Ahoi HSV! Wohin geht die Reise mit der neuen Besatzung? Ist der HSV ein sinkendes Schiff oder auf der Durchreise zu höheren Zielen? Mit der neuen Besatzung um Jiracek und Badelj verändern sich die Optionen des HSV und noch lebt sogar der Traum von Van der Vaart.
Panik regiert an der Alster - zumindest bei Fans und Medien. Der Traditionsclub Hamburger SV, der einzige Verein, der noch nie aus der Bundesliga abgestiegen ist, steht nach einem missratenen Saisonstart zweifellos vor einer schwierigen Saison.
Begraben unter dem Druck der Öffentlichkeit, der Kritik von vermeintlichen Experten und Zuschauern versucht der zuletzt häufig kritisierte Sportchef Frank Arnesen mit letzten Verpflichtungen die Reise des HSV gen Klassenerhalt zu ermöglichen. Ziel ist eine Saison, in der nicht gezittert werden soll.
Die Ausgangslage des HSV
Der Saisonauftakt ist ins Wasser gefallen. Nach der 2:4-Pleite im Pokal gegen Drittligist Karlsruher SC und der Heimniederlage zum Bundesligastart gegen den 1. FC Nürnberg (0:1) bemühen viele bereits das Bild vom sinkenden Schiff in Verbindung mit dem Hamburger SV. Ein Grund ist sicherlich die bisher fehlende Qualität des Kaders. Das hatte sportal.de schon in der Bundesliga-Prognose für den HSV bemängelt.
Zumindest seine Wünsche für das Mittelfeld scheinen erhört worden zu sein, denn mit Petr Jiracek und Milan Badelj schippern demnächst schon zwei Spieler auf der Alster und ginge es nach HSV-Investor Michael Kühne, so würde sich mit Rafael van der Vaart noch vor Ende der am Freitag ablaufenden Transferperiode ein weiterer Spieler in die Barkasse der Retter setzen.
Doch der Van der Vaart-Wechsel erscheint momentan eher vage, drum wird sich der HSV - Stand jetzt - auf den Kroaten und den Tschechen verlassen müssen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Badelj und Jiracek sich in die Reihe der Wasserträger gesellen oder ob sie das Schiff "HSV" vom bisher eingeschlagenen Kurs abbringen können.
Kap der guten Hoffnung - Jiracek und Badelj
Obwohl der Wechsel von Jiracek wohl zu der kuriosen Sorte gehört, wurde der tschechische EM-Teilnehmer doch aus der eigenen Not heraus, da Magath keine Verwendung mehr in Wolfsburg für ihn hatte, von seinem Berater dem HSV angeboten, wird Jiracek dem Mittelfeld des HSV mehr Stabilität verleihen und sein Wechsel sich auf die komplette Mannschaft auswirken. Natürlich ebenso wie der Transfer des am Mittwoch eintreffenden Milan Badelj, der zuvor noch seinem bisherigen Verein Dinamo Zagreb in der Champions League-Qualifikation helfen will.
Während Jiracek, bei der EM einer der auffälligsten Spieler im Team Tschechiens, eher ein Kämpfer ist, einer, der den Platz beackert und bei dem man auch nach 90 Minuten noch das Gefühl hat, "der kann bis morgen früh durchrennen", ist Badelj ein kreativer Spielmacher, der in Zagreb Führungsspieler war. Badelj ist jedoch kein klassischer Zehner, sondern steht deutlich tiefer und ist eher ein in der Spieleröffnung begabter Sechser.
Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt zeigte Jiracek, dass er sich durchaus mit der künftigen Konstellation um ihn und Badelj auseinandergesetzt hat und sieht gemeinsamen Auftritten positiv entgegen: "Er ist kein Sprinter, ich bin schnell. Er ist Rechts-, ich bin Linksfuß. Ich glaube, wir könnten uns perfekt ergänzen."
Das Heck ist gesichert - Die Defensive
Beim HSV werden die beiden neuen für einigen Wirbel sorgen und die Besatzung des Schiffes durcheinander bringen, und für mehr Qualität sorgen. Sollten Badelj und Jiracek gemeinsam auf dem Platz stehen, braucht Heiko Westermann nicht mehr im defensiven Mittelfeld aufzulaufen, sondern kann sich seinem Ursprung widmen und die Abwehr verstärken. Mit Dennis Aogo und Namensvetter Diekmeier auf den Außen stehen Westermann zwei ordentliche Spieler im Abwehrverbund zur Seite.
In der Innenverteidigung sind mit dem derzeit verletzten Paul Scharner und den jungen Michael Mancienne und Jeffrey Bruma weitere Alternativen vorhanden, die mit dem erfahrenen Westermann an ihrer Seite vielleicht an Sicherheit gewinnen und das von Arnesen prophezeite Potenzial ausnutzen können. Über die mögliche Veränderung dürfte sich auch Ex-Nationalkeeper René Adler freuen, der nicht mehr ganz auf sich allein gestellt sein dürfte.
Vor der Abwehr sollte im von Coach Thorsten Fink angestrebten 4-1-4-1-System Jiracek seinen Platz finden und nicht nur nach hinten, sondern auch in Richtung Angriff Akzente setzen. Zwar bescheinigte ihm Felix Magath keine Abräumer-Qualitäten, Jiracek selbst schätzt sich aber als Kämpfer ein: "Ich bin ein defensiver Mittelfeldspieler, der Fußball spielt und kämpft. Und wenn sich Räume nach vorn ergeben, dann schalte ich mich in die Offensive ein und versuche auch, Tore zu erzielen."
Das Schiff in Position bringen - Der Spielaufbau
Freuen dürfte vor allem den alten Präsident und HSV-Kritiker Uwe Seeler die neue Aufstellung, denn neben der Abwehr bekommt sein HSV auch ein besseres Mittelfeld. Milan Badelj könnte die Zentrale bilden und der kreative Kopf sein, flankiert z.B. durch Marcell Jansen, Tolgay Arslan oder Ivo Ilicevic, während mit Maximilian Beister und Heung-Min Son zwei junge Spieler über die Flügel flitzen. Auch das sieht nominell gar nicht so schlecht aus.
Van der Vaart zum HSV?
Und ein Transfer Van der Vaarts ist äußerst unwahrscheinlich. Zunächst müsste Michael Kühne wohl im Alleingang die kolportierten 12 Millionen Euro Ablösesumme stemmmen, hinzu käme noch ein üppiges Gehalt. Frank Arnesen schließt seit Tagen zwar nichts aus, dennoch erscheint ein Wechsel schwer vorstellbar.
Hinzu kommt, dass Tottenham Hotspur erst kürzlich Luka Modric an Real Madrid verkauft hat und bisher noch kein Ersatz verpflichtet wurde. Ein zusätzlicher Abgang von Van der Vaart ist vor diesem Hintergrund momentan unwahrscheinlich.
Sollte der Niederländer dennoch zurück zum HSV wechseln, könnte er tatsächlich für eine Kehrtwende sorgen. Und zwar nicht auf dem Platz, sondern vor allem im Umfeld.
Fans und Medien sorgen in Hamburg für ein schwieriges Umfeld - Himmel und Hölle liegen stets eng beieinander.
Van der Vaart könnte der Mannschaft neue Sympathien verschaffen und die komplette Stimmung im Umfeld verändern. Er wäre eine Persönlichkeit, mit der die Hamburger viele positive Erinnerungen teilen. Er könnte Ruhe in das Umfeld bringen, die Rolle eines Heilsbringers wäre aber auch für ihn zu groß.
Taktisch würde Thorsten Fink mit Van der Vaart ganz sicher neue Perspektiven dazugewinnen. Ein 4-2-3-1 mit Badelj und Jiracek auf der Sechs und VdV zentral davor würde sicher nicht nur dem Trainer gefallen. Fink selbst mag an einen Transfer allerdings nicht ernsthaft glauben. "Ich glaube nicht, dass es finanziell machbar ist", sagte er.
Auf ins Gefecht - Die Offensive
Alle Probleme würde aber selbst dieses Szenario nicht lösen, denn der Sturm bliebe auch dann nur ein laues Lüftchen, zumindest wenn sich die ersten Eindrücke dauerhaft bestätigen. Marcus Berg versucht schon seit Jahren vergeblich, seine hohe Ablöse von einst fast zehn Millionen Euro zu rechtfertigen und Neuzugang Artjoms Rudnevs blieb bisher auch den Beweis schuldig, die Angriffsprobleme des HSV zeitnah lösen zu können. Auch Beister und Son können im Sturm auflaufen, haben ihre Stärken aber eher in einer zurückgezogenen Position und nicht im Sturmzentrum.
Laut blick.ch fahndet der HSV offenbar in Basel noch nach Verstärkungen. Thorsten Fink ist der 19-jährige Kwang-Ryong Pak wohl aus seiner Zeit als Trainer in Erinnerung geblieben. Ob der junge Stürmer sich aber in der Bundesliga durchsetzen und dem HSV schnell helfen könnte, ist zu bezweifeln. In der Schweiz erzielte er in 13 Partien nur ein Tor. Uwe Seelers Wunsch bleibt also dahingehend doch unerfüllt.
Die Fahrt geht los - Ziel: Klassenerhalt
Alles in allem sollten die beiden Neuzugänge Jiracek und Badelj aber durchaus in der Lage sein, den HSV qualitativ nach vorne zu bringen. Die HSV-Anhänger dürften sich schon jetzt über die Aussage Jiraceks freuen, dass er den Fußball, seine Arbeit, sehr ernst nimmt. Denn das Gefühl hatte man bei der aktuellen Mannschaft in den vergangenen Tagen nicht immer.
Möglicherweise reichen diese Transfers unabhängig von Rafael van der Vaart, um bei dem vermeintlich sinkenden Schiff des HSV doch noch vor der Ausfahrt aus dem Erstliga-Hafen die nötigen Reparaturen geschafft zu haben und für die Schlacht um den Klassenerhalt gewappnet sein. Sollte das gelingen, stünde in Zukunft mit Hakan Calhanoglu sogar eine Alternative für das offensive Mittelfeld zur Verfügung, für die Investor Kühne keinen Euro berappen müsste.
