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Von: Gunnar Beuth
Datum: 08. November 2012, 11:08 Uhr
Format: Artikel
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Handball-Bundestrainer Martin Heuberger im Interview: Nicht mehr in der Weltspitze

Martin Heuberger, Handball
Martin Heuberger muss um die EM-Qualifikation bangen

Wenige Wochen vor dem Handball-WM in Spanien schrammte das DHB-Team in der EM-Quali nur knapp an der Total-Blamage vorbei. Im Interview mit sportal.de nennt Bundestrainer Martin Heuberger die akuten Probleme und träumt von einer Reform im Welthandball.

sportal.de: Herr Heuberger, nach der Niederlage gegen Montenegro nun der Sieg gegen Israel. Wie groß war der Stein, der Ihnen vom Herzen gefallen ist?

Martin Heuberger: Natürlich war der Stein groß. Denn wir hatten schon Druck, da wir die EM-Qualifikation nicht frühzeitig abschreiben wollten. Das Ziel waren vier Punkte aus den beiden Spielen - nun sind es zwei. Aber die Mannschaft hat in Israel in taktischer Hinsicht gut agiert, dennoch war die Chancenverwertung erneut nicht sonderlich gut. Besonders in Halbzeit eins, denn ansonsten wären wir mit einer Führung in die Pause gegangen. Das war auch gegen Montenegro so. Da haben wir fünf Bälle leichtfertig weggeschmissen, lagen schnell zurück, und dann schwindet auch das Selbstbewusstsein. Aber gegen Israel haben wir dann die Kurve bekommen und waren in der zweiten Halbzeit deutlich verbessert.

Wie würden Sie es einschätzen: War Deutschland so schwach, oder war der Gegner so stark?

So ein Qualifikationsspiel gewinnen wir nicht gerade so im Vorbeigehen. Israel hat auch gegen Tschechien gut mitgehalten und dort lange Zeit nur ein Tor in Rückstand gelegen. Hätten die Tschechen nicht Filip Jicha in ihren Reihen gehabt, der dann entscheidende Akzente gesetzt hat, wäre es auch für sie enger geworden. Dadurch haben die Israelis ihre Chance gewittert und wollten gegen Deutschland den Sensationssieg schaffen. Als dann bei ihnen Kraft und Konzentration nachgelassen haben, haben wir unsere Chance genutzt.

Wie ist es überhaupt zu erklären, dass die Mannschaft sozusagen eine Wundertüte ist und einen Gegner wie Israel fast schon zu fürchten hat?

Es hängt damit zusammen, dass wir durch die Niederlage gegen Montenegro verunsichert waren. Das haben wir uns aber selber zuzuschreiben, da wir unser Potenzial nicht abgerufen haben. Weder in der Offensive noch in der Deckung und im Tor - gerade da waren wir bei der EM in Serbien noch stark gewesen. Andererseits müssen wir auch unsere Ansprüche zurückschrauben, denn wir sind momentan in der Weltspitze nicht ganz vorn dabei. Wir sind im Umbruch, und man darf nicht vergessen, dass auch erfahrene Spieler wie Lars Kaufmann, Patrick Groetzki oder Holger Glandorf gefehlt haben. Auch andere Nationen hätten Probleme, wenn drei solche Leistungsträger fehlen. Auf der anderen Seite konnten wir so andere Spieler testen, die ihre Chancen auch teilweise genutzt haben - wie zum Beispiel Tobias Reichmann.

Kann man denn provokant behaupten, der deutsche Handball befinde sich seit 2007 auf dem absteigenden Ast?

2008 hatten wir mit dem Erreichen des EM-Halbfinals noch Erfolg, dann ging es bedingt durch Rücktritte gestandener Nationalspieler bergab - das muss man klar sagen. Wir haben das noch nicht kompensieren können, und dann ist es doch normal, dass wir nicht von heute auf morgen wieder in die Weltspitze vorstoßen können. Das kann keine andere Nation, auch die Franzosen hätten da Probleme. Deswegen müssen wir die Ansprüche zurückschrauben. Wir müssen aus unserer guten Breite die Spitzenspieler formen und diese mit Geduld und kontinuierlicher Arbeit an die Weltspitze heranführen.

Ist es denn so einfach, die momentanen Schwierigkeiten einzig am Fehlen von gestandenen Führungsspielern festzumachen?

Nein, und die Diskussion ist müßig. Denn was ist eine Führungsperson? Ich finde, wir haben solche Spieler - zum Beispiel unser Kapitän Oliver Roggisch. Er setzt auf und neben dem Feld viele Akzente. Auch Michael Haaß ist ein Spieler, der in der Lage ist, die Mannschaft in der Offensive zu führen, aber er war lange verletzt. Und Sven Sören-Christophersen nimmt eine gute Entwicklung. Was uns fehlt, ist ein Spieler, der auch mal ein einfaches Tor macht - wie Mikkel Hansen. Aber der ist für mich kein klassischer Führungsspieler. Aber er ist ein Topspieler, der ein Spiel alleine entscheiden kann. Für mich ist Filip Jicha ein Führungsspieler: Der kann das Spiel an sich reißen und trifft richtige Entscheidungen, insbesondere in brenzligen Situationen. Wir arbeiten daran, solche Leute zu entwickeln. Doch allein werden wir das nicht schaffen - dazu brauchen wir auch die Bundesliga, die gerade für unsere vielen Talente Einsatzzeiten bereitstellen muss, damit diese sich zu solchen Top-Spielern entwickeln können.

Da wären wir auch wieder an dem Punkt, dass die Junioren bei den letzten beiden Weltmeisterschaften Gold holten. Ist es nicht deprimierend, dass sie keine Anschlussförderung bekommen und ein wenig verschenkt sind?

Verschenkt würde ich nicht sagen, aber für unsere jungen Talente ist es eben der Nachteil, dass wir die stärkste Liga der Welt haben. Der Realität müssen wir uns stellen, denn dadurch ist das Anforderungsprofil für einen jungen Spieler sehr hoch. Das ist der Vorteil bei anderen Nationen wie Dänemark und Frankreich, die ihre Spieler nicht besser ausgebildet haben. Aber dort sind schon Spieler mit 18 oder 19 Leistungsträger in ihren Vereinsteams und haben sich dadurch besser entwickeln können. Wir haben viele Spieler auch in jungen Jahren schon in den Kadern der Bundesligisten, doch stehen diese in Situationen, wenn Spiele entschieden werden, in der Regel nicht in der Verantwortung.

Nun ist das Team immerhin wieder im Rennen um die EM-Teilnahme 2014. Vorher geht es zur WM nach Spanien. Die Medien zeichnen ein düsteres Bild, die Fans sind unsicher ob der Leistungsstärke der DHB-Auswahl. Wie ist Ihr persönliches Gefühl im Vorfeld der WM?

Ich bin guter Dinge und überzeugt, die Baustellen schließen zu können. Denn mit einer stabileren Leistung in der Deckung und im Tor können wir viel erreichen. Ich gehe auch fest davon aus, dass die Mannschaft durch die beiden Spiele jetzt taktisch nochmal gereift ist. Denn da wurden wir vor zwar erwartete, aber dennoch besondere Aufgaben gestellt, die für uns nicht alltäglich waren - wie auch die offensive Deckung. Wir werden darauf gute taktische Antworten vorbereiten, denn bei der WM werden wir auf ähnliche Abwehrreihen treffen. In Spanien werden wir dann eine andere deutsche Mannschaft sehen.

Wie bitter ist es dann, wenn man bedenkt, dass beim Lehrgang in Barsinghausen wieder Spieler fehlen, da in der Bundesliga an dem Termin gespielt wird?

Für mich ist das sehr ärgerlich, denn diese Partien sind ohne Absprache in unseren Kurzlehrgang Anfang Dezember gelegt worden. Das habe ich bei der Liga schon länger angeprangert. Lippenbekenntnisse der Liga für eine Unterstützung der Nationalmannschaft sind hie und da vorhanden, aber mit diesem Vorgehen hat man uns einen Strich durch eine zielführende WM-Vorbereitung gemacht. Training ist die Grundlage für Erfolg. Wir wollten diese drei Tage intensiv nutzen und uns taktisch im Hinblick auf die WM vorbereiten.

Es gibt wenig Zeit, mit der kompletten Mannschaft zu trainieren und die Baustellen anzugehen. Worauf können Sie überhaupt den Fokus setzen? Können Sie die Mannschaft auf eine offene Deckung einstellen und das Abwehrverhalten verbessern?

Das ist in der Tat schwierig, da wir kaum noch zehn Trainingseinheiten mit dem vermeintlich stärksten Kader zur Verfügung haben. Wir haben aber noch drei Vorbereitungsspiele gegen Schweden und Rumänien. Die werden wir intensiv nutzen, um unser taktisches Konzept für Spanien zu erarbeiten. Vielleicht können wir das unter Wettkampfbedingungen sogar besser umsetzen als im normalen Training. Aber es ist wenig Zeit, und ich muss damit arbeiten. Deswegen nehme ich diese Herausforderung an.

Müssen wir uns denn ob solcher Situationen daran gewöhnen, dass die DHB-Auswahl in Zukunft auch mal das eine oder andere Turnier verpassen wird?

Ich werde alles dran setzen, dass wir - egal welche Rahmenbedingungen herrschen - bei jedem Turnier dabei sein werden. Ich würde es auch gerne sehen, dass wir - wie andere Ligen das auch machen - den Spielbetrieb schon vor Weihnachten pausieren lassen und der Nationalmannschaft mehr Zeit geben. Aber ich muss damit klar kommen und werde zusehen, in der kurzen Zeit das Team optimal vorzubereiten.

Was macht Ihnen als Bundestrainer denn Hoffnung auf eine ordentliche WM und ganz allgemein und eine positive Zukunft des deutschen Handballs?

Ich bin mir absolut sicher, dass in der Mannschaft viel Potenzial steckt. Man darf nicht verkennen, dass wir bisher nie den vermeintlich stärksten Kader zur Verfügung hatten. Ich weiß auch um die Stärke unserer Nachwuchstalente, und da habe ich die Hoffnung, dass wir diese zusammen mit der Liga entwickeln und an das nötige Niveau heranführen können. Dann haben wir in ein paar Jahren wieder eine schlagkräftige Nationalmannschaft. Daran glaube ich, und dafür arbeite ich Tag und Nacht - auch wenn mir jetzt wieder der eine oder andere Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Aber ich kann es nicht ändern und bin keiner, der sich dann permanent beklagt. Nach wie vor bin ich überzeugt, dass wir nur gemeinsam etwas bewegen können.

Lassen Sie die Fantasie einmal spielen: Wenn Sie den Handball reformieren dürften, wo würden Sie die Hebel ansetzen?

Ich würde den Qualifikationsmodus für die Europameisterschaft ändern und die Zahl der Spiele reduzieren. Vielleicht mit einer Vorqualifikation, sodass die Top-Nationen nur Hin- und Rückspiel für die Qualifikation benötigen. Momentan sind es ja sechs Spiele. Dann würde ich die deutsche Bundesliga von 18 auf 16 Klubs reduzieren. Denn ich kenne keine ausländische Liga, die mit 18 Mannschaften spielt. Die spielen mit 14 oder 16 Teams. Dann würde ich die Champions League anpassen. Dort gibt es derzeit vier Gruppen a sechs Teams. Entweder sollte man die Vorrunde mit weniger Spielen absolvieren; d.h. weniger Mannschaften den Gruppen zuordnen oder vielleicht nur zwei Mannschaften pro Gruppe in die Hauptrunde schicken. Die letzte Sache ist der Zeitraum der Turniere. Ich würde es in einem Acht-Jahre-Zyklus betrachten. In diesen acht Jahren würden dann drei Europameisterschaften, drei Weltmeisterschaften und zwei Olympische Spiele gespielt - jedes Jahr also nur ein Großereignis.