Als DFB-Sportdirektor Robin Dutt sein Konzept EsA (Erfolg sind Alle) vorstellte und Titel versprach, traf Dutt ob des Kürzels Spott: Erfolge sind Aus. Denn seit 2009 wartet der DFB auf Turniersiege im U-Bereich - trotz der guten Jugendarbeit, die sportal.de auf den Prüfstand stellt.
Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit läuft derzeit in der Slowakei die U 17-Europameisterschaft. Im Finale treffen am morgigen Freitag Italien und Russland aufeinander. Das deutsche Team von Trainer Stefan Böger verpasste die Qualifikation durch eine 0:1-Niederlage im letzten Qualifikationsspiel gegen die Ukraine und wird deshalb auch nicht an der im Herbst in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfindenden WM teilnehmen.
Noch vor zwei Jahren begeisterte die damalige U 17 von Trainer Steffen Freund - mittlerweile Co-Trainer bei Tottenham - mit tollen Spielen und Rang drei bei der WM in Mexiko. Die damaligen Leistungsträger hießen Emre Can, Mitchell Weiser, Samed Yesil oder Koray Günter - die allesamt zwar schon einen Namen haben, aber noch auf den Durchbruch im Profifußball warten.
Was das mit Robin Dutt zu tun hat? Auf den ersten Blick wenig, denn der neue DFB-Sportdirektor, Nachfolger des zum FC Bayern abgewanderten Matthias Sammer, war 2011 noch gar nicht im Amt und kann auch heute nur in zweiter Instanz für Erfolge und Misserfolge der einzelnen Jugendmannschaften verantwortlich gemacht werden.
Andererseits hatte Dutt sich und seinen Trainerstab im Januar, als er nach einem halben Jahr im neuen Job sein Konzept EsA (Erfolg sind Alle) vorstellte, in bester Franz Beckenbauer-Manier unter Druck gesetzt: "Die Qualität ist so groß, dass sich Titel gar nicht verhindern lassen." Die Botschaft war klar: Während die A-Nationalmannschaft von Bundestrainer Joachim Löw in der Öffentlichkeit ohnehin nur noch an WM- oder EM-Titeln gemessen wird, soll das auch für die Jugendteams gelten.
Titel in der Jugend als Garantie für große Karrieren?
Dutt untermauerte seine Analyse mit der kritischen Bemerkung, zwischen 2000 und 2012 hätten sich nur die Hälfte der DFB-Juniorenmannschaften für internationale Turniere qualifiziert. Drei Titel gab es in dieser Zeit trotzdem zu bejubeln, 2008 wurde die U 19 des DFB Europameister, ein Jahr später zogen die U 17 und vor allem die U 21 nach.
Ein Blick in die Kaderlisten der damaligen Siegermannschaften lässt Dutts Forderung nach Titelgewinnen im Jugendbereich plausibel erscheinen. Der Anteil an Spielern, die mittlerweile bei Löw gelandet oder zumindest im Profifußball angekommen sind, ist erstaunlich hoch (37 von 59 Spielern). Auch in der Kategorie "Durchbruch nicht geschafft" sind etliche Spieler, die weiterhin in Profivereinen tätig sind, seitdem in ihrer Entwicklung jedoch stagnieren:
| A-Nationalspieler | Als Profis etabliert | Durchbruch nicht geschafft | |
|
U 21 2009 |
Jerome Boateng |
Daniel Adlung Dennis Aogo Andreas Beck Änis Ben-Hatira Sebastian Boenisch Gonzalo Castro Ashkan Dejagah Patrick Ebert Fabian Johnson Marko Marin Tobias Sippel Daniel Schwaab |
Chinedu Ede Florian Fromlowitz Dennis Grote Sandro Wagner |
| U 19 2008 | Lars Bender Sven Bender Ron-Robert Zieler |
Dennis Diekmeier Timo Gebhart Björn Kopplin Deniz Naki Bastian Oczipka Stefan Reinartz Marcel Risse Ömer Toprak Mario Vrancic |
Florian Jungwirth Danny Latza Tom Mickel Savio Nsereko Rahman Soyudogru Richard Sukuta-Pasu |
| U 17 2009 | Mario Götze Marc-André ter Stegen |
Bernd Leno Yunus Malli Marvin Plattenhardt Lennart Thy Matthias Zimmermann |
Bienvenue Basala-Mazana Christopher Buchtmann Manuel Janzer Abu-Bakarr Kargbo Robert Labus Shkodran Mustafi Gerrit Nauber Niko Opper Kevin Schiedhauer Florian Trinks Reinold Yabo |
Insbesondere die U 21-Sieger von 2009 starteten nach dem 4:0-Finalerfolg gegen England durch, in Erinnerung an das damalige Turnier verzichtet Bundestrainer Löw für seine USA-Reise Ende Mai auf Spieler wie Lewis Holtby. Sebastian Rode oder Patrick Herrmann. "Wir haben es ja 2009 bei Khedira, Neuer und Özil erlebt, wie wichtig ein U 21-Turnier für die Entwicklung eines Spielers ist", sagte Löw zu seiner Nominierungspraxis. "Es hilft uns für Brasilien mehr, wenn die Talente Turnierpraxis bekommen."
Die aktuelle Lage bei den U-Mannschaften
Damit wären wir auch schon bei den aktuellen U-Mannschaften, die Dutts Ziele entweder bereits aus den Augen verloren haben oder in den kommenden Wochen in der Pflicht stehen. An der Spitze ist da die U 21 von Trainer Rainer Adrion zu nennen, die vom 5. bis 18. Juni in Israel in der EM-Gruppenphase gegen Niederlande, Spanien und Russland antreten muss.
Als Favorit fährt die DFB-Elf nicht zur 11. Auflage des Turniers. Zu holprig verliefen die Playoffs gegen die Schweiz, zu groß ist der Aderlass an Spielern, die eigentlich noch spielberechtigt wären, mittlerweile aber fester Bestandteil des A-Teams sind (Götze, Draxler, Gündogan). Die gute Jugendarbeit wird für die U 21 somit zum Bumerang.
Die U 20 als Zwischenjahrgang, die sich nicht für Turniere qualifizieren kann und unter Frank Wormuth in einer internationalen Spielrunde in sechs Partien vier Siege feierte, soll mit dem neuen Trainer Christian Ziege aufgewertet werden und noch mehr Spiele gegen große Nationen bekommen. Wormuth wird sich voraussichtlich nur noch seiner Rolle als DFB-Ausbilder widmen.
Die U 19 verpasste im vergangenen Jahr die Qualifikation zur EM und wird deshalb auch nicht zur U 20-WM in die Türkei fahren. Aktuell bereitet sich das Ziege-Team, dessen Nachfolger Marcus Sorg sein wird, auf die Qualifikation zur Europameisterschaft 2013 vor, gegen Zypern, Norwegen und die Niederlande muss der Gruppensieg her, um Ende Juli zur EM nach Litauen fahren zu dürfen. Leistungsträger in Zieges Mannschaft sind Odisseas Vlachodimos (Stuttgart), Koray Günter (BVB), Thomas Pledl (Fürth), Emre Can (FC Bayern) und der von vielen Bundesliga-Clubs umworbene Leon Goretzka (VfL Bochum).
Die U 18, ebenfalls nur in Freundschaftsspielen gefordert, wurde bisher von Horst Hrubesch trainiert. Hrubesch wird jedoch zum "Chefkoordinator Landesverbände" befördert, der bisherige U 17-Coach Stefan Böger steigt mit seinem Jahrgang auf. Neuer Trainer des drittwichtigsten Jahrgangs wird der bisherige U 16-Verantwortliche Christian Wück. Im Frühjahr 2014 steigt für Wück und sein Team die Qualifikation zur EM 2014, wo allerdings keine Plätze für die nur alle zwei Jahre stattfindende Weltmeisterschaft vergeben werden.
Robin Dutt und sein EsA-Konzept
Dutts EsA-Konzept sieht keine Revolution im Jugendbereich vor, zu gut funktioniert die Verzahnung von DFB-Stützpunkten und den Leistungszentren der Bundesliga-Vereine. Auch die Einführung der A-Junioren-Bundesliga hat sich bezahlt gemacht, deutsche Talente werden wesentlich früher an den Profifußball herangeführt, als es noch vor zehn Jahren der Fall war.
Trotzdem will Dutt noch seine eigene Note einbringen. "Es darf nicht so sein, dass wir erst nach Rückschlägen etwas ändern", sagte er bei der offiziellen Vorstellung von EsA im Januar. "Die anderen Nationen werden aufholen. Wenn wir jetzt nichts tun, werden es eines Tages zehn, zwölf Nationen sein, die sich um die Plätze in den Halbfinals bewerben." Der DFB müsse sich wappnen, um weiter im Vorteil zu sein.
Dutt möchte deswegen ein Kompetenzteam bilden, das die Jugendspieler in den Bereichen Taktik, Athletik, Scouting, Analyse und Persönlichkeit weiter voranbringt. Zusammensetzen wird Dutt dieses Team aus den hauptamtlichen Trainern aller Mannschaften des DFB, aus Spezialisten in den einzelnen Kompetenzbereichen und den Trainerausbildern. Diese Gruppe soll sich jede Woche treffen, aktuelle Trends diskutieren und Ideen zur Weiterentwicklung erarbeiten. Dafür soll der DFB auch ein neues Zentrum bauen, um laut Dutt "eine sportliche Heimat für unsere hauptamtlichen Mitarbeiter" zu haben.
Klingt sehr theoretisch, doch Dutt weiß auch um die praktischen Lücken im deutschen Fußball. Mittelstürmer und Linksverteidiger sind rar gesät. "Das Mittelstürmertraining und das Flankentraining sind, zugegeben, etwas in den Hintergrund getreten, gab Dutt in einem Interview mit dem Tagesspiegel zu. "Das müssen wir jetzt korrigieren. Wir wollen ja die Götzes und Draxlers, aber wir wollen auch jemanden haben, der in der Lage ist, mit links eine scharfe und gezielte Flanke zu schlagen."
Die Wichtigkeit von Titeln im Jugendbereich
Unbeantwortet bleibt dabei jedoch die Frage, ob Spieler durch Titel in der Jugend so weit voran gebracht werden, dass der von Dutt und auch von Vorgänger Sammer aufgebaute Druck seine Berechtigung hat. Oder anders: Sind Neuer, Khedira, Özil, Hummels und Co. so früh zu Leistungsträgern im A-Team geworden, weil sie 2009 Europameister wurden?
Wir glauben nicht an einen kausalen Zusammenhang, die Qualität der genannten Generation hätte unter einer Finalniederlage nicht gelitten. Zumal es selbst bei einer guten Ausbildung immer stärkere und schwächere Jahrgänge geben wird. Wichtiger sind da schon die Qualifikationen für Turniere, die allerdings aufgrund der knappen Teilnehmerzahl nicht in jedem Jahr zu garantieren sein wird.
Die Ausbildung im DFB ist hervorragend - ob sie durch die Duttschen Ideen noch besser wird, ist zumindest zweifelhaft - und die A-Nationalmannschaft profitiert ohnehin von einer Tatsache am meisten: Je früher die Spieler in ihren Vereinen zu Stammspielern werden, desto wichtiger sind die zu machenden Erfahrungen. Die U 17-Europameister von 2009 sind der lebende Beweis.
