Von der Qualifikantin in Dallas 2011 zur Mitfavoritin bei den US Open 2012 - Angelique Kerber erlebt seit einem Jahr einen kometenhaften Aufstieg im Tennis. Eine Woche vor dem letzten Grand Slam-Turnier des Jahres schlägt Kerber wieder in Dallas auf.
Zum Turniersieg hatte es für Angelique Kerber in Cincinnati nicht ganz gereicht, aber durch die vierte Finalteilnahme im Jahr 2012 schaffte sie den Sprung auf Platz sechs der Weltrangliste. Trotz der Finalniederlage gegen Li Na ist sie die bestplatzierte deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf. Dabei war sie vor einem Jahr in der Weltelite noch ein vollkommen unbeschriebenes Blatt.
Doch dieses Blatt füllte sich schnell und nun, ein Jahr nach dem Aufstieg der Kielerin, geht es für sie zurück zum Anfang. Back to the roots. Dorthin, wo die Tenniswelt einen sportlichen Urknall erfuhr. Nach Dallas. Dort muss Kerber in der ersten Runde gegen Mirjana Lucic antreten. Vor genau einem Jahr stand sie ebenfalls bei dem kleineren Turnier in Runde eins auf dem Platz, musste sich vorher aber sogar durch die Qualifikation kämpfen.
Kerber wie ein Komet
Nach einem verkorksten Frühjahr rutschte Kerber 2011 sogar aus den Top 100 der Weltrangliste und leitete in Dallas die Wende ein. Als Qualifikantin schaffte sie es bis ins Halbfinale, wo sie Aravane Rezai nach hartem Kampf unterlag. Was genau in Dallas mit Kerber passierte, weiß wahrscheinlich nicht einmal sie selbst. Sicher ist, dass sie sich vom No-Name zur Weltklasse-Spielerin entwickelt hatte.
Genau wie dieses Jahr begannen auch 2011 in der Woche nach Dallas die US Open. Als die deutschen Tennisfans mehr auf Dallas-Siegerin Sabine Lisicki oder Kerbers gute Freundin Andrea Petkovic schauten, spielte sich Angelique Kerber durch eine hervorragende Leistung und einem überraschenden, keineswegs unverdienten Zweitrundensieg über Agnieszka Radwanska bis ins Halbfinale vor. Plötzlich stand sie im Rampenlicht.
Gestatten: US Open-Favoritin Kerber
Ihre Bilanz seitdem lässt sich sehen. Nachdem sie zuvor häufig in Runde eins gescheitert war, erreichte sie bei 12 der vergangenen 17 Turniere mindestens das Viertelfinale, schaffte im aktuellen Jahr viermal den Einzug in ein Finale, von denen sie zwei für sich entschied. In Wimbledon wiederholte sie das Erreichen eines Halbfinales bei einem Grand Slam-Turnier und durch den Sieg im Halbfinale von Cincinnati bringt sie es nun auf 53 Siege im Jahr 2012 - so viele wie keine andere Tennisspielerin.
Spätestens aber nachdem sie in den vergangenen Tagen mit Serena Williams und Petra Kvitova zum ersten Mal in ihrer Karriere zwei Top-5-Spielerinnen in einer Woche besiegte, zählt sie bei den US Open nicht mehr zu den Geheimfavoriten oder gar wie vor einem Jahr zu den No-Names. Kerber ist jetzt eine heiße Kandidatin auf den Titel - ihren ersten Grand Slam-Titel. Und die sympathische, bodenständige Kielerin freut sich auf das letzte große Turnier des Jahres. "Jetzt freue ich mich wirklich auf New York - dort gut abzuschneiden, ist mein größtes Ziel", so Kerber nach ihrer Finalniederlage gegen Li Na.
Kerber, die "Kampfsau"
Durch den rasanten Aufstieg und die Eroberung des sechsten Rangs in der Weltrangliste strotzt Angelique Kerber nur so vor Selbstbewusstsein. Auf ihrem Blog für die Internetseite der WTA schrieb sie im Hinblick auf die US Open mutig: "Ich weiß, dass ich auch die vor mir platzierten Spielerinnen schlagen kann." Sie weiß aber auch, dass sie sich noch weiterentwickeln kann und muss. Dabei legt sie eine ungeheure Willenskraft an den Tag.
Diese Willenskraft und ihre konditionelle Stärke sind wohl auch ihre gefährlichsten Eigenschaften auf dem Platz. Wenn Kerber Bälle erläuft, von denen die Gegnerin schon dachte, es sei ein sicherer Punkt. Wenn sie sich bei hohem Rückstand zurückkämpft. Oder wenn sie vollkommen unbeeindruckt gegen eine Serena Williams, die gerade zum zweiten Mal in einem Jahr in Wimbledon siegen konnte, spielt. Das sind die Momente, in denen ihre Gegnerinnen auf eine mentale Probe gestellt werden und schon oft daran scheiterten. Der erste Grand Slam-Sieg wird kommen und es wird ein neues Kapitel in der steilen Karriere von Angelique Kerber geschrieben - ohne den Anfang in Dallas zu vergessen.
