In den USA sind Gesänge a la "Schiri, wir wissen wo dein Auto steht" noch nie gang und gäbe gewesen, eher lässt man sich in den Medien oder im Internet aus. Warum ein NFL-Schiedsrichter wegen Facebook nicht pfeifen durfte, erzählt der sportal.de-Kolumnist.
Vielleicht wäre die ganze Geschichte nicht passiert, wenn nicht immer noch die Ersatz-Referees die Pfeifen und Flaggen Wochenende für Wochenende in der Hand hätten. Doch während sich Schiedsrichter-Gewerkschaft und die NFL nicht auf ein neues Tarif-Abkommen einigen können, müssen die Kollegen aus College und Highschool-Ligen ran. Und die sorgen eben in den Medien und im Internet wieder und wieder für Schlagzeilen. Doch dazu später mehr.
Brian Stropolo hat die Diskussion um die Ersatzleute weiter angeheizt. Nicht nur, dass er als Saints-Fan fast für das Spiel zwischen New Orleans und den Carolina Panthers als Side Judge eingesetzt worden wäre, er hatte diesen Einsatz sogar auf seiner Facebook-Seite kundgetan. Auf der es - so sagen die US-Medien, die Seite ist mittlerweile von der Plattform genommen worden - von Bekenntnissen für die Saints nur so wimmelte.
Das könnte nun zur Suspendierung Stropolos führen. Nicht, weil er Fan der Saints ist, ein solches Verbot würde zwar zur NFL passen, es gibt es jedoch (noch) nicht. Stropolos Ende einer kurzen Karriere droht, weil es einem Referee untersagt ist, seinen nächsten Einsatzort bekanntzugeben. Das hätte er wissen müssen - allerdings hätte die NFL auch von Stropolos Saints-Liebe wissen müssen. So war es ESPN, das die Liga auf diese Fehlansetzung aufmerksam machte. Übrigens sind es nur böse Zungen, die behaupten, deswegen hätten die New Orleans Saints in Carolina verloren.
Ersatz-Schiedsrichter in der NFL - eine Fehlbesetzung?
Ob die gesamte Ersatz-Schar an Schiedsrichtern eine Fehlbesetzung ist, darüber wird in den Medien heiß diskutiert. Die Geschichte um Stropolo dürfte dabei noch Wasser auf den Mühlen der Kritiker sein, die sich die 121 zwar auch nebenberuflichen, aber schon professionell organisierten Referees zurückwünschen. Den Spielern passt die Situation zumeist auch nicht, Washington Redskins DeAngelo Hall witzelte zum Beispiel darüber, ob die NFL-Profis nicht in der Kabine sammeln sollen, um die Unparteiischen zu bezahlen.
Etwas ernster nahmen es die Baltimore Ravens, die bei ihrer 23:24-Niederlage gegen die Philadelphia Eagles einige Spielzüge monierten. Ray Lewis sagte gegenüber ESPN wohl einen der besten Sätze in dieser Angelegenheit: "Wir haben schon Probleme und Diskussionen genug mit den eigentlichen Schiedsrichtern."
Was zum Auftaktwochenende noch ausblieb, wurde am 2. Spieltag bei einigen Spielen deutlich. Die ganz große Fehlentscheidung mag dabei noch fehlen, es waren aber oft Kleinigkeiten, die sich auf den Spielfeldern der NFL-Team zeigten. Bei einigen Spielen kam es zu Rudelbildungen zwischen den gegnerischen Spielern, die Ersatz-Schiris standen meist hilflos daneben. "Man hatte das Gefühl, dass die Spieler spüren, dass sie das Kommando übernehmen können", so ESPN-Experte Adam Schefter. Stropolo und Co. dürften in der nächsten Woche, so sie denn wieder zum Einsatz kommen, erneut wenig Freunde in den USA haben.
Schiedsrichter hin oder her - was ist Fair Play in der NFL?
Ebenso wenig Freude hatte auch New York Giants-Coach Tom Coughlin, trotz des 41:34 seines Teams gegen die Tampa Bay Buccaneers. Denn die hielten sich nach Meinung Coughlins nicht an die Fairplay-Gegebenheiten der NFL. Als die Giants mit der Sieben-Punkte-Führung im Rücken fünf Sekunden vor dem Ende den sogenannten Kneel-Down machten, bei dem Quarterback Eli Manning sich anstatt eines Spielzug-Versuchs einfach niederkniete, um die Uhr auslaufen zu lassen.
Nicht mit uns, dachte Coughlins Gegenüber Greg Schiano und ließ seine Bucs auf die Gegner los. Die Verteidiger durchbrachen die Offensive Line und Manning fand sich mitsamt des Balles auf dem Hosenboden wieder. Die Uhr lief natürlich trotzdem aus, aber Manning sprach danach von einem "Tiefschlag" und auch Coach Coughlin schien nicht begeistert, lieferte er sich doch ein hitziges Wortgefecht mit Schiano.
Die Aufregung ist mir nicht ganz klar, vor allem da die Bucs bei fünf Sekunden noch alle Chancen der Welt hatten, den Ball per Fumble zu erobern und zum ausgleichenden Touchdown nach Hause zu bringen. Es gibt auch keine Regel, die das Verhalten Tampa Bays untersagt, das wissen wahrscheinlich sogar die Ersatz-Schiedsrichter. Ich hätte Couglins und Mannings Ärger bei einer klaren Führung ja verstehen können. Aber so doch nicht. Oder um mit Sepp Herbergers abgewandelten Worten zu schließen: "Ein NFL-Spiel dauert 60 Minuten." Nicht 59:55, liebe New Yorker.
