tasci von Jogi Löw nicht nominiert und Cacau kurz vor Abreise nach Polen aus dem vorläufigen Aufgebot gestrichen wurde, stellte der VfB mit de Dänen William Kvist gerade einmal einen Nationalspieler bei der diesjährigen EM. So schwach war die internationale Präsenz der Schwaben zuletzt vor zwölf Jahren gewesen.
Da das Turnier für Dänemark bereits nach der Vorrunde beendet war, erschien Kvist auch nur mit einwöchiger Verspätung zum Trainingsauftakt. Beste Voraussetzungen also für Bruno Labbadia, um seine Mannschaft kompakt vorzubereiten, damit sie den Fußball spielen kann, "der uns ausgezeichnet hat, wir wollen agieren, nicht reagieren und de Leute begeistern", sagte er im kicker. Bekommt er das umgesetzt, würde die von ihm beklagte mangelnde Euphorie rund um den Club wohl von selbst entstehen. Eine mögliche Euphoriewelle wäre bei einer Fahrt ins Ungewisse sicherlich nicht der schlechteste Antrieb.
