Das Echo auf das Doping-Geständnis von Lance Armstrong war gemischt. Während Novak Djokovic von einer Schande sprach, Greg LeMond sich echauffierte und der BRD von heißer Luft sprach, sahen Tyler Hamilton und Jens Voigt echte Reue.
Thomas Bach (DOSB-Präsident und IOC-Vize): "Man kann das Interview nur so zusammenfassen, dass es zu wenig, zu spät ist. Wenn Armstrong Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, muss er unter Eid vor den relevanten Anti-Doping-Organisationen aussagen. Was wir hier gehört haben, reicht bei Weitem nicht aus. Armstrong hat lediglich bestätigt, und auch das nur in Teilen, was die US-Anti-Doping-Behörde USADA schon vor einigen Wochen in ihrem Bericht niedergelegt hat. Insoweit gibt es keine Ansätze für neue Maßnahmen gegen Lance Armstrong oder den Radsport generell."
IOC-Erklärung: "Dies ist ein trauriger Tag für den Sport, der jedoch auch eine positive Seite haben kann, wenn diese Ausführungen dazu führen, einen Schlussstrich unter die früheren Praktiken zu ziehen. Wir erwarten von Armstrong, dass er alle Beweise den Anti-Doping-Gremien vorlegt, damit wir diese dunkle Episode beenden und vorankommen können - stärker und sauberer."
John Fahey (WADA-Präsident): "Das war eine PR-Show. Aus meiner Sicht gab es nichts Neues. Alles, was er getan hat, ist, seine Verfehlungen sehr kontrolliert einzugestehen. Er hätte sich einem Kreuzverhör vor einer zuständigen Instanz stellen sollen. Da hätte er Namen nennen müssen, von den Funktionären erzählen müssen, erklären müssen, wann wo welche Fahrer eingebunden waren."
Travis Tygart (Chef der US-Anti-Doping-Agentur USADA): "Das war ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Heute hat Lance Armstrong endlich akzeptiert, dass seine Radsport-Karriere auf einer mächtigen Kombination aus Doping und Betrug basiert hat. Wenn er es ernst meint, seine Fehler zu korrigieren, muss er ein vollständiges Doping-Geständnis unter Eid ablegen."
Pat McQuaid (Präsident des Weltverbandes UCI): "Das war ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg, den Schaden zu reparieren, den der Radsport erlitten hat, und um das Vertrauen in den Sport zurückzugewinnen. Es war verstörend, ihn zu sehen, diese Litanei von Verstößen ... Darüber hinaus hat Lance Armstrong völlig zutreffend gesagt, dass der Radsport heute ein völlig anderer Sport ist als vor zehn Jahren ... Wir haben zur Kenntnis genommen, dass Armstrong an einem Prozess der Wahrheitsfindung teilnehmen will. Das begrüßen wir."
Hein Verbruggen (ehemaliger UCI-Präsident): "Nach Jahren des Verdachts bin ich froh, dass diese Verschwörung am Ende nichts weiter als eine unbewiesene Theorie war. Diejenigen, die uns angeklagt oder verdächtigt haben, sind nun natürlich enttäuscht. Nichts ist jemals verborgen worden."
Sylvia Schenk (Transparency International): "Er hat nur das bestätigt, was längst auf dem Tisch lag. Es war ein letztes Zugeben, kein Geständnis. Der Radsport ist befallen von einem Krebsgeschwür, das derart metastasiert ist, dass jeder Mensch schon lange daran gestorben wäre. Der Radsport braucht drei, vier, fünf Jahre lang drastische Maßnahmen, um wieder Glaubwürdigkeit herzustellen."
Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Ich sehe keine großen Ansatzpunkte für weitere rechtliche Folgen. Armstrong hat sich sehr bedeckt gehalten. Er war sehr vorsichtig. Nichts ist aufgeklärt worden. Das hat man alles gewusst, es waren nur wenige Details. Die Frage ist, wie breche ich die Strukturen auf? Wie konnte es dazu kommen? Ein Neuanfang geht nur mit einer neuen Mannschaft. Man sollte das Geständnis zum Anlass für eine Stunde Null im Radsport nehmen."
Werner Franke (Doping-Experte): "Das war ein Minimalgeständnis. Armstrong hat Kollegen physisch bedroht und alle möglichen Tricks angewandt. Ich glaube dem grundsätzlich gar nichts. Er tut nur das, was nötig ist, um die eine oder andere seiner Millionen noch behalten zu dürfen."
Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Das war gar nichts, eine einzige Enttäuschung. Dass das alles so schwach war, lag auch an Oprah, der Mutter der Nation. Das war wie Bunte oder Alfred Biolek. Die amerikanische Justiz findet immer Wege, jemanden zu fassen. Ich denke, dass noch viele Dokumente existieren, die einem intelligenten und ehrgeizigen Staatsanwalt noch Anhaltspunkte geben. Ich denke, Armstrong wird noch weiter in die Enge getrieben."
Erklärung des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR): "In seinem Dopinggeständnis hat Lance Armstrong nur zugegeben, was durch die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA ohnehin längst belegt ist. In weiten Teilen war es viel 'heiße Luft', denn er hat nichts zur Erhellung und weiteren Aufklärung dieser Zeit beigetragen."
Rolf Aldag (Ex-Profi, Sportlicher Leiter Quickstep): "Er hat nicht rumgeeiert, er steht zu seiner Entscheidung und seiner Geschichte. Das Entscheidende ist aber, dass es nach dem Interview einen dritten Teil gibt, den, wo es um Aufklärung und Erneuerung geht. Es war ein Anfang für ihn, aber er muss jetzt dranbleiben."
Jörk Jaksche (ehemaliger Radprofi und geständiger Dopingsünder): "Das Outing war für die Katz. Er hat zähneknirschend eingestanden, aber er war nicht der große Aufklärer. Meine Erwartungen wurden erfüllt, ich habe mir gedacht, dass es so kommt. Die Quintessenz war, so meine ich, dass es nach seiner Ansicht offenbar das Dümmste war, wieder zurückzukommen."
Jens Voigt (Radprofi): "Er hat sich selbst in eine Ecke gedrängt und hatte keine andere Wahl. Er hat immer 'Nein, nein, nein' gesagt, aber seine einzige Option, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, war es, aufzustehen und mit allem auszupacken. Ich denke, es war eine große Belastung für ihn, und deshalb glaube ich, dass er jetzt sehr erleichtert ist. Er wurde jetzt genug bestraft, denn er kämpft wirklich. Ich glaube, er fühlt, dass sich sein Leben jetzt verändert hat. Für mich ist es wichtig, dass er reinen Tisch gemacht hat. Es würde helfen, die Quellen dahinter zu stoppen, so dass Medikamente nicht mehr von den gleichen Leuten kommen können. Aber ich denke auch, dass es jetzt zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den Organisationen kommen wird. Ich glaube, dass USADA, WADA und alle anderen Doping-Behörden an dieser Sache zusammenarbeiten werden, so dass es noch nicht vorbei ist."
Tyler Hamilton (Ex-Radprofi, Dopingsünder, Kronzeuge): Der frühere Radprofi Tyler Hamilton hat in der Dopingbeichte seines ehemaligen Teamkollegen Lance Armstrong echte Reue gesehen. "Ich denke, dass ist ein großer, großer Schritt für Lance Armstrong. Er hat endlich das Richtige getan. Und es ist niemals zu spät, die Wahrheit zu sagen."
Andy Schleck (Radprofi): "Das kommt alles ein bisschen spät. Lance war ein guter Mensch. Aber ich bin natürlich enttäuscht, da ich jetzt weiß, wie er seine Tour-Siege errungen hat."
Greg LeMond (dreimaliger Tour-de-France-Sieger): "Armstrong hat jeden zerstört, der im Radsport erfolgreich gewesen ist. Ich werde stinksauer, wenn ich höre, dass du die Tour ohne Doping nicht gewinnen kannst. Ich habe kein Bedürfnis nach Wiedergutmachung gesehen, die Gewissensbisse von jemandem, dem es ernsthaft leid tut."
Eddy Merckx (fünfmaliger Tour-de-France-Sieger): "Ich habe das nicht kommen sehen. Ich weiß nicht, wie er da hingeraten konnte, jeden zu jederzeit anzulügen. Ich stand ihm sehr nahe. Ich habe ihm oft in die Augen geblickt, und wenn wir über Doping diskutiert haben, war da ein klares Nein."
Filippo Simeoni (Ex-Radprofi, Dopingsünder und Armstrong-Gegner): "Ich begreife den Rummel um Armstrongs Geständnis, doch für mich ist all dies keine Neuigkeit. Es ist richtig, dass die Wahrheit ans Licht kommt, doch es ist noch viel zu klären. Alles ist mit der Unterstützung der Chefetagen des Radsports erfolgt. Es gab saubere Radprofis, die nichts gewannen, und Profis, die auf sehr komplizierte Weise gedopt haben. Armstrong war Mitglied der zweiten Gruppe".
Novak Djokovic (Tennis-Weltranglistenerster): "Lance Armstrong ist eine Schande für den Sport. Er soll für seine Lügen büßen. Er hat den Sport betrogen. Er hat viele Menschen auf der ganzen Welt mit seiner Karriere und seiner Lebensgeschichte betrogen."
Maria Sharapova (French-Open-Siegerin im Tennis): "Das ist eine wirkliche traurige Geschichte, traurig für diesen Sport. Ich bin glücklich, dass unser Sport sauber ist und wir konstant getestet werden."
