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Von: Marcus Krämer
Datum: 17. September 2012, 15:08 Uhr
Format: Artikel
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Davis Cup: Die wahren Probleme des deutschen Tennis nach dem Klassenerhalt

Tennis, Patrik Kühnen
Teamchef Patrik Kühnen herzt Cedrik-Marcel Stebe

Es liest sich so wunderbar: "Wir sind eine verschworene Gemeinschaft." Nicht nur Philipp Petzschner beschwor nach dem Klassenerhalt den Teamgeist. Doch die Probleme im deutschen Herren-Tennis sind präsent und gehen tiefer. sportal.de fasst zusammen.

Die schlechte Stimmung, über die in den vergangenen Wochen und Monaten ziemlich offen berichtet wurde, soll in Zukunft weiteren Erfolgen im Davis Cup jedenfalls nicht im Weg stehen. Nach Cedrik-Marcel Stebes Sensationssieg gegen Leyton Hewitt, mit dem der 3:2-Sieg gegen Australien feststand, gaben alle Verantwortliche wie auf ein Stichwort ähnliche Kommentare ab.

"Das ist ein bisschen überinterpretiert worden", erzählte beispielsweise DTB-Präsident Karl-Georg Altenburg und unterstrich die tolle Atmosphäre in den Tagen von Hamburg: "Das sind keine Worthülsen. Ich habe den Teamgeist bis in die Kabine gespürt. Auch wenn das nicht geklappt hätte: Es war ein Fakt, dass sie sich zusammengerissen und gekämpft haben." Petzschner ergänzte: ""Da was reinzudichten, finde ich respektlos." Und auch Teamchef Patrik Kühnen will nur noch Teamplayer einsetzen. "Das wird auch in Zukunft mein Maßstab sein", sagte Kühnen.

Dabei hatte Altenburg selbst für die nächsten Misstöne gesorgt, als er die Idee verbreitet hatte, nur noch Olympia-Teilnehmer für den Davis Cup zu nominieren. Wie dann ein Team zustande kommen soll, bleibt wohl Altenburgs Geheimnis, der wegen seiner Olympia-Absage ohnehin in der Kritik stehende Florian Mayer reagierte dementsprechend pikiert. Noch viel mehr als Stebe war es dann aber Mayer, der mit zwei glatten Erfolgen gegen Hewitt und Bernard Tomic den Grundstein zum Klassenerhalt legte. Doch die Probleme im deutschen Herren-Tennis lassen eine wirkliche Trendwende - nicht nur im Davis Cup - in den nächsten Jahren sehr unwahrscheinlich erscheinen:

Teamgeist? Es muss ein Neustart her

Mit Philipp Kohlschreiber (18), Tommy Haas (21) und Mayer (25) steht der DTB so gut wie schon lange nicht mehr in der Weltrangliste da. Doch Kohlschreiber kann nicht mit Haas, der steht auf der Zielgerade seiner Karriere und wurde im Laufe der Saison von Kühnen gecoacht, auch deshalb wurde der Teamchef von Kohlschreiber, Mayer und Petzschner vor dem World Team Cup ausgebootet und so stand vor dem Australien-Spiel besonders im Fokus, ob die nicht nominierten Kohlschreiber und Haas sich nun per SMS gemeldet hatten oder nicht.

Wenn dann noch die alten Herren Boris Becker und Michael Stich ständig über die Medien Ratschläge geben, ist über den Zustand des Herren-Tennis viel gesagt. Möglicherweise wäre ein Abstieg aus der Weltgruppe sogar die beste Nachricht gewesen, ein Neuanfang ohne Kohlschreiber und Haas wäre dann einfacher gewesen. So werden die sportlich außer Frage stehenden Routiniers in der ersten Davis Cup-Runde 2013 wieder über dem Team schweben.

Die Rangliste verschleiert ein Qualitätsproblem

Mit einem flüchtigen Blick auf die Weltrangliste könnte man meinen, die deutschen Herren könnten dauerhaft um Turniersiege spielen. Aber schon die Altersstruktur legt Realismus nahe. Haas (35) spielt vielleicht noch ein Jahr, bei Kohlschreiber und Mayer (beide 28) sieht es noch etwas langfristiger aus.

Bei Mayer und Kohlschreiber fehlen aber zwei Dinge, um wirklich in die Weltspitze vorzustoßen: Konstanz und mentale Stärke. "Florian würde am allerliebsten immer auf Platz 17 spielen", beschreibt Waske den Gemütszustand von Mayer, "ohne Kameras und Bild-Zeitung, lass mich bitte in Frieden." Eine gut zu akzeptierende Tatsache, die ihn aber nicht zu einem Vorbild für Nachwuchsspieler macht. Und wer wirklich böse ist, könnte meinen, von Kohlschreiber könnte der Nachwuchs vor allem lernen, wie Niederlagen zu entschuldigen sind. Einen Grand Slam- oder Masters-Erfolg wird es in den nächsten fünf Jahren wohl nur im deutschen Damen-Tennis zu bejubeln geben.

Weiter mit Kühnen? Wenn, dann richtig

Am Rande des Spiels gegen Australien bestätigte DTB-Sportdirektor Klaus Eberhard Gespräche mit Kühnen über eine Vertragsverlängerung. Der Klassenerhalt ist sicherlich ein gutes Argument, aber die atmosphärischen Störungen innerhalb des Teams - glaubt Kühnen wirklich, diese Probleme mit Gesellschaftsspielen aus dem Weg zu räumen? - sind da und müssen aufgearbeitet werden.

Für Ex-Profi Alexander Waske, der bereits als Kühnen-Nachfolger gehandelt wird, ist ohnehin viel wichtiger, dass das Aufgabengebiet des Teamchefs überarbeitet wird. "Dazu gehört es, dass der DTB den Teamchef so bezahlt, dass der bei einem Grand-Slam-Turnier schon in jeder Qualifikation zuschaut", sagte Waske in einem FAZ-Interview. "Man muss die Spieler sehen, die um Platz 200 stehen, man muss den Kontakt haben, weil die es doch sind, die irgendwann hochkommen. Das kann ganz schnell gehen. Und man muss auch bleiben, wenn danach das Juniorenturnier beginnt, so wie es Barbara Rittner bei den Damen macht. Das ist notwendig, um eine neue Kultur aufzubauen."

Das Nachwuchsproblem muss gelöst werden

Für die Zukunft des deutschen Tennis - der DTB ist übrigens der Verband mit den größten Mitgliederzahlen im Welttennis - muss ab sofort auf die Karte Nachwuchs gesetzt werden. Genauer gesagt geht es darum, den vorhandenen starken Nachwuchs mit mehr Konsequenz an den Seniorenbereich heranzuführen.

In Deutschland bleiben die Juniorenspieler zu lange unter sich, ohne mit Profis zu trainieren, um so auf den Leistungssprung vorbereitet zu werden. Sowohl körperlich als auch mental ist Profitennis meilenweit von den Spielen im Juniorenbereich entfernt. Aktuell betrifft das Spieler wie Maximilian Marterer oder Daniel Masur, die bald auf der Schwelle zum Profitum stehen.

Für Waske steht ohnehin fest, dass der DTB mehr ehemalige Spieler als Trainer einbinden muss. "Wir haben einige exzellente ehemalige Spieler als Trainer wie Sascha Nensel oder Carsten Ariens - da gibt es sicher genügend gute Leute, die man hätte einbinden können. Die Franzosen machen das hervorragend, aber die haben ein Grand-Slam-Turnier im Rücken mit Millionen Euro Überschuss." Mit Geld und dem richtigen Knowhow könnte Deutschland in einigen Jahren für den nächsten Tennis-Boom sorgen - und dann darf auch wieder über den Teamgeist diskutiert werden.