Antonio Conte ist zwar gesperrt, trotzdem noch der bestimmende Mann bei Juventus Turin. Um Training, Vorbereitung und Aufstellung kümmert er sich selbst, nur am Spieltag muss Interimscoach Massimo Carrera übernehmen. Kann das Wechselspiel gut gehen?
Andrea Agnelli ist siegessicher. "Wer denkt, dass diese juristische Angelegenheit unsere Saison beeinträchtigt, hat sich verkalkuliert", kündigte der Juve Präsident angriffslustig an. Trotzdem werde man mit allen möglichen Mitteln gegen die Conte-Sperre vorgehen, weil sie eine "enorme Ungerechtigkeit" sei, aber nicht weil man sich Sorgen um den sportlichen Verlauf der neuen Saison mache, in die Juve am Wochenende gegen den AC Parma als Titelverteidiger geht.
Schließlich gilt Contes Sperre auch nur während der Spiele. Nur dann ist ihm der Kontakt zu Betreuern und Mannschaft untersagt. Unter der Woche darf er allerdings das Team trainieren, es auf den nächsten Gegner einstellen und auch die Aufstellung festlegen. Diese Aufgabe mache immerhin mit "90 Prozent" den Löwenanteil der Arbeit eines Trainers aus, erklärte Ex-Juve und Ex-Nationalcoach Marcello Lippi laut eurosport.yahoo.com. Conte führt sie mit Besessenheit und der Attitüde eines Workaholic aus. Laut Andrea Pirlo liegt genau hier Contes große Stärke.
"Ich hatte schon einige Trainer, aber keiner ging seine Arbeit so methodisch an und kann Konzepte so gut erklären wie er. Vom taktischen und pädagogischen Gesichtspunkt her, ist er sogar noch besser als Ancelotti und Lippi, die auch ihre Qualitäten haben. Aber er bereitet jedes Spiele sehr gut vor. Wir studieren Videos unser Gegner an drei oder vier Tagen in den Woche. Wenn wir dann auf den Platz gehen, kann uns eigentlich kaum noch etwas überraschen", erläuterte Pirlo in der Gazzetta dello Sport.
Carrera macht nur zehn Prozent von Contes Job bei Juventus
Die restlichen laut Lippi "zehn Prozent" des Trainerjobs - die Arbeit auf der Bank und an der Seitenlinie während der Partien - sind Jugendkoordinator Massimo Carrera als Interimscoach überlassen. Für Roma-Coach Zdenek Zeman eigentlich ein Unding. Wenn schon Sperre, dann auch richtig, kritisierte das Trainerurgestein und handelte sich prompt einen Rüffel von John Elkann ein. "Was will denn Zeman? Carrera hat in einem Spiel als Profi-Trainer mehr gewonnen als der in seiner ganzen Laufbahn", lästerte der Agnelli-Enkel und Präsident des Juve-Mehrheitsaktionärs FIAT.
Damit hatte Elkann im Kern seiner Aussage auch nicht Unrecht, doch viel wichtiger als der Vergleich mit Zeman ist, was der Titelgewinn im Supercup gegen den SSC Neapel mit Carrera an der Seitenlinie für Juve bedeutete. Die meist gestellte Frage nach der Bekanntgabe von Contes Sperre war ja: Kann das Team, ohne von ihm an der Seitenlinie angefeuert zu werden, Rückschläge wegstecken?
In der abgelaufenen Saison hatte der an der Seitenlinie herum rennende und mehrfach nach Spielschluss komplett heisere Conte Juve so angestachelt, dass die Mannschaft auch Rückstände drehte und viele Punkte rettete. Unter Conte hatte Juve satte 26 Punkte mehr als zuvor ohne ihn geholt. Natürlich war das zum Teil der klugen Transferpolitik der Alten Dame zu verdanken, der Anteil des akribisch und engagiert - vor, nach, aber erst recht während der Spiele - arbeitenden Conte darf nicht unterschätzt werden.
Generalproben für Wechselspiel Conte/Carrera geglückt
Daher war der Supercup so etwas wie die Generalprobe für die nächsten zehn Monate, wenn vor dem Schiedsgericht des Nationalen Olympischen Komitee Italiens Anfang September auch kein Freispruch erzielt werden sollte. Conte hatte das Team gegen Napoli ein- und aufgestellt, Carrera es während der Partie dirigiert. Und das mit großem Erfolg, denn Juve konnte sogar zweimal einen Rückstand drehen und gewann am Ende mit 4:2. Ähnlich verlief die Partie gegen den AC Milan um die Trofeo Berlusconi unter der Woche. Wieder musste ein Rückstand gedreht werden, ehe am Ende ein 3:2-Sieg gefeiert werden konnte.
Bisher scheint der um Sebastian Giovinco, Mauricio Isler, Kwadwo Asamoah und Lucio verstärkte Juve-Kader bestens mit der Arbeitsteilung ihrer beiden Trainer zurechtzukommen. Am ersten Spieltag der Serie A wird man einen weiteren Fingerzeig bekommen, ob die - Matthias Sammer würde sagen - "Konstellation" Conte unter der Woche, Carrera am Wochenende weiter erfolgreich sein kann oder die von Agnelli trotzig prognostizierten Saisonziele der Alten Dame doch noch beeinträchtigt werden.
