Es ist wohl ihre letzte Chance auf den Sprung in die Weltspitze: Seit Jahren spielen Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer gutes Tennis, für ganz oben reichte es aber nie. Jetzt erreichten sie das Wimbledon-Viertelfinale - und wollen in Hamburg nachlegen.
Es war ein noch nie da gewesener Erfolg, ein Abschneiden, das so schnell keine Wiederholung finden dürfte. Vier deutsche Tennisspieler erreichten in Wimbledon das Viertelfinale, so viele wie nie zuvor bei einem Grand-Slam-Turnier. Überraschend war vor allem der Erfolg von Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer.
Kohlschreiber und Mayer vor dem Sprung in die Weltspitze
Beide hatten in ihrer Karriere schon ihre Erfolge, der Durchbruch blieb aber aus. Und beide sind mit 28 Jahren in einem Alter, das nicht mehr viele gute Chancen bieten dürfte. Doch nach den Erfolgen in London stehen beide mit Rang 21 und 22 in Weltrangliste so gut da, wie selten zuvor. Das deutsche Spitzen-Duo hat sich für den Rest des Jahres eine optimale Ausgangslage erspielt, um die Top 15 der Welt anzugreifen. Der Sprung in die Weltspitze soll ausgerechnet in Hamburg, dem Tor zur Welt, beginnen.
Eigentlich ist alles vorbereitet am vergangenen Freitag auf der Anlage am Rothenbaum, Kohlschreiber stellt sich einigen Journalisten. Doch als er die Kamerateams in dem kleinen "Kaminzimmer" sieht, bemerkt er, dass etwas nicht stimmt und verschwindet mit einem kurzen "Mütze vergessen". Wenig später ist Kohlschreiber wieder da, inklusive Kopfbedeckung, und ist nun auch so ausgerüstet, dass seine Sponsoren dem TV-Bild nicht entgehen.
"Der Wimbledon-Erfolg fühlt sich noch immer extrem toll an", erzählt Kohlschreiber. Er ist kein großer Redner, verändert selten die Tonlage. Würde man nur nach seinem Gesichtsausdruck gehen, und den Ton weglassen, könnte man es auch für möglich halten, dass er in Wimbledon in der ersten Runde ausgeschieden wäre.
Kohlschreiber: "Ein bisschen Glück mit den Gegnern"
Und im Fünfsatz-Krimi gegen Thomas Haas fehlte auch nicht viel, und es wäre direkt wieder vorbei gewesen. Doch Kohlschreiber siegte in - und profitierte anschließend davon, dass sein möglicher Drittrundengegner Rafael Nadal zuvor scheiterte. Die folgenden Gegner Malek Jaziri, Lukas Rosol und Brian Baker waren Pflichtaufgaben, erst beim Viertelfinal-Aus traf Kohlschreiber mit Jo-Wilfried Tsonga auf einen gesetzten Spieler.
Kohlschreiber kann gut einschätzen, wie sein erster Karriere-Einzug in die Runde der besten Acht bei einem Grand-Slam-Turnier zustande gekommen ist. "Ich kann nichts dafür, welche Gegner ich bekomme. Aber ich habe die Chance genutzt und hatte das notwendige Quäntchen Glück." Doch eine kleine Spitze kann er sich dann doch nicht verkneifen: "Bei Roger Federer fragt auch keiner nach den einfachen Gegnern, die er in den ersten Runden hatte", sagt Kohlschreiber. Auf einer Augenhöhe mit dem Schweizer Weltranglistenersten sehe er sich aber nicht.
Leichte Punkte in Hamburg
Über die Entstehung des Erfolgs wird schon in ein paar Wochen keiner mehr sprechen. Wichtig ist nun, dass Kohlschreiber seine Ausgangslage nutzt. Und die Chancen dafür stehen äußerst gut. Denn: Kohlschreiber ("Natürlich fühlt sich Rang 20 besser als an Platz 50") hat bis zu den US Open kaum mehr Punkte zu verteidigen. Beim Masters-Turnier in Cincinnati unmittelbar vor den US Open sind es noch 90, das war's. Sprich: Kohlschreiber kann sich fast nur noch verbessern. Und mit schon 300 zusätzlichen Punkten wäre er stand jetzt auf Platz 15. Dazu kommt, dass er in Hamburg im Vorjahr im Achtelfinale und bei den US Open gar in der ersten Runde ausschied.
Da in Hamburg das Feld nun aber auf 32 Spieler verkleinert wurde, sind die Punkte noch leichter zu holen. Kohlschreiber hat am Rothenbaum noch nie überzeugt, doch nun spricht auch die Auslosung für ihn. In der ersten Runde geht es gegen Landsmann Björn Phau, anschließend geht es wohl gegen Fabio Fognini. Beide stehen außerhalb der Top 50.
Super-Ausgangsposition für Kohli
Und auch bei den US Open wird Kohlschreiber das Punkten einfacher gemacht als zuletzt. Der Deutsche wird auch dort wohl als Top-24-Spieler antreten und kann so frühestens im Achtelfinale auf einen der Top-Stars treffen. Doch würde er bis dahin kommen, hätte er schon 180 Punkte sicher. Eine gute Ausbeute. "Ich will mich nicht verrückt machen lassen, aber es ist eine Super-Ausgangsposition", gibt sich Kohlschreiber noch defensiv.
Doch der 28-Jährige hat sich bestmöglich vorbereitet, trainiert bereits seit Mittwoch in Hamburg und verzichtete dafür auf das Turnier in Stuttgart. Eine Entscheidung, die nicht überall gut ankam. "Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber fehlen hier leider, was ich persönlich nicht ganz verstehe", kritisierte Boris Becker.
Mayer will wieder in die Top 20
Allerdings sollte man den Spielern auch zugestehen, eine eigene Planung zu machen, zumal die kommenden Wochen, zumindest für Kohlschreiber, mit den Olympischen Spielen anstrengend genug werden. Bei Florian Mayer ist das anders, er hat sich gegen einen Start in London entschieden. Er will sich stattdessen auf die ATP-Turniere fokussieren, auch er will wieder in die Top 20.
In seinem Fall wird dies allerdings schwieriger. Zwar muss er zunächst außer dem Viertelfinale in Hamburg nichts verteidigen, doch zum Jahresende 2011 feierte er mit dem Turniersieg in Bukarest und dem Viertelfinale beim Masters-Turnier in Shanghai gute Erfolge - die er nun verteidigen muss. Zumindest am Rothenbaum scheint ein erneuter Einzug in die Runde der besten Acht realistisch. Zum Auftakt trifft Mayer auf einen Qualifikanten, anschließend geht es gegen den ungesetzten Robin Haase oder Landsmann und Wildcard-Starter Matthias Bachinger.
Kriegt Mayer die dritte Laola-Welle?
Und Mayer kommt mit guten Erinnerungen zurück nach Hamburg. Vor zwei Jahren erreichte er das Halbfinale. Am Sonntag sagte er: "Ich habe in meiner Karriere zweimal eine Laola bekommen. Beide Male in Hamburg."
Mayer hatte zuletzt in Wimbledon offenbart, dass ihm die Erstrunden-Partien keinen Spaß bereiten würden. Er setze sich zu sehr unter Druck, die Favoritenrolle würde ihn belasten. Doch nach dem Viertelfinaleinzug dürften die Zweifel behoben sein. Die Grundlage für weitere Erfolge.
