Noch nie war gutes Benehmen so wichtig wie heute, wo ein simpler Händedruck schon einen Preis bringt. Trotzdem sollten Fürth und Wolfsburg die Höflichkeiten nicht übertreiben, Tönnies die Klopp geratene Contenance selbst anwenden und sowieso alle auf Hoeneß hören.
"Engländer brauchen doch keine Nachhilfe in Sachen Benehmen", hatte man eigentlich gedacht. Die haben schon lange vor dem Fußball bereits Fairplay und Höflichkeit, kurz den perfekten Gentleman erfunden. Dieses Ideal verkörpern sie bis heute in allen Lebenslagen, besonders beim Kicken. Englische Fußballer gelten schließlich gemeinhin als diskret wie Roy Hodgson, sind von ausgesuchter Höflichkeit wie Ashley Cole und natürlich absolut vorurteilsfrei wie John Terry.
Äääh ja, bei genauerer Überlegung überrascht es dann doch nicht, dass die FA einen umfassenden Knigge für ihre Nationalspieler herausgegeben hat. Aber auch in Deutschland ist eine Verrohung der Sitten zu spüren. "Ich muss schon sagen, im Moment geht es wirklich in Richtung Rüpelgesellschaft", beklagte der Hans-Michael Klein, der Vorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft, laut abendblatt.de, wie schlecht es derzeit um zivilisierte Umgangsformen bestellt ist.
Wie gut, dass es in der Bundesliga und im deutschen Fußball noch einige wenige gibt, die sich gegen diesen Trend der Sittenverrohung stellen und vor dem achten Spieltag mit gutem Beispiel voran gegangen sind und es am Spieltag selbst auch werden. Ein höflicher Fürther, gastfreundliche Wolfsburger und der hilfsbereite Uli Hoeneß, die über allen thronende moralische Instanz. Wie sang die Waldramer Tanzlmusi laut sueddeutsche.de doch für ihn? "Herr Hoeneß, aus einer Wurst machst du was Schönes."
Greuther Fürth: Auch bei Niederlage höflich bleiben
Preise fürs Pfötchengeben hatte es in Deutschland vorher allenfalls in "Rudis Hundeshow" gegeben, mittlerweile reicht schon ein simpler Händedruck aus, um - wie Mike Büskens - mit einer offiziellen DFB-Auszeichnung für besonderes Fair Play dekoriert zu werden. So verkommen sind die Sitten und Gebräuche in Deutschland offenbar bereits, dass man sich durch eine eigentlich selbstverständliche Begrüßungs- und Höflichkeitsgeste wohltuend aus der Masse abhebt.
Es dürfte, zumindest nach derzeitigem Stand zu urteilen, aber wohl die einzige Auszeichnung für Büskens in dieser Saison bleiben. Der Aufsteiger rangiert vor dem Gastspiel bei der TSG Hoffenheim mit gerade einmal zwei mageren selbst geschossenen Toren in sieben Spielen auf dem letzten Tabellenplatz der Bundesliga. Da nützt es auch nichts, dass man sich dieses Ligaminus angesichts der in der Statistik von bundesliga.de aufgeführten zwei Großchancen in sieben Bundesliga-Spielen als gnadenlos effektiv schönreden könnte.
Begrüßen braucht Büskens beim Auswärtsspiel in Hoffenheim diesmal keinen, dafür darf er aber nicht vergessen, nach der Partie allen Gegnern die Hand zu schütteln - um ihnen zum nächsten Sieg zu gratulieren. Tja, die negativen Auswirkungen von übergroßer Höflichkeit auf sportliche Leistungen kannte schon der US-Baseballmanager Leo Durocher, der in den 1930er Jahren den mittlerweile legendären Satz "nice guys finish last" prägte.
VfL Wolfsburg: Gastfreundschaft und Zurückhaltung nicht übertreiben
Diesem Aphorismus folgend müsste auch Felix Magath, derzeit mit dem VfL Wolfsburg 17., ebenfalls zu den ganz besonders liebenswürdigen Menschen zählen - auch wenn einige erschöpfte und nach Wasser lechzende Spieler oder vielleicht auch Jefferson Farfan das sicher so nicht uneingeschränkt bestätigen würden. Die Statistik spricht allerdings dafür. Seit sechs Spielen ist Wolfsburg bereits sieglos, schoss genau wie Fürth erst zwei Tore.
"Wir waren nette Gäste. Haben uns nur die ersten 45 Minuten gewehrt", bewarb sich Magath via bild.de mit seinen Wölfen nach dem jüngsten 0:3 auf Schalke für einen der nächsten ausgelobten Fair Play-Preise. Die berechtigte Anwartschaft kann sportal.de mit weiteren nackten Zahlen noch untermauern. Bei hohen Bällen im Strafraum halten sich die Wölfe selbstlos zurück und ermöglichten ihren bisherigen Gegnern so schon mit passivem Widerstand insgesamt sieben Kopfballtore und gab im eigenen Stadion sieben von neun möglichen Punkten ab.
Nun kommt der SC Freiburg nach Wolfsburg und würde sich über die nächste noble Spende sicher sehr freuen, schließlich sind die Breisgauer auswärts noch sieglos. Das werden sie wohl nicht bleiben, wenn Wolfsburg nicht endlich seine Mahatma Gandhi-Attitüden ablegt.
Hannover 96: Immer nett zu deinen Angestellten sein
Wie schafft man jetzt eine Überleitung von Gandhi zu Uli Hoeneß? Völlig unterschiedliche Essgewohnheiten..., aber dafür beide enorm hilfsbereit - auch wenn Jogi Löw es nicht unbedingt zu würdigen weiß, wenn der Bayern München-Präsident ihn verbal unterstützen will. Balsam muss es da doch für Hoeneß sein, dass wenigstens Hannover 96s Martin Kind offenbar ganz im Sinne seiner Maximen und Philosophien agiert.
"Mitarbeiter sind das größte Kapital des Unternehmens", hatte Hoeneß auf einer Podiumsdiskussion formuliert. Sie gingen für den Chef "durchs Feuer", wenn sie zufrieden sind. Das wird ja in München immer groß geschrieben, wie Louis van Gaal oder Dirk Bauermann sicher gern bestätigen werden. Ob Kind diese Worte im Kopf hatte, als er gestern via Sky die strukturierte und professionelle Arbeitsweise von Trainer Mirko Slomka über den grünen Klee lobte und erklärte einen, möglichen Wechsel zum FC Bayern sogar unterstützen zu wollen?
Hintergedanke dürfte sein: sich Pluspunkte im Ringen um die Vertragsverlängerung mit dem Coach zu sichern, um - falls Bayern doch nicht Slomka holt - mit ihm das Ziel "Weiterentwicklung von Hannover 96" zur "Erfolgsstory" vollenden zu können. Der nächste Schritt dazu könnte im Auswärtsspiel beim Eintracht Frankfurt erfolgen. Gegen die Hessen hat Slomka von sieben Bundesliga-Duellen noch keins verloren (fünf Siege, zwei Unentschieden).
Borussia Dortmund und Schalke 04: Contenance vor dem Derby bitte
Ein Derby gegen Borussia Dortmund schafft für Clemens Tönnies von Schalke 04 völlig neue Allianzen. Bei Bayern schleimen, nach dem BVB treten, so könnte man ein Interview, das der Aufsichtsratschef der Sport Bild gegeben hat, überschreiben. "Wer jetzt noch glaubt, dass Bayern nicht Meister wird, der verkennt die Realitäten und träumt. Das gilt es zu akzeptieren", stichelte Tönnies und analysierte gleich noch den Grund für den Holperstart des Erzrivalen BVB.
"Die Mannschaft steht sehr unter Druck, sodass sie zuletzt nicht mehr so befreit aufgespielt hat. Aber mit seiner permanenten emotionalen Körpersprache verstärkt er die Erwartungshaltung", kritisierte er Jürgen Klopp, den er ansonsten für einen "überragenden Trainer" halte, dem er aber trotzdem zu mehr Contenance und Zurückhaltung rate. Die Bilanz der letzten vier Derbys spricht aber für den BVB, der aus den Partien zehn Punkte holte und in den letzten beiden Vergleichen in Dortmund sogar ohne Gegentor blieb. Hmm, bei wem wäre angesichts dieser Bilanz Nachhilfe in Sachen Zurückhaltung angebrachter?
