...wer ist der beste 10er im Knappenland? Königsblau sucht einen neuen Spielmacher. Julian Draxler und Lewis Holtby melden Ansprüche an. sportal.de sagt, warum die gemäßigte Transferpolitik Sinn macht und ob es einen neuen Mesut Özil auf Schalke gibt.
Wird es jemals eine größere Spielerpersönlichkeit als Raul auf Schalke geben? Diese Frage können wir nicht beantworten. Allerdings gab es auch vor Raul schon Spieler, die auf der Position hinter den Spitzen spielten und es wird auch in der kommenden Saison ein Spieler dort agieren. Ein Spieler? Mit Julian Draxler, Lewis Holtby, Alexander Baumjohann und Jose Manuel Jurado hat Schalke gleich vier Spieler, die für die 10er Position prädestiniert sind.
Schaut man in die Schalker Vergangenheit, dann haben schon so einige zentrale offensive Mittelfeldspieler ihre Kreisel in den Schalker Rasen gezogen. Fritz Szepan und Ernst Kuzorra (taktische Position nicht mit heutigen 10er vergleichbar) sorgten einst dafür, dass der Ball kurz, flach und schnell durch die Reihen des Gegners gespielt wurde. Günther Schlipper konnte mit sich selbst Doppelpass spielen, Marc Wilmots zwang das Runde in das Eckige und Lincoln hatte die Lizenz zum No-Look-Pass. Aber dann kam Raul! Der Senior war ein Ballstreichler, ein Schlitzohr, ein Lupferkönig. Der Spanier hinterlässt ein schweres Erbe.
1) Wer ersetzt Raul?
Schalke 04 hat von einer Verpflichtung von Rafael van der Vaart Abstand genommen. Nicht nur weil der Tottenham-Star vermutlich das Gehaltsgefüge der Schalker gesprengt hätte. Die Knappen wollen ihren jungen Talenten nicht den Weg verbauen. Julian Draxler und Lewis Holtby sind die Kandidaten für die Position hinter den - oder der einzigen - Spitze. Mit Alexander Baumjohann und Jose Maunel Jurado gibt es sogar noch zwei Backups.
Julian Draxler deutete bereits an, dass er seine Torgefährlichkeit auf dieser Position steigern könnte. "Meine Lieblingsposition, die Zehn, ist jetzt frei geworden. Ich weiß nicht, ob ich sie auch spielen darf. Aber ich denke schon, dass ich dort zum Beispiel um einiges torgefährlicher werden kann", so Draxler im kicker. Auch Lewis Holtby meldet Ansprüche an. "Ich kämpfe um die Position", so der 21-jährige gegenüber bild.de. "Ich will Klaas-Jan Huntelaar vorne das Leben so leicht wie möglich machen. Es war immer eine meiner Stärken, andere in Szene zu setzen. Mein Ziel ist dazu, selbst zweistellig zu treffen."
Wer von den Fähigkeiten die beste Zehn für Schalke ist, muss letztlich Huub Stevens entscheiden. Julian Draxler ist dribbelstark, beidfüßig und schneller als Holtby. Der ehemalige "Bruchwegboy" hat den besseren Blick für den Nebenmann und ist durch seine linke Klebe ebenfalls sehr schussstark. Beide geben sich allerdings auch pflegeleicht.
"Auch auf der linken Seite spiele ich weiterhin sehr gerne, wenn der Trainer mich dort sieht", versichert Draxler im kicker. Lewis Holtby kann auch im defensiven Mittelfeld eine Art Achter geben. "Die Position liegt mir von meiner Laufstärke her, auch meine Zweikampfstärke hat sich dort gut entwickelt. Letztlich sind die beiden Youngster flexibel einsetzbar. Durch die Neuzugänge und den Abschied von Raul ergibt sich insgesamt mehr taktische Variabilität für Huub Stevens. Und das, obwohl Schalke auf den Einkauf neuer Stars verzichtet hat.
2) Was nichts kostet, ist nichts wert?
Es kamen zwar keine Stars des Kalibers Raul oder Van der Vaart, aber die beiden ablösefreien Transfers von Tranquillo Barnetta und Roman Neustädter machen Sinn. Barnetta ist für die linke Seite vorgesehen, so dass Draxlers Positionswechsel in die Mitte optimal aufgefangen wird. Neustädter ist die defensive Variante auf der Doppelsechs, sodass auch ein eventuelles Vorrücken von Holtby kein Loch in die Taktiktafel reißen würde. Zudem kann Stevens mit den neuen Leuten das System leichter umstellen und neben dem 4-2-3-1 der letzten Saison auch ein 4-4-2 mit flacher Vier im Mittelfeld spielen. Für einen Spieler gab Schalke allerdings viel Geld aus. Zuviel, so vor-urteilten bereits viele Schalker Fans.
Chinedu Obasi kam bereits in der Winterpause. Schalke zog die Option und verpflichtete den Nigerianer für vier Millionen Euro. Er ist damit der einzige "Neuzugang", der Geld kostete. Doch Obasi spielte bislang mit dauerhaften Schmerzen und wurde schnell als Fehlgriff abgestempelt. Eine Metallplatte, die Obasi zu Hoffenheimer Zeiten wegen einer Stressfraktur ins Schienbein eingesetzt worden war, drückte aufs Gewebe. "Er wollte damit Gas geben, aber das war nicht so einfach", verteidigt Huub Stevens den Offensivspieler. Die Platte wurde entfernt. Obasi muss nun noch einige Wochen pausieren, verpasst große Teile der Vorbereitung, könnte anschließend aber endlich der Obasi werden, den wir aus seiner Hoffenheimer Anfangszeit kennen.
3) Wer wird der neue Özil?
Schalke fährt also weiter den Konsolidierungskurs ohne, das es im Kader an Konkurrenzkampf mangelt. Im Tor balgen sich Lars Unnerstall (21), Ralf Fährmann (23) und Timo Hildebrand (33) um den Stammplatz. Unnerstall plagt sich mit hartnäckigen Achillessehnenproblemen herum. Er könnte seinen Bonus aus der letzten Saison in der Vorbereitung schon unfreiwillig verloren haben. Mit Joel Matip, Benedikt Höwedes, Kyriakos Papadopoulos, Christoph Metzelder und Youngster Sead Kolasinac ist die Abwehrzentrale gut besetzt. Links liegt Christian Fuchs vor Sergio Escudero (der sich leicht verletzt hat). Auf der rechten Seite kann Atsuto Uchida, Marco Höger oder doch wieder Benedikt Höwedes spielen.
Im defensiven Mittelfeld ist Jermaine Jones wohl gesetzt. Um den zweiten Platz kämpfen Neuzugang Roman Neustädter, Christoph Moritz, Marco Höger sowie in der offensiven Variante Lewis Holtby. Auf der rechten Seite sind alle froh, dass Sprinter Jefferson Farfan geblieben ist, Obasi und Baumjohann sind die Alternativen. Links stehen Barnetta, Draxler und Jurado bereit. Im Sturm führt kein Weg an Torschützenkönig Klaas-Jan Huntelaar vorbei. Teemu Pukki, Ciprian Marica und Talent Philipp Hofmann haben nur Außenseiterchancen.
Apropos Hofmann. Der bullige Stürmer aus der Schalker Jugend konnte seinen älteren Kollegen zeigen, wie das mit der deutschen Meisterschaft funktioniert. Die Schalker A-Jugend ist in diesem Jahr durch einen 2:1-Sieg gegen Bayern München deutscher Meister geworden. Die letzte U 19-Meistermannschaft konnte Schalke 2005/06 mit dem Nachwuchs gewinnen. Damals im Team der Knappen dabei: Ralf Fährmann, Benedikt Höwedes und ein gewisser Mesut Özil. Wer wird also der neue Özil oder ist ein neuer Höwedes unter der diesjährigen Siegergeneration zu finden?
Im Schalker Trainingslager spielten gleich drei Meister aus der U 19 vor. Der erwähnte Philipp Hofmann, René Klingenburg und Sead Kolasinac. Hofmann ist ein sehr kopfballstarker Stürmer, der von seinem unbedingten Willen ein Tor zu erzielen lebt. Der MSV Duisburg wollte ihn bereits ausleihen, doch Hofmann will es auf Schalke versuchen. René Klingenburg ist ein technisch versierter Mittelfeldspieler, der variabel einsetzbar ist und über ein gutes Passspiel und exzellentes Stellungsspiel verfügt.
Dann wäre da noch Sead Kolasinac, der auch als "Klon von Papadopoulos" gilt. Der physisch extrem starke Abwehrspieler ist ein Zweikampfmonster, ebenso, wie sein Vorbild Papadopoulos. Die erfolgshungrigen Youngster werden Druck machen und Schalke zusätzliche Flexibilität geben. Schalke hat mit Blick auf die Talente nicht grundlos die Transferaktivitäten abgeschlossen. Jetzt muss Huub Stevens auch den Mut beweisen und die jungen Spieler einbinden.
