Die lange verletzte Andrea Petkovic gibt bei den US Open ihr Grand-Slam-Comeback. Dabei setzt die 24-Jährige mehr denn je auf eine optimale Inszenierung. Denn sie weiß, dass sie sportlich nicht mehr die Beste im Land ist. Den Rang hat ihr Angelique Kerber abgelaufen.
Womöglich sollten wir alle erst einmal durchatmen und dann froh sein. Froh darüber, dass Andrea Petkovic noch unter uns ist. Am vergangenen Mittwoch schied Petkovic in der zweiten Runde von New Haven 4:6, 1:6 gegen die Slowakin Dominika Cibulkova aus. Es war ihr erstes Turnier nach 116 Tagen Verletzungspause.
Und damit das auch jeder richtig, zumindest nach ihren Vorstellungen, einordnen kann, erzählte die 24-Jährige ein wenig. Sie sei sehr zufrieden, dass sie sich diese Woche nicht das Genick gebrochen habe. Sie habe Bälle verschlagen, die ich sonst in hundert Jahren nicht verschlage. Vor allem aber müsse sie akzeptieren, dass dies das schlechteste Jahr ihrer Karriere war.
Man kann Partien und Ereignisse sachlich einordnen, unsachlich, zurückhaltend oder offensiv. Und man kann es wie Andrea Petkovic machen. Immer ein Witz, immer mit grenzenloser Übertreibung. Eben so, dass allen ausreichend Stoff für eine gute Geschichte geboten wird. Ob der Inhalt stimmt, kann ja auch mal zweitrangig sein.
Andrea Petkovic muss um Aufmerksamkeit kämpfen
Am vergangenen Mittwoch war aber vor allem wichtig, dass alle mitbekommen, dass Petkovic wieder da ist. Dazu durfte ein Journalist der New York Times anreisen, und eben dies feststellen. Dazu gab es ein neues Twitter-Profilbild. Wenn man nicht wissen würde, womit sie ihr Geld verdient, würde man annehmen, Petkovic sei ein Model.
Petkovic muss mehr denn je um Aufmerksamkeit kämpfen. Sie hat in diesem Jahr wegen einer Rückenblessur und einer Sprunggelenk-Operation kaum spielen können, ist in der Weltrangliste auf Platz 43 zurückgefallen. Andere haben sie überholt, vor allem Landsfrau Angelique Kerber. Die ist jetzt die Nummer sechs der Welt, besser als Petkovic je war.
Angelique Kerber war 2012 stärker als Andrea Petkovic 2011
Bei den heute startenden US Open geht es für Petkovic nicht nur um die ersten wichtigen Matches seit langer Zeit. Sie kämpft vor allem darum, ihr verlorenes Standing zurückzuerobern, sie kämpft um Aufmerksamkeit - und um den Platz als deutsche Nummer eins.
Gerade letzteres, und das dürfte langfristig ausschlaggebend für die anderen Punkte sein, dürfte sie aber kaum schaffen. Petkovic hatte 2011 ihr bisher bestes Jahr, schaffte sechs Siege gegen Top-Ten-Spielerinnen, erreichte drei Grand-Slam-Viertelfinals, gewann ein Turnier und wurde die Nummer neun der Welt. Kerber hatte 2012 ihr bisher bestes Jahr, schaffte acht Siege gegen Top-Ten-Spielerinnen, erreichte ein Grand-Slam-Halbfinale, gewann zwei Turniere und wurde die Nummer sechs der Welt. Und das Jahr ist noch nicht vorbei.
In ihrem besten Jahr war Petkovic nicht deutlich, aber dennoch erkennbar schwächer als Kerber in ihrem besten Jahr. Vieles spricht dafür, dass die Linkshänderin künftig die deutsche Nummer eins sein wird. Denn: Beide spielen sehr ähnliches Tennis, kommen vor allem über ihre überragende Fitness und harte Schläge von der Grundlinie. Beide leben von ihrer Konstanz, extreme Ausreißer nach oben oder unten gibt es fast nie. Es ist unwahrscheinlich, dass eine der beiden ihr Spiel künftig noch mal auf ein deutlich höheres Niveau bringen kann.
Petko-Dance, Einserabitur, Studium - Immer was zu erzählen
Die extrem ehrgeizige Petkovic war die Vorreiterin im deutschen Damentennis der vergangenen Jahre, sie war der Auslöser für die gesteigerte Aufmerksamkeit, die die Sportart bekam. Doch dies fußte nicht nur auf ihren sportlichen Leistungen. Von Beginn an ging es bei ihr immer auch um Show, Inszenierungen und Geschichten. Dazu gehörte ihr Petko-Dance und das darum stattfindende, ewig anhaltende Hin und Her, ihn einzustellen, zu variieren, zu beenden und dann doch wieder rauszukramen. Dazu gehörte ihr offensiv vermarktetes Einserabitur und ihr Politik-Studium, mit dem sie sich seitdem nach eigenen Angaben jeden Tag beschäftigt.
Diese Inszenierung ist ihr unbenommen, sie war erfolgreich. Doch ob das Interesse daran bleibt, wenn sie dauerhaft außerhalb der Top Ten steht und den Deutschen mit Kerber eine sportlich bessere Alternative geboten wird, bleibt abzuwarten. Zumal Kerber in der Hinsicht ganz anders gestrickt ist.
Kerber eher bodenständig
Sie twittert andere nicht als "Olle" an, im Gegensatz zu Petkovic, sie erklärt ihre Absage für das Turnier in Dallas einfach damit, dass sie nicht bei 100 Prozent sei. Man kann das langweilig finden, man kann es aber auch bodenständig nennen. Kerber hat knapp 14.000 Follower bei Twitter, weniger als ein Viertel von Petkovic. Als sie Ende 2010 schon in den Top50 stand, hatte sie noch nicht einmal eine Homepage.
Der "Bild-Zeitung verriet sie vor Wimbledon, dass sie bei einem Grand-Slam-Sieg aus einem Flugzeug springen werden, mit einem Fallschirm natürlich. Die gleiche Geschichte erzählte sie jetzt dem Sportinformationsdienst. Als Steffi Graf Kerber in Wimbledon treffen wollte, dauerte es ziemlich lange, bis die deutschen Medien dies erfuhren. Es stand zuerst in amerikanischen Zeitungen. Kerber ist die Sachliche, sie ist auf dem Boden geblieben, sie holt sich nach Niederlagen Hilfe von ihrem Mentaltrainer Holger Fischer.
In New York spielt Kerber in der zweiten Runde wohl gegen Venus Williams, ein schweres Los für eine Nummer sechs der Welt. Kerber sagte, sie freue sich, die schönen Erinnerungen vom Halbfinaleinzug des Vorjahres hochkommen zu lassen. Petkovic spielt in der ersten Runde gegen die Schweizerin Romina Oprandi, ein dankbares Los für eine ungesetzte Spielerin. Petkovic sagte, ihr einziges Ziel sei es, gesund zu bleiben.
