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Von: Marcus Krämer
Datum: 16. Oktober 2012, 07:14 Uhr
Format: Artikel
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Konkurrenzkampf im Nationalteam: Kroos will Özils Platz, Reus sticht Podolski aus

Toni Kroos, Mesut Özil, DFB
Toni Kroos (li.) hätte gerne den Platz von Mesut Özil

Jahrelang war die Nationalmannschaft eine Wohlfühloase. Diese Zeiten sind vorbei, dafür sorgen sowohl der Erfolgsdruck und die Kritik von außen als auch der interne Konkurrenzkampf. sportal.de nennt die drei härtesten Duelle und sagt, wer sich durchsetzen wird.

Bundestrainer Joachim Löw sorgte vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Irland für Wirbel, weil er Linksverteidiger Marcel Schmelzer wie eine Notlösung darstellte. Löw könne sich ja "keinen besseren schnitzen". Möglicherweise wählte Löw so drastische Worte, die er nach dem Spiel direkt relativierte und für die er sich in der gestrigen PK sogar entschuldigte, weil er auf fast allen anderen Positionen mittlerweile anderes gewohnt ist.

Schmelzer tut sich weiterhin schwer damit, seine völlig andere Ausrichtung beim BVB zu "vergessen", objektiv betrachtet fehlt ihm aber auch die Klasse für das Nationalteam. Ähnlich eng geht es nur noch im Sturm zu, wo Löw zwar auf Miroslav Klose und Mario Gomez bauen kann, dahinter bieten sich nur noch Notlösungen wie Lukas Podolski, Thomas Müller oder André Schürrle an.

Daher wird es wohl noch Jahre dauern, bis der Bundestrainer seine beiden Sorgen-Positionen zur vollen Zufriedenheit besetzen kann. Im Rest der Mannschaft wird der Konkurrenzkampf dagegen immer größer, mittlerweile gibt es 14, 15 Spieler mit dem klaren Anspruch auf einen Stammplatz. Ob sich diese Situation auch in der kuscheligen DFB-Atmosphäre, die zuletzt von Bayern-Präsident Uli Hoeneß angegriffen wurde, als leistungsfördernd herausstellen wird, werden erst die kommenden Monate und Jahre zeigen, aber bei drei Duellen stehen spannende Zeiten bevor:

Mesut Özil vs. Toni Kroos: Wer ist der bessere Spielmacher?

In der EM-Qualifikation gehörte Toni Kroos bereits zu den Stammspielern, allerdings nur wegen der Verletzungssorgen auf der Doppelsechs. 18 Mal stand Kroos bisher im DFB-Team in der Startelf, zwölf Spiele machte er im defensiven Mittelfeld. Seine eigentliche Stärke kommt im offensiven Mittelfeld aber mehr zum Tragen, wie seine beiden Tore gegen Irland wieder eindrucksvoll unter Beweis stellten.

Genau das ist aber Kroos‘ Problem, denn auf der Zehn gilt Mesut Özil als gesetzt, seit der WM 2010 setzte Löw seinen Spielmacher nicht mehr auf die Bank. "Was soll ich sagen", fragte ein mürrischer und etwas ratloser Kroos nach dem Auftritt in Dublin. "Natürlich ist man enttäuscht, dass man hier nicht spielt, wenn man so einen Saisonstart hinlegt."

Damit spielt Kroos auf seine Bilanz beim FC Bayern an, wo er sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League überzeugen konnte, bisher vier Tore erzielte und von Sieg zu Sieg eilt. Özil kam dagegen nur schwer in die Spielzeit, saß zwischenzeitlich bei Real auf der Bank und verbuchte im Clasico gegen den FC Barcelona seine erste Torbeteiligung.

Löw sieht Kroos auch als Zwischenspieler, der den offensiven Part auf der Doppelsechs ausfüllen kann oder in einem 4-1-4-1 neben Özil aufläuft. Doch auch da ist die Konkurrenz riesig, Sami Khedira ist mittlerweile sogar zum Führungsspieler aufgestiegen, im offensiven 4-1-4-1 wiederum hat Mario Götze bessere Chancen neben Özil zu spielen.

Kroos muss also weiter auf Verletzungen hoffen oder eben doch Özil verdrängen. Der Münchner bringt andere Qualitäten mit, die gerade in Spielen gegen große Gegner von Vorteil sein können. Kroos ist zweikampfstark, arbeitet gut nach hinten und ist in der Defensivarbeit konsequenter als Özil, im Spiel nach vorne spielt Kroos starke Pässe in die Tiefe und sucht immer erfolgreicher den Abschluss aus der zweiten Reihe.

Özil wiederum ist ein überragender Kombinationsspieler, der mit schnellen Bewegungen und Drehungen komplette Abwehrreihen aus den Angeln heben kann. Der Real-Star lässt den Ball gerne prallen, macht das Spiel so extrem schnell, zudem hat er gegenüber Kroos Vorteile im Dribbling. Im Torabschluss ist Özil mit 13 Länderspiel-Toren ebenfalls erfolgreicher als Kroos, er geht aber auch häufiger in die Spitze und schießt zudem die Elfmeter in der DFB-Elf.

sportal.de-Prognose: Kroos wehrt sich verbal in einem Rennen, das er, Stand heute, nicht gewinnen kann. Özil muss sich in der Defensivarbeit gegen die großen Mannschaften zwar verbessern, in der WM-Qualifikation kommt das aber nicht zum Tragen. Kroos bleibt der Herausforderer.

Marco Reus vs. Lukas Podolski: Die Hierarchie ist bereits verschoben

Seit der Bundestrainer das 4-2-3-1 zu seinem bevorzugten System gemacht hat, galt Lukas Podolski für Löw auf der linken Seite als unantastbar, mit 44 Länderspiel-Toren hatte Podolski so viele Argumente gesammelt, die auch eine holprige Vereinskarriere nie infrage stellen konnte. In der öffentlichen Meinung wurde Podolski häufig kritisiert, Löw ließ dagegen keine Zweifel zu.

Seit der EM ist das anders. Podolski schoss gegen Dänemark zwar ein Tor, doch die Anforderungen des modernen Fußballs ließen den Ex-Kölner immer mehr zu einem Auslaufmodell werden. Ein starker Abschluss mit seinem linken Fuß allein reicht nicht mehr, Podolski wirkte zeitweise wie ein Fremdkörper.

Was sich bei der Euro andeutete, ist dank der bisher so starken Saison von Marco Reus in Stein gemeißelt. Reus, ebenfalls stark im Torabschluss, ist spielstärker, disziplinierter und findet, anders als Podolski, eine gelungene Mischung aus Offensive und Defensive. Das deutsche Spiel verlagert sich derzeit ein wenig auf die linke Seite, Reus erzielt zudem die wichtigen Tore - gegen Österreich und Irland traf er jeweils zum 1:0.

sportal.de-Prognose: Für Podolski ist es bitter, aber gerade jetzt, wo seine Vereinskarriere beim FC Arsenal neuen Schwung aufnimmt, wird er in der Nationalmannschaft zum Joker - und bleibt es vorerst auch. Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff bringt es auf den Punkt: "Ich will nicht sagen, dass Marco unverzichtbar ist. Aber aktuell hat er seinen Konkurrenten ein bisschen was voraus. Tempo, Selbstvertrauen - das zeichnet ihn aus."

Mats Hummels vs. Per Mertesacker: Es ist völlig offen

Hätte sich Mats Hummels im EM-Halbfinale vor dem Führungstor von Mario Balotelli nicht von Antonio Cassano austanzen lassen, gäbe es dieses Duell womöglich gar nicht mehr. Hummels spielte zuvor eine starke Euro, das Ausscheiden wurde dann aber auch an Hummels festgemacht. Danach fiel der Dortmunder, wie er vor einigen Tagen in der Sport Bild selbst äußerte, in ein mentales Loch, das bei ihm auch für sportliche Schwankungen sorgte.

Beim BVB wirkte Hummels bisher nicht so souverän wie noch in den Meisterjahren, teilweise unterliefen ihm im Aufbauspiel haarsträubende Fehler (sportal.de-Notenschnitt 3,3), was er auch in den Länderspielen gegen Argentinien, Färöer und Österreich nicht ganz abstellen konnte. Nun fehlt Hummels verletzt, gegen Irland legte sein Konkurrent Per Mertesacker einen souveränen Auftritt hin, ohne tatsächlich gefordert zu werden.

Gegen Schweden und Zlatan Ibrahimovic (20:45 Uhr live bei sportal.de) wird das anders sein, doch dieses Duell ist völlig offen. Löw entschied sich schon vor der EM nur für Hummels, weil er Mertesacker nach der langen Verletzungspause noch nicht bereit sah für ein komplettes Turnier. Hummels spielt dem Bundestrainer immer noch zu risikoreich, auch die selbstbewusste und forsche Art des Dortmunder kommt in DFB-Kreisen nicht so gut an.

Vergleicht man die Potentiale der beiden Spieler, so spricht vieles für Hummels: Er ist jünger, interpretiert die Rolle des Innenverteidigers viel moderner, er ist schneller als Mertesacker und bei eigenen Standardsituationen strahlt er mehr Gefahr aus als der zweite Arsenal-Spieler im DFB-Kader. Beide spielen selten Foul, für Mertesacker spricht die größere Erfahrung und die Verinnerlichung des Löwschen Systems.

sportal.de-Prognose: Der Fall Podolski zeigt: Löw muss von einer Alternative schon zu 100 Prozent überzeugt sein, ehe er dauerhaft von verdienten Kräften absieht. Spielt Mertesacker gegen Schweden erneut fehlerfrei, wird er auch im Test gegen die Niederlande im November in der Startelf stehen.