Aus bei der WM, peinliche Copa America-Pleite, Fehlstart in die WM-Quali - Argentinien ist derzeit nur noch dem Namen nach eine Fußballgroßmacht. Gegen Brasilien, Ecuador und die Schweiz agierte das Team zuletzt zwar überzeugender, doch der Weg zur alten Größe ist weit.
"Messi ist ein großer Geiger. Aber von wem wird er begleitet? Nicht von einem großen Symphonie-Orchester wie in Barcelona", brachte Cesar Luis Menotti in der Sport Bild die Probleme Argentiniens auf den Punkt. Die Mannschaft habe schließlich nur Lionel Messi, ein schlagkräftiges Ensemble zur Unterstützung fehle. "Es gibt hier keines, er steht in Argentinien alleine da. Das ist das Problem", so das Trainerurgestein, das Argentinien 1978 zum WM-Titel geführt hatte, weiter.
Ganz so drastisch wollte der aktuelle Nationalcoach Alejandro Sabella es nicht ausdrücken. "Wir haben dazu einen Gonzalo Higuain, einen Angel di Maria, einen Sergio Agüero", wies er im kicker auf weitere prominente Namen hin, machte damit aber sein großes Dilemma deutlich. Ein Überangebot an Offensivkräften und ein enormes Leistungsgefälle zu den anderen Positionen. Das Team ist "ohne Frage offensiv weit besser bestückt als defensiv", drückte es Sabella aus. Trotz bekannter Namen wie Javier Mascherano (Barcelona) oder Hugo Campagnaro (Napoli)
Argentinien wird von Nachwuchssorgen gedrückt
Higuain findet sich aufgrund des guten Angebots an Stürmern daher auch meist auf der Bank wieder, Enfant Terrible Carlos Tevez muss Sabella gar nicht erst nominieren. In der Abwehr und im Mittelfeld hapert es bei Argentinien derzeit gewaltig. So muss Sabella zum Beispiel auf José Ernesto Sosa auf der rechten Seite setzen. Nachdem dieser beim FC Bayern München als Fehleinkauf aussortiert worden war, trotz fraglos vorhandenen Talents sich auch beim SSC Neapel nicht hatte durchsetzen können, geht es für ihn sportlich derzeit mit zwei Toren und drei Assists in den ersten fünf Saisonspielen zwar wieder bergauf - allerdings bei Metalist Kharkiv in der ukrainischen Liga.
Auch geeignete nachrückende Kräften gibt es in Argentinien derzeit offenbar nicht. Der Verband kämpft mit großen Nachwuchsproblemen - vor allem in der Defensive, einst eine große argentinische Tugend. In Athen 2004 und Peking 2008 war noch jeweils souverän Gold gewonnen worden, für Olympia 2012 in London hatte man die Qualifikation dagegen klar verpasst. Gestern unterlag die Nachwuchsmannschaft der deutschen U21 mit 1:6. Keine guten Voraussetzungen für Sabella, um seine ehrgeizige Zielsetzung auch in die Tat umsetzen zu können: "Ich möchte Argentinien wieder zu dem Platz im Weltfußball verhelfen, den es verdient."
Trotz aller Probleme, im Vergleich zu den planlosen Auftritten Argentiniens unter Diego Maradona während der WM 2010 hat sich schon einiges getan. Das 4:3 gegen Brasilien, das 4:0 gegen Ecuador und ein 3:1-Sieg über die Schweiz nähren Hoffnung auf Besserung bei der Albiceleste. Doch auch in diesen Spielen hing eigentlich alles von Lionel Messi ab, auf dessen Geniestreiche Sabella sein System mittlerweile komplett abgestellt hat.
Argentiniens Erfolg hängt einzig und allein von Messi ab
Mit Erfolg, denn endlich knüpfte Messi auch im Nationalteam an seine großen Auftritte bei Barcelona an: Dreimal traf Messi beim Prestigesieg gegen die Erzrivalen aus Brasilien, gegen Ecuador und die Schweiz schoss er zusammen vier Tore. "Er ist ein Spieler, den man in Ruhe lassen und so wenig wie möglich ansprechen sollte", beschrieb der Trainer auf der Pressekonferenz vor dem Länderspiel gegen Deutschland seinen Umgang mit dem Star. "Wenn er zufrieden und glücklich ist, dann kommt das der ganzen Mannschaft zugute."
Doch ob Messi letztlich allein reicht, um Argentinien zu alter Größe zurück zu verhelfen? Da wird El Mago, wie Sabella seit dem überraschenden Gewinn der Copa Libertadores mit Estudiantes de La Plata (2009) gennant wird, wohl noch einige Zaubertricks mehr auf Lager haben müssen. Die Partie gegen Deutschland wird wohl kaum Aufschluss über seine Erfolgschancen geben. Schließlich liegt der Termin alles andere als günstig.
Wie bei einer Sternfahrt reisten Sabellas Spieler aus allen Erdteilen zum Freundschaftskick nach Frankfurt. Sie kamen von Tespielen ihrer Clubs in den USA, Rumänien oder aus China, wo der italienische Supercup ausgetragen worden war. Über den Fitnesszustand gaben die letzten Trainingseinheiten der Argentinier auf deutschem Boden einigen Aufschluss. "Messi ist müde", zitierte das Hamburger Abendblatt einen Teambetreuer. Ein müder Solist und ein wenig schlagkräftiges Ensemble - die Rückkehr zur alten Größe dauert so sicherlich doch noch etwas länger.
