Mit der WM steht im Handball das nächste Großereignis bevor und das, obwohl 2012 schon EM und Olympia stattfanden. Die Spieler leiden unter dem Stress und der Fan kann sich die Turniersieger kaum merken - sportal.de plädiert für ein Umdenken.
Sie sind Handball-Fan und können trotzdem nicht alle Titelträger der Olympischen Spiele, Europa- und Weltmeisterschaften der letzten Jahre auflisten? Kein Wunder, denn in wohl keiner anderen Sportart werden ähnlich viele bedeutende Titel innerhalb kürzester Zeit vergeben.
Während im Fußball zwei große Turniere in vier Jahren auf dem Programm stehen, wird beim Handball mit der Weltmeisterschaft in Spanien bereits der achte Titel seit dem sensationellen WM-Erfolg der DHB-Auswahl 2007 ausgespielt. Da kann man leicht den Überblick verlieren.
Überangebot mit negativen Folgen
Der Ruf nach einem Ende des Überangebots taucht von vielen Seiten auf. Kurz vor Beginn der Handball-WM in Spanien präsentiert sportal.de Ideen für einen neuen Spielplan, der den Handball wieder spannend macht und auch den Spitzenhandballern in Deutschland, die inzwischen auf über 60 Pflichtspiele pro Jahr kommen, Entlastung bietet.
Doch nicht nur für die Zuschauer verlieren die großen Nationenturniere ihren Reiz. Immer mehr Spitzenspieler verkünden ihren Rücktritt aus dem Nationalteam, immer häufiger gönnen sich Routiniers eine Auszeit. Zuletzt schlug die Absage von Holger Glandorf hohe Wellen. Dabei wird schnell vergessen, wie massiv die Belastung für die Handballer der Top-Clubs in den letzten Jahren angewachsen ist.
Spieler stoßen an ihre Grenzen
69 Pflichtspiele für die Nationalmannschaft und den Verein standen beispielsweise im Kalenderjahr 2012 für die drei Kroaten im Team des HSV Handball auf dem Programm. Akteure des THW Kiel hätten alleine durch die Erfolge in der Liga, dem Pokal, der Champions League und der Club-WM auf 61 Spiele kommen können. Da verwundert es nicht, wenn Verletzungen verschleppt werden und der Körper streikt oder Spieler die Flucht in europäische Ligen mit geringerer Belastung ergreifen.
Denn Pausen können sich die Spitzenhandballer in Deutschland kaum noch leisten. Ausrutscher in der Liga verbauen schnell den Weg zur Meisterschaft. In der Champions League und bei den Europa- und Weltmeisterschaften geht es ab dem ersten Spieltag um eine möglichst gute Platzierung, die ein Weiterkommen oder die Teilnahme bei einem Nachfolgeturnier ermöglicht. Wir schlagen daher einen Umbau unter dem Motto "Mehr Qualifikationen - weniger Spiele - mehr Spannung" vor:
Europa- und Weltmeisterschaften
Im Unterschied zum Fußball wird im Handball auch der Weltmeistertitel im Grunde genommen zwischen den europäischen Nationen ausgetragen. Der letzte Einzug eines nichteuropäischen Teams in die Top 10 datiert auf das Jahr 2005. Der Handball hat Nachholbedarf, was die Verbreitung des Sports anbelangt. Die Lösung kann aber nicht sein, dass alle zwei Jahre 24 zum großen Teil völlig chancenlose Teams zum Turnier anreisen. So beendete Australien die WM seit 2005 regelmäßig als Letzter. Selbst in der Partie um den vorletzten Platz gingen die Handballexoten 2011 mit 23:33 gegen Bahrain, das sich erstmals für den Wettbewerb qualifiziert hatten, unter.
Unser Vorschlag: Die Europa- und Weltmeisterschaften werden jeweils alle vier Jahre ausgetragen. Die Teilnehmerzahl der WM wird auf 16 Teams reduziert, der zeitliche Rahmen des Wettbewerbs jedoch beibehalten. Durch die Entzerrung erreichen die Teams nicht mehr völlig ausgepowert das Finale, sodass statt der unansehnlichen Abwehrschlachten - wie so oft in den letzten Jahren - wieder spektakulärer Handball zu bestaunen ist.
Champions League
Derzeit nehmen 24 Teams an der Gruppenphase der Champions League teil. Der Sinn der Gruppenphase hat sich uns nie so ganz erschlossen: Jeweils sechs Teams spielen die Platzierungen für das Achtelfinale aus. Doch wer ausscheidet steht eigentlich schon im Vorhinein fest.
Fünf Monate mussten beispielsweise in der vergangenen Spielzeit Bjerringbro-Silkeborg, Sarajevo und Belgrad als fleißige Punktelieferanten durch Europa reisen. Zu allem Überfluss kommt es in dieser Saison bereits in der Gruppenphase zu nominell spektakulären Duellen zwischen den Top-Clubs Atletico Madrid und THW Kiel sowie Füchse Berlin und FC Barcelona.
Ausscheiden wird keines der Teams durch eine Niederlage und selbst ein zweiter Platz stellt kein Hindernis für den Einzug ins Viertelfinale dar. Die Champions League muss dringend verschlankt werden. Mehr Teams werden durch die Qualifikation geschickt, nur noch 16 Teams kämpfen um den Einzug ins Viertelfinale.
Champions League mit echten Champions, deutlich weniger Partien (sechs statt zehn Vorrundenspielen) und dafür viel mehr Spannung. Auch die Fernsehstationen werden nicht zu kurz kommen, haben die deutschen Teilnehmer in den letzten Jahren doch eine starke Rolle gespielt und damit viele Spiele garantiert.
Club-Weltmeisterschaft
"Money rules the world." Auch im Handball lassen sich bestimmte Marktmechanismen nicht so leicht abschalten. Das treibt teilweise absurde Blüten: 2012 traten die Spieler von Montpellier als Leihspieler für den Sadd Sports Club aus Katar beim Super Globe an. Es geht um hohe Siegprämien für die europäischen Teilnehmer und somit wollen wir dem skurrilen Treiben noch kein endgültiges Ende bescheren, sondern künftig in den EM- und WM-freien Jahren die Champions-League-Sieger der vergangenen beiden Spielzeiten in die Wüste schicken. Im Januar wird der Ausflug in die Sonne auch die Stimmung der gestressten Stars ein wenig heben.
Bundesliga
Wohl kaum etwas spiegelt den Zustand des Handballs in Deutschland besser wider als ein Blick auf die zerrissene Ligatabelle. Teilweise beträgt die Differenz der bestrittenen Partien bis zu drei Spiele. Spiele vom 23. Spieltag werden an den Saisonanfang vorgezogen, Einzelspiele gerne kurzfristig umterminiert, da sie besser in den Sendeplan passen und Teilnehmer der europäischen Wettbewerbe müssen ihre Spiele vorziehen oder später nachholen. Damit muss Schluss sein.
Handball gehört - wie jede Sportart - ins Wochenende! Uns ist klar, dass auch die Handballer von Fernsehgeldern abhängig sind. Wenn Zweitligafußballer montags kicken können, können Handballer auch dienstags oder mittwochs ihre Tore werfen. Aber bitte in Maßen und nicht zum Leidwesen der Zuschauer.
