Heimkehrer, Aushängeschild, Hoffnungsträger: Es gibt kaum eine Rolle, die Tommy Haas beim Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum nicht übernehmen soll. Doch: Der 34-Jährige scheint die Erwartungen von Fans und Veranstalter erfüllen zu können.
Für das Tennisturnier in Hamburg gibt es in diesem Jahr zwei Ankündigungsplakate. Auf beiden Plakaten bilden Titelverteidiger Gilles Simon und Florian Mayer die Nebenrollen. Im Zentrum der ersten Version stand Gael Monfils. Der Franzose spielt spektakulär, er lockt Zuschauer an. Doch Monfils ist seit Monaten am Knie verletzt, er verpasste die French Open und Wimbledon. Sein Kommen war von Beginn an unwahrscheinlich. Kurz vor dem Turnier sagte er ab - und Tommy Haas übernahm die Führungsrolle auf den Plakaten.
Der 34-Jährige kehrt erstmals seit sechs Jahren in seine Geburtsstadt zurück, er ist der einzige aktuelle deutsche Tennisprofi, den die Leute kennen auch wenn andere in der Weltrangliste besser dastehen. Doch die Verantwortlichen setzten, auch aus Mangel an Alternativen, voll auf die Karte Haas. Eine durchaus riskante Entscheidung. Da er ungesetzt ist, war sein Abschneiden nur schlecht zu planen. Zudem gilt Sand nicht gerade als Haas Spezialbelag, zuletzt scheiterte er in Stuttgart in Runde zwei.
In Hamburg geht es bisher auf. Am Mittwoch schlug Haas Titelverteidiger Gilles Simon nach einer umkämpften und gutklassigen Partie. Er wird am Freitag sein Viertelfinale gegen Landsmann Florian Mayer bestreiten - und hat in dieser Form gute Chancen, es zu gewinnen. Mayer sagte: "Ich bin nicht der Favorit, aber auf so einem langsamen Sandplatz habe ich die größten Chancen." Zudem hoffe er, dass auch ein paar Zuschauer vor Ort sein werden. Der Großteil aber wird mit Haas fiebern, dem Turnier-Zugpferd im Viertelfinale.
Denn besser hätte es für die Fans und den Veranstalter kaum laufen können, hatten sie doch vor dem Turnier das Thema Haas größtmöglich gespielt. Es war zu einer kleinen Haas-Mania am Rothenbaum gekommen. Der Turnier-Sender RothenbaumTV erklärte ihn zum "Aushängeschild" und Ullrich Pingel, Sportchef des übertragenden Lokal-Senders Hamburg1, sagte: "Als der in Halle gewonnen hat, stand ich so zu Hause im Wohnzimmer (Anm. der Red.: Pingel zeigt eine Jubelpose) und dachte 'Yeah, der Mann ist gut drauf'." Wobei er schon ein wenig Angst habe, "dass wieder einer - in Anführungsstrichen - der ekligen Spanier gewinnt."
Und weiter ging's: Haas durfte am Sonntag auf dem Centre Court trainieren, die Fans jubelten bei jedem Gewinnschlag. Am Montag übte er auf einem Nebenplatz, drei Kamerateams waren dabei. Zuschauer wurden von den TV-Moderatorinnen befragt, wie sehr sie die Teilnahme von Haas freuen würde. Der 34-Jährige war die ganz große Nummer. Die Lokalpresse vereinbarte Fototermine an der Alster, das ganze Programm eben.
Haas bediente die Anfragen und gab die gewünschten Antworten. Beim Pressegespräch am Montag bezeichnete er Hamburg als einen "einfach wunderschönen Fleck". Seine Freude sei groß, die Heimat endlich seiner Verlobten Sara Foster und seiner 20 Monate alten Tochter Valentina zeigen zu können. Die Reeperbahn natürlich, "wo es ein bisschen crazy ist", seine Grundschule in der Tornquiststraße und das Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer. Dazu die Straßen, in denen er früher Fahrrad gefahren sei, die Lieblingseisdiele in Blankenese und das Restaurent Schlachterbörse.
Am wichtigsten sei ihm aber, sein Elternhaus in der Weidenallee 45 zu besuchen. Er wolle einfach klingeln und hoffe, dass ihm aufgemacht werde. "Vielleicht habe ich Glück und die haben gerade aufgeräumt. Wenn nicht, sind die Chancen, dass sie mich reinlassen, sicher nicht so groß", sagte Haas. Die Hamburger Presse spielte mit und bat die Bewohner zu öffnen, falls es der Tage unerwartet klingeln solle. Haas' Gedanken an die Orte seiner Jugend erinnerte ein wenig an Monopoly - und die Weidenallee 45 war die Schlossallee.
Am wichtigsten aber war, dass Haas sportlich die Erwartungen erfüllte. Er besiegte zum Auftakt Martin Klizan 6:2, 6:1 und sagte: "Es ist mir selbst ein Rätsel, dass es schon wieder so gut läuft." Doch der Slowake war ein dankbarer Auftaktgegner, hatte er sich doch vorwiegend mit Erfolgen bei zweitklassigen Turnieren auf die Weltranglisten-Position 59 vorgespielt. Als Haas auf der Pressekonferenz gefragt wurde, ob es nicht ein "leichter Gegner" war, antwortet er: "Wenn Sie das sagen: Ja. Waren Sie schon Mal die Nummer 60 der Welt?"
Kritische Fragen sind im Tennis nicht allzu gerne gesehen. Florian Mayer verdrehte bei einer schon mal die Augen und wendete sich ab, antwortete dann nur: "Kein Kommentar." Stattdessen durfte Vater Peter Haas in der Bild-Zeitung erklären, woher der starke Wille seines Sohnes kommt. "Schon mein Vater war ein guter Sportler. Radrennfahrer. Damals gings noch härter zu. Die sind trotz Platten und Nägeln weitergefahren."
Seinen Willen bewies Haas auch gegen Simon, als er einen Satzrückstand drehte. Dabei kassierte er im dritten Break trotz 40:0-Vorsprung ein Break, nahm aber Simon anschließend auch den Aufschlag ab. "Da war ich schon stolz, direkt das Re-Break geschafft zu haben", so Haas. Ärger gab es nur, als der Stuhlschiedsrichter einen Ball klar im Aus gesehen hatte. "Es nervt mich, wenn er sagt, dass der Ball einen Zentimeter draußen gewesen sei. Das war er sicher nicht. Und es waren noch andere strittige Entscheidungen. Es ist seine Aufgabe, so was zu sehen", sagte Haas.
Doch der Ärger war nur ein Nebenaspekt der Haas-Show: Nach dem Sieg sprach der Stadionsprecher von einem Tag, "der in die Geschichte eingeht". Anschließend stimmte er die Laola-Welle an.
