Der Free-Agent-Markt in der NBA ist geöffnet. Welche Stars haben den Club gewechselt? Wer sind die großen Gewinner? Wer gehört neben den Dallas Mavericks zu den Verlierern? Und: Verlässt Nowitzki Dallas doch noch? Das alles gibt es im sportal.de Basket Case!
Harry Redknapp, Ex-Coach des Fußballclubs Tottenham Hotspur, wurde ob seiner wilden Aktivitäten auf dem Transfermarkt einst von einem Journalisten als Wheeler Dealer, zu Deutsch Schlitzohr, bezeichnet. Sehr zum Missfallen des Trainers, sei dazu bemerkt.
Doch was zu beginn der Transferperiode in der NBA alljährlich passiert, stellt jegliches Redknappsches Tun deutlich in den Schatten. Da werden Spieler reihum getauscht, ohne ihr Wissen an Clubs verschoben, und Agenten über Nacht zu Millionären - schließlich gibt es für jeden Wechsel, besonders den von vertragslosen Spielern, den Free Agents, Provisionen.
Zunächst kurz zum Modus. Spielerverträge laufen in der NBA grundsätzlich bis zum 30. Juni, ab dem ersten Juli sind Spieler mit auslaufendem Vertrag also in der Lage, sich einen neuen Club zu suchen. Aber auch Spieler mit laufendem Vertrag dürfen ab diesem Zeitpunkt getauscht, sprich getradet, werden. Und dann wären da noch die Restricted Free Agents - Spieler mit nur noch einem Jahr Vertrag, die sich von anderen Clubs Angebote einholen dürfen, dann aber damit leben müssen, wenn ihr bisheriger Club ohne ihr Zutun das Angebot ausgleicht und den Vertrag somit verlängert.
Zwar dürfen in diesem Jahr Verträge erst ab dem 11. Juli unterschrieben werden, da aufgrund des Streiks vom letzten Jahr der Stichtag einmalig geändert wurde, aber trotzdem ging es in der letzten Woche schon hoch her.
Harden bleibt in Oklahoma - Heat wird immer stärker
Schauen wir zunächst mal auf die Titelkandidaten. Bei der Oklahoma City Thunder geht es einzig um den Vertrag von James Harden, der im nächsten Jahr ausläuft. Doch Harden hat bereits mehrfach betont, in Oklahoma City bleiben und mit seiner - wie er es nennt - Zweitfamilie Titel holen zu wollen. Natürlich könnte er an anderer Stelle mehr Geld verdienen und sicherlich auch in der Starting Five stehen, doch die Möglichkeit, weiterhin mit Russell Westbrook und Kevin Durant zu spielen, scheint momentan für den jungen Guard die beste Option zu sein.
Meister Miami hingegen hat sich eine der bestmöglichen Verstärkungen auf dem Markt gesichert. Mit Ray Allen aus Boston kommt der erfolgreichste Dreierschütze der Ligageschichte an den South Beach - auch ein fast doppelt so hoch dotierter Vertrag konnte ihn nicht zum Bleiben bei den Celtics überzeugen, stattdessen geht der Veteran für etwa drei Millionen Dollar im Jahr zu der Heat. Für die Celtics ein herber Verlust, für die Heat hingegen der Optimalfall. Allen will noch einen Titel gewinnen und wähnt seine Chancen dafür in Florida um einiges besser. Dafür gab es eine quasi-Stammplatzgarantie, auch wenn noch nicht genau klar ist, wie die zukünftige Aufstellung aussehen soll - schließlich ist die Position des Shooting Guards eigentlich fest an Dwyane Wade vergeben.
Außerdem arbeitet die Heat fieberhaft an der Verpflichtung eines Big Man für die Centerposition - doch Wunschkandidat Marcus Camby, ein Veteran mit 16 Jahren Erfahrung in der Liga, wird wohl aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten zu den New York Knicks wechseln. Alternativ verhandelt die Heat aber auch mit Power Forward Rashard Lewis, vor wenigen Jahren noch einer der bestbezahlten Spieler der Liga, mittlerweile aber von den New Orleans Hornets aus seinem Vertrag herausgekauft und vertragslos.
Bryant lotst Nash nach Los Angeles
Ein weiterer Titelkandidat hat sich ebenfalls massiv verstärkt. Die Los Angeles Lakers haben ihr Loch auf der Spielmacherposition, das in der letzten Saison Ramon Sessions und Steve Blake nur sehr dürftig füllen konnten, mit einem äu0erst prominenten Neuzugang gestopft. Der zweimalige MVP Steve Nash, unter anderem in Miami, Dallas und Toronto auf der Wunschliste, kommt im Tausch für vier Draftpicks von den Phoenix Suns zu den Lakers.
Nicht nur das Management, auch Superstar Kobe Bryant zeigte sich hoch erfreut über die Verplichtung, zumal Nash vor Wochen noch deutlich gesagt hatte, niemals beim größten Rivalen der Suns spielen zu wollen. Doch die Chance auf die erste Meisterschaft seiner Karriere sowie die Möglichkeit, mit Bryant, Pau Gasol und Andrew Bynum drei All Stars um sich zu haben, scheint alle Zweifel beiseite gewischt zu haben. Und Bryants persönliche Anrufe bei Nash dürften wohl auch nicht geschadet haben - die Lakers-Fans freuen sich nun bereits auf die Fortsetzung der großen Lakers-Traditionen aus den achtziger Jahren, als das Team um Magic Johnson und Kareem Abdul-Jabbar ''Showtime Lakers'' genannt wurde. Was in Anbetracht von Nash Faible für spektakuläre Spielzüge durchaus im Bereich des Möglichen liegt.
Und die Lakers haben ja noch einen zweiten spektakulären Wechsel in der Mache. Da die Orlando Magic sich mit den New Jersey Nets nicht über ein Tauschgeschäft einig werden konnten, wird ein Wechsel vom besten Center der Liga, Dwight Howard, aus Florida nach Kalifornien immer wahrscheinlicher, denn die Lakers haben mit Andrew Bynum das einzige Tauschobjekt anzubieten, das die Magic gerne haben würden.
No sleep 'til Brooklyn!
Apropos Nets. Eigentlich noch in New Jersey beheimatet, aber von allen bereits als Brooklyn Nets tituliert - der Umzug findet nach Fertigstellung der eine Milliarde Dollar teuren Arena im Herzen von Brooklyn im nächsten Jahr statt - haben die Nets sich in dieser Transferperiode bereits weit aus dem Fenster gelehnt - frei nach der Devise des alten Beastie-Boys Klassikers, No sleep 'til Brooklyn. So konnte nicht nur der Vertrag von Team-USA-Spieler Deron Williams für fünf Jahre und 98 Millionen Dollar verlängert werden, auch All-Star Joe Johnson wurde per Trade aus Atlanta losgeeist. Und da man ja noch nicht genug ausgegeben hatte, wurde kurzerhand auch der Vertrag von Gerald Wallace für vier Jahre und 40 Millionen Dollar verlängert.
Allerdings sollte als Krönung ja auch noch Dwight Howard zum Team stoßen, doch trotz lauter Bekundungen, nur zu den Nets wechseln zu wollen, hat sein Club das letzte Wort. Und die Magic war von den ihnen zum Tausch angebotenen Spielern weniger als begeistert, so dass sie Howard nun auf dem Markt anbieten. Un der Hoffnung, zumindest einen All-Star, im besten Falle eben Andrew Bynum von den Lakers, zu erhalten.
Doch dies Geschäft birgt für jedes Team das Risiko, Howard, der ja nur noch eine Saison Vertrag hat, im nächsten Jahr ohne Gegenleistung zu verlieren. Und da Howard bisher nicht von seinem Wunsch, nach New Jersey aka Brooklyn gehen zu wollen, abweicht, könnte es passieren, dass er einfach noch ein Jahr in Florida bleibt, um dann als Free Agent den Verein zu verlassen.
Hinrich, Harris - und ein Comeback-Kid
Neben den großen Deals gab es natürlich auch noch jede Menge kleinere Bewegungen auf dem Spielermarkt. So holen die Chicago Bulls mit Kirk Hinrich aus Atlanta einen verlorenen Sohn zurück, um den Ausfall des am Kreuzband verletzten Derrick Rose zumindest teilweise kompensieren zu können. Hinrich, von den Bulls gedraftet und dann nach sieben Jahren nach Washington getradet, wurde weder dort noch bei den Atlanta Hawks jemals glücklich und unterschrieb deshalb ohne zu zögern einen wesentlich geringer dotierten Vertrag in seiner Wahlheimat Chicago, auch Milwaukee und Miami waren am Guard interessiert.
Und auch Ex-Maverick Devin Harris hat eine neue Heimat gefunden. Im Tausch für Marvin Williams verlässt er die Utah Jazz und schließt sich den Atlanta Hawks an. Harris, der erst vorletzte Saison im Tausch für Deron Williams von New Jersey an Utah abgegeben wurde, hofft bei den Hawks an seine alten Leistungen aus Tagen in Texas anknüpfen zu können.
An alte Zeiten möchte auch Brandon Roy anknüpfen. Jahrelang das Rückgrat der Portland Trail Blazers trat Roy im letzten Jahr zurück und verzichtete auf einen Teil der ihm noch zustehenden 63 Millionen Dollar Gehalt, was aufgrund seiner schweren Knieprobleme für jedermann verständlich erschien. Doch gute Rahe-Maßnahmen sowie ein Besuch bei Kobe Bryants Doktor in Düsseldorf scheinen Wunder gewirkt zu haben - Roy spielte bei den Minnesota Timberwolves vor und wird dort in den nächsten zwei Jahren Teamkollege von Kevin Love und Ricky Rudio sein.Versüßt wird ihm die Rückkehr mit 5,2 Millionen Dollar pro Jahr.
Jeremy Lin - New York oder Houston?
Ebenfalls gern nach Minnesota holen würden die Timberwolves Roys Ex-Teamkollegen Nicolas Batum. Der Franzose hat ein Angebot unterzeichnet, das ihm in vier Jahren knapp 50 Millionen Dollar einbringen würde. Doch der Franzose ist eben nur ein Restricted Free Agent, was bedeutet, dass Portland die Möglichkeit hat, ihm ein gleich dotiertes Angebot zu machen und ihn damit zum Bleiben zu zwingen. Und tatsächlich hört man aus Portland deutliche Stimmen, dies auch tun zu wollen, schließlich gilt Batum neben LaMarcus Aldridge als wichtigster Baustein für den Neuaufbau im Nord-Westen.
Doch auch die Trail Blazers haben ihre Fühler nach einem Restricted Free Agent ausgestreckt. Center Roy Hibbert von den Indiana Pacers hat mit 58 Millionen Dollar für vier Jahre das nach den neuen CBA-Regeln höchstmögliche Vertragsangebot für Free Agents vorliegen. Und er scheint aufgrund eines viel niedrigeren Angebots der Pacers auch zu einer Unterschrift zu tendieren. Fraglich jedoch, ob die Pacers dann nicht doch nachziehen, schließlich sind verlässliche, verletzungsfreie junge Center in der Liga das teuerste Gut.
Dem gleichen Dilemma sieht sich auch New Yorks Shootingstar Jeremy Lin gegenüber gestellt. Nicht sicher, wie sein Standing in New York ist, hat er ein Angebot der Houston Rockets angenommen, dem Club, der ihn vor Jahren draftete, nur um ihn dann wieder gehen zu lassen. Doch die Knicks werden Lin kaum ziehen lassen und das Angebot sicherlich ausgleichen. Zumal die Knicks ja extra für Lins Ausbildung Jason Kidd von den Dallas Mavericks verpflichtet haben. Der machte nach der Entscheidung deutlich, dass die Chance, Lins Mentor zu sein, eins der größten Argumente war, Dallas zu verlassen.
Clipper-Nation bangt um Chris Paul
Einigen Wirbel gab es dieser Tage bei den Los Angeles Clippers. Auf dem Transfermarkt hatte man mit der Vertragsverlängerung von Chauncey Billups, dem Einkauf von Jamals Crawford sowie der Verpflichtung von Lamar Odom genau das erreicht, was man wollte: Entlastung für Chris Paul und Blake Griffin und zudem den verlorenen Sohn Odom zurück nach Los Angeles geholt. Zu dem Club, der ihn 1999 als vierten Pick im Draft auswählte und von dem er nach vier Jahren mit unschönen Nebengeräuschen zu der Miami Heat wechselte
Für Odom verließ Mo Williams den Club in Richtung Utah, die ihrerseits Rookie Tadija Dragicevic an die Mavericks abgaben und Dallas neun Millionen Dollar Gehalt einsparen ließen. Doch dazu später mehr. Denn In Los Angeles schaute dieser Tage alles gebannt auf Chris Paul, dem ein Angebot zur vorzeitigen Vertragsverlängerung vorlag. Knapp 60 Millionen Dollar für vier Jahre - eigentlich kein schlechter Deal.
Doch da Paul erst im nächsten Jahr als Free Agent und nach mehr als einem Jahr beim Club ein Maximum-Angebot bekommen könnte (Fünf Jahre, etwa 100 Millionen Dollar), schlug er das Angebot aus. Was laut eigener Aussage nicht heißen soll, er würde nicht in Los Angeles bleiben wollen, doch sich seine Optionen offen zu halten ist in heutigen Zeiten natürlich mehr als normal. Zumal auch Blake Griffin die ihm angebotene Vertragsverlängerung noch nicht unterschrieben hat und im nächsten Jahr als Restricted Free Agent wechseln könnte.
Die Verlierer im Transfer-Spektakel
Doch wo es Gewinner gibt, gibt es natürlich auch Verlierer. Einer davon sind sicherlich die Boston Celtics, bei denen der Abschied von Ray Allen eine herbe Lücke reißt. Sicher, Allen war sich mit Point Guard Rajon Rondo schon länger nicht mehr grün und hatte im letzten Jahr immer wieder verletzungsbedingte Schwächephasen. Doch ein gleichwertiger Ersatz für den Scharfschützen wird Courtney Lee, der aus Houston kommen soll, wohl kaum werden.
Vielleicht schon eher Jason Terry, der sich mit den Celtics auf einen Drei-Jahres-Vertrag geeinigt haben soll. Terry, der den Dallas Mavericks nach eigenem Bekunden noch die Chance gab, mit dem 15-Millionen-Dollar-Angebot gleichzuziehen, musste enttäuscht feststellen, dass die Mavericks lieber Geld sparen als ihn halten wollen. In Anbetracht des Aderlasses des Clubs von Dirk Nowitzki eine völlig unverständliche Entscheidung. Und so wird Terry im nächsten Jahr wohl im Celtics-Grün zu sehen sein. Ob allerdings die Verpflichtung von Terry reicht, um gegen Miami und Chicago um die Krone im Osten mitzuspielen, ist mehr als fraglich.
Katastrophenalarm in Dallas
Und somit sind wir beim wohl größten Verlierer der Transferperiode angekommen: den Dallas Mavericks. Was war nicht alles angekündigt worden. Man wolle mit Deron Williams und Dwight Howard die ultimative Doppelverpflichtung angehen. Geld spiele dabei keine Rolle. Steve Nash sollte aus Phoenix zurück geholt werden, um mit Dirk Nowitzki ein Altmeister-Dream Team zu bilden. Jason Terry und Jason Kidd sollten als Backups gehalten werden, um den Mavs die stärkste Bank des Westens zu geben. Und nebenbei sollte noch ein defensiv starker Forward verpflichtet werden.
Und was ist geblieben? Jason Kidd geht nach New York, Jason Terry nach Boston, Steve Nash nach Los Angeles, und von D-Will und Dwight Howard ist weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen stehen die Mavericks momentan mit nur zehn Spielern da, darunter drei Rookies, sowie neben Dirk Nowitzki niemandem, der in der Lage ist, im Schnitt mehr als zehn Punkte zu erzielen. Als Verstärkungen auf dem bereits sehr ausgedünnten Markt sind nun Namen wie Aaron Brooks, Ramon Sessions, Raymond Felton oder Randy Foye im Gespräch, allesamt keine Spieler, die den Mavericks wirklich weiterhelfen können.
Unter der Salary Cap liegt man - zumindest wenn man Brendan Haywood mit der Amnestie-Klausel in die Wüste schicken würde und könnte so per Trade noch jemanden holen. Doch wer will schon einen der verbleibenden Mavs-Spieler haben? Rodrigue Beaubois, den unbeständigen Jungspund? Shawn Marion, das alternde Defensiv-Mammut? Oder Brandan Wright, die große unbekannte im Frontcourt der Mavs? Eben, nämlich niemand.
Was wird aus Nowitzki?
Mavs-Besitzer Mark Cuban kann sich glücklich schätzen, mit Nowitzki den wohl pflegeleichtesten Superstar der letzten 20 Jahre in seinen Reihen zu habe. Denn eigentlich müsste für den Deutschen alles auf eine laute Forderung nach einem Trade hinauslaufen. Mit dieser Mannschaft wird Nowitzki nämlich sicherlich nicht mehr um den Titel, geschweige denn einen weiten Run in den Playoffs, mitspielen.
Und so stellt sich die Frage: Wird Nowitzki loyal bleiben und seinem ersten und einzigen Club der Liga die Treue halten, auch wenn es mit dem derzeitigen Spielermaterial niemals für einen weiteren Titel oder auch nur ein Finale reichen wird? Oder bittet der Deutsche Teambesitzer Cuban - mittlerweile auch ein persönlicher Freund des Finals-MVPs von 2011 - um einen Trade, um bei einem anderen Club sein Glück zu versuchen? Bis März 2013 hat er dafür noch Zeit, doch es ist fraglich, ob die Mavericks tatsächlich genügend gute Spieler angeboten bekommen würden, um ihnen einen Trade ihres Aushängeschildes schmackhaft zu machen.
Der Sommer wird also noch spannend, und der Basket Case bleibt natürlich weiter dran. Trades, Verpflichtungen, erste Eindrücke aus den Trainingslagern, die nach den Olympischen Spielen beginnen - wir halten Sie auf dem laufenden.
