Sieben Rookie-Quarterbacks sorgten am 14. Spieltag der NFL für Schlagzeilen. Dabei erstaunen diese Jungspunde durch ihr abgeklärtes Spiel. Sind sie die Captain Picards und Tom Brady, Peyton Manning und der Rest der alten Garde die Captain Kirks?
So ziemlich jeder Fan der NFL, der dieser Liga seit mehreren Jahren folgt, hat diese Diskussion Jahr für Jahr für Jahr mitgemacht. Pocket Passer oder Scrambling Quarterback? Oder vereinfacht übersetzt: Laufen oder werfen? Bis jetzt scheinen die werfenden Vertreter immer die Gewinner gewesen zu sein, die den Läufern früher oder später meist die Grenzen aufwiesen.
Doch die junge Garde um Cam Newton, Robert Griffin III und Andrew Luck als Pocket Passer zeigt eine neue Generation auf, die so manches Mal die Grenzen zum anderen Typus überschreitet.
Wie war das eigentlich damals?
Seit den achtziger Jahren war das Musterbeispiel eines Pocket Passers mit Dan Marino verbunden. Der hatte den Bewegungsradius eines Tannenbaums und brachte es in 16 Spielzeiten in der NFL auf sage und schreibe 87 Laufyards und einen Schnitt von 0,3 Yards pro Lauf. Dan Marino war ein begnadeter Quarterback, der aber auf Pässe angewiesen war.
Anders als die Zeitzeugen Joe Montana oder John Elway, die sich in brenzligen Situationen auch einmal auf ihre Laufstärke verlassen konnten.Und dann gab es noch Randall Cunningham, den legendären Quarterback der Philadelphia Eagles, der gerne die Beine in die Hand nahm und in so mancher Saison Zahlen auf den Rasen brachte, die einigen Running Backs gut zu Gesicht gestanden hätten.
Michel Vick - verhinderter Revolutionär der NFL
Cunningham galt lange als der Prototyp des laufenden Quarterbacks, bis Ende der neunziger Jahre Donovan McNabb und Daunte Culpepper auf den Plan traten. Zwei Jahre nach deren Draft betrat allerdings einer die Bühne, der nicht nur nach dem Willen der Atlanta Falcons sondern auch der NFL-Verantwortlichen die Revolution auf der Spielmacher-Position einläuten sollte: Michael Vick. Anders als Elway, Young oder sogar Cunningham verließ sich Vick in erster Linie auf seine Füße.
Er fiel prompt durch spektakuläre Läufe auf, brachte es 2006 auf sage und schreibe über 1000 Yards am Boden, ehe er wegen seiner Hundekampf-Aktivitäten weggesperrt wurde. Auch nach 23-monatiger Haftstrafe und seiner Rückkehr in die NFL blieben die Stimmen laut, die ihn eher als spielmachenden Running Back denn als Quarterback sahen. Der Hauptvorwurf: anstatt frei stehende Wide Receiver zu sehen, entscheide sich Vick zu oft für den Lauf. Gut für die Highlights, schlecht für die Punkteausbeute.
Während zum Beispiel bei Elway, Montana und vor allem dessen Nachfolger Steve Young galt: deckst du alle Mitspieler, laufen sie dir davon, konnte und kann man Vick spielerisch limitieren, wenn man ihn einfach nicht laufen lässt. Das ist zwar leichter gesagt, als getan. Funktioniert aber sehr viel besser, als bei den drei oben genannten Herren. Was ebenfalls gegen Vicks Spielweise spricht, ist die Verletzungsgefahr. Nur 2006 spielte er in allen 16 Saisonspielen der NFL, in den bisherigen vier Spielzeiten für die Eagles konnte er nie durchspielen. Nicht falsch verstehen, Michael Vick ist berechtigterweise ein NFL-Quarterback, es sind aber seine spektakulären Läufe und nicht bahnbrechende Würfe, die ihn aus der Masse herausstechen lassen.
Lieber werfen als laufen - die Elite-Quarterbacks der 2000er
Seit dem Vick 2001 auf den Plan trat, warten die Jünger der NFL Jahr für Jahr auf einen weiteren Revolutionär, der die Position des Quarterbacks quasi im vorbeilaufen aufmischt. Allerdings waren es auch im vergangenen Jahrzehnt eher die Pocket Passer, die als die Elite der Spielmacher-Position gefeiert wurden. Peyton Manning hat die Beweglichkeit eines Dan Marino, Tom Brady lächelt heranstürmende Verteidiger gerne mal weg und Ben Roethlisberger ist schon aufgrund seiner Größe der Fels in der Brandung. "Built like a brick shithouse", las ich unter der Woche eine treffende Charakterisierung von Big Ben - ich lasse das mal unübersetzt, erkläre dies aber als Pflichteintrag im Lexikon neben dem Namen Roethlisberger.
Auch Roethlisberger und Brady können laufen, wenn es sein muss, einer der Top-Quarterbacks, der sich eher in die Kategorie Elway/Young/Montana einordnen lässt, ist aber Aaron Rodgers. Der wirft zwar auch viel lieber, ist aufgrund seiner Athletik durchaus in der Lage, einen Touchdown-Lauf wie am Wochenende hinzulegen, als er über 27 Yards zum 17:14 gegen die Detroit Lions lief. Niemand würde Rodgers deswegen als Scrambling Quarterback bezeichnen.
Cam Newton, RGIII - the next Generation der NFL
Dieses Label gehört einigen Top Rookies der letzten Jahre mit Cam Newton und Robert Griffin III an der Speerspitze. Besonders Newton, der sich wie RG3 jede Menge Lorbeeren im College erlaufen hatte, sorgte für offene Münder in seinem ersten NFL Jahr 2011, als er eben nicht jene "run first"-Mentalität an den Tag legte, sondern auch durch wohlüberlegte Würfe glänzte. So brachte er es in seiner Rookie-Saison auf über 4000 Yards durch die Luft, legte aber auch stattliche 706 Lauf-Yards auf den Rasen.
Robert Griffin III, kurz RG3 genannt, agiert auf dem Spielfeld ähnlich und versetzte ganz Washington in schiere Begeisterung, die die US-Hauptstadt seit NHL-Star Alex Ovechkin oder Baseballer Steven Strasburg nicht mehr gesehen hatte. Ovie war vorgestern, Strasburg gestern, heute ist RG3. Der legte wirklich beeindruckende Zahlen, führte die Redskins "heraus aus der Bedeutungslosigkeit", wie Dennis Meanoff vom Cleveland Plain Dealer es richtig ausdrückt und rechtfertigt so den Trade vor der NFL-Draft, als Washington für den zweiten Pick und letztendlich RG3 tief in die Tasche greifen musste.
Robert Griffin III - auf den Spuren von NFL-Legende Elway
Nicht zu Unrecht rutschte der ganzen Stadt beim 31:28 über die Baltimor Ravens das Herz kollektiv in die Hose, als Griffin verletzt ausgewechselt werden musste. Doch das Glück war den Redskins gleich zweifach hold. Ersatz und Mit-Rookie Kirk Cousins führte Washington in die Verlängerung und zum Sieg und sorgte für ein Novum in der NFL. Noch nie zuvor hatten zwei Rookie-Quarterbacks jeweils einen Touchdown für ein Team im selben Spiel geworfen.
Für Cousins könnte dieser Wurf fast schon Gold bedeuten, könnte sich doch das ein oder andere Team nun für Griffins Ersatzmann interessieren. Denn der ist und bleibt der Mann in Washington. Mit ganz viel Glück bereits am 15. Spieltag, stellte sich seine Knieverletzung doch als weitaus weniger schwer heraus, als angenommen.
Die Tatsache, dass RG3 den Stadtschlüssel von Bürgermeister Vincent C. Gray übernommen hat, hat er auch dem zweiten Frühling von Coach Mike Shanahan und dessen Offensive Coordinator und Sohn Kyle zu verdanken, die seine Stärken geschickt einzusetzen wissen. Mike Shanahan kann sich dabei sicher auch auf seine Erfahrung mit seinem alten Quarterback in Denver verlassen, der ihm zwei Super Bowl-Ringe bescherte. Der Name: John Elway.
Männer aus dem Nichts: Russell Wilson und Colin Kaepernick
Während Cam Newton und RG3 bereits vor ihrem ersten Pass in der NFL mit einer großen Erwartungshaltung an den Start gingen, sind Russell Wilson von den Seattle Seahawks und Colin Kaepernick die eigentlichen Überraschungen auf der Quarterback-Position.
Wilsons Berufung zum Starter rief vor der Saison Lachsalven und Empörung hervor, hatte Seattle doch gerade erst Matt Flynn von den Green Bay Packers geholt. Dieser musste sich überraschend in derselben Rolle üben, die er in Wisconsin jahrelang hinter Aaron Rodgers eingenommen hatte: der des Backups. Mittlerweile muss man Coach Pete Carroll attestieren, hier das richtige Händchen bewiesen zu haben - und das nicht erst nach dem 58:0 gegen die Arizona Cardinals vom Wochenende, als Wilson sich sogar 25 Minuten lang ausruhen durfte.
Colin Kaepernick hat sich nach und nach auf die Position des Quarterback Nummer eins bei den San Francisco 49ers geschlichen. Und nicht gelaufen, denn Kaepernick erinnert von der Statur eher an Ben Roethlisberger denn an die athletischen Läufer a la Griffin. Doch auch er gehört in die nächste Generation der Quarterbacks, bei denen natürlich auch Andrew Luck eine Rolle spielt, dessen Heldentaten ich bereits in der letzten Woche besang.
Neben RG III, Cousins, Luck und Wilson waren Branden Wheeden, Ryan Tannehill und Nick Foles als weitere Rookies im Einsatz und sorgten für gute Eindrücke. Nur Tannehill konnte mit den Miami Dolphins nicht gewinnen - doch ein Auftritt bei den San Francisco 49ers ist derzeit auch für andere Quarterbacks kein Zuckerschlecken.
