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Von: Daniel Raecke
Datum: 12. September 2012, 07:30 Uhr
Format: Artikel
Quelle: sportal.de
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Analyse: Österreich - Deutschland

Waldemar Hartmann, Matze Knop
Waldemar Hartmann (l.) und Matze Knop. Früher war auch nicht alles besser.

"Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?" Das fragt nicht nur Mitt Romney die Wähler, sondern auch sportal.de die Nationalelf. Was immer man zu taktischen Feinheiten sagen mag - man muss wenigstens nicht mehr nach ARD-Länderspielen panisch umschalten.

Ein Unentschieden und 19 Siege aus den letzten 20 Qualifikationsspielen - so klingt die deutsche Bilanz gar nicht so schlecht. Der Eindruck aus dem 2:1-Sieg in Wien war jedoch eher durchwachsen. Liegt das nur an der Erwartungshaltung, oder gibt es Grund zur Sorge um die DFB-Auswahl? Wir versuchen uns daran, Licht ins Beurteilungsdunkel zu bringen.

1) Österreich war exzellent auf den Gegner eingestellt - aber waren sie besser?

Ob Österreich "die bessere Mannschaft" war, wie Mehmet Scholl in der Halbzeitpause attestierte (und nach dem Spiel versuchte, diese Aussage Gerhard Delling in die Schuhe zu schieben), ist eine nahe liegende, aber nicht leicht zu beantwortende Frage. Das liegt an den verschiedenen Registern, in denen man sie diskutieren kann. Aus österreichischer Sicht - klarer Außenseiter gegen einen traditionellen, aber meist übermächtigen Rivalen - war das Spiel hervorragend, denn eine bessere Leistung konnte man in dieser Konstellation kaum erwarten.

Eine Mannschaft, die sich seit 14 Jahren nicht mehr für ein Turnier qualifizieren konnte, spielt gegen den Halbfinalisten der letzten vier Turniere und schafft es mit Pressing und gutem, aggressiven Spiel gegen den Ball, den Spielaufbau des Gegners zu erschweren und das eigene Publikum hinter sich zu bekommen und zu euphorisieren. Hätte Marko Arnautovic seine Riesenchance kurz vor Schluss verwertet, wäre das alles sogar mit einem verdienten Punkt belohnt worden.

Im Vergleich dazu konnte Deutschland nicht zufrieden sein, weil die aus den letzten Jahren in Pflichtspielen bis auf Ausnahmen gewohnte Dominanz nicht zu sehen war. Soweit zur relativen Leistung. Hätte man das Match ohne Kenntnis der Vorgeschichte als Spiel "Rot gegen Weiß" gesehen, so hätte das Urteil wohl gelautet: Großes Engagement bei den Roten, aber überhastete Aktionen im Abschluss und rund um den Strafraum, cleverere Weiße holen sich am Ende den Sieg.

Es kommt also auf die Perspektive an, und wir wollen noch einmal die österreichische einnehmen, die sich in Schlagzeilen wie "Kein Lohn für die harte Arbeit" (Neue Kronen Zeitung), "Ehrenhafte 1:2-Niederlage für Österreich" (Der Standard), "Den Deutschen die Stirn geboten" (Die Presse) oder "Super gespielt, aber blöd verloren" (Österreich) niederschlug. Was genau hatte Marcel Koller denn richtig gemacht?

Mit erstaunlich simplem Pressing setzten die Gastgeber Deutschland oft in der eigenen Hälfte unter Druck, vor allem in der Anfangsphase und dann wieder in der letzten halben Stunde. Von den vier Offensivspielern Martin Harnik, Marko Arnautovic, Andreas Ivanschitz und Zlatko Junuzovic liefen meist zwei oder drei den ballführenden Spieler und seine Anspielstationen an. Viele Ungenauigkeiten im deutschen Spielaufbau resultierten schon daraus.

War der Ball dann in der österreichischen Hälfte, so schufen die Österreicher gerade auf den Außenbahnen fast immer Überzahl in Ballnähe. Viel war aus deutscher Sicht vom neuen Gegenpressing geredet worden, und von einer Dortmundisierung der DFB-Elf. Tatsächlich sah man von Österreich eine Art Anti-BVB-Taktik. Dortmund jedenfalls ist besonders stark darin, das Spiel auf eine Seite nach außen zu verlagern, die Defensive mitzuziehen und dann den Ball auf die andere Flanke zu verlagern. Das gelang den Deutschen fast nie.

2) Muss Philipp Lahm jetzt wieder nach links?

Der erneute Seitenwechsel Philipp Lahms, mit dem Joachim Löw die Position des Spielers im Club nachvollzog, schien auf den ersten Blick sinnvoll: Rechts hinten gibt es keine wirklich guten Alternativen, und links kann doch dieser Marcel Schmelzer spielen, der ist immerhin Deutscher Meister. Der neuen Strategie wurde - nachdem Schmelzer gegen die Färöer noch verletzt passen musste - in Wien schon im ersten Spiel ihre Sollbruchstelle vorgeführt: Es gibt nämlich auch links keine wirklich guten Alternativen.

Schmelzer spielte in der Vorwärtsbewegung überhastete Bälle und Flanken und praktizierte One-Touch-Fußball, wo er das Leder besser erst einmal kontrolliert hätte. Die durch das österreichische Pressing erzwungene Hektik im deutschen Spiel hätte nicht mit Vabanque-Fußball beantwortet, sondern mit Übersicht und Spielintelligenz bekämpft werden müssen. Zudem verlor er (wohl einen Doppelpass des Bremers mit György Garics fürchtend) den entscheidenden Zweikampf mit Marko Arnautovic vor dessen Assist zum 1:2.

Ist Schmelzer also die falsche Wahl für die Linksverteidigerposition? Sicher ist er von den technischen Fertigkeiten her kein internationaler Klassemann. Aber gibt es solche überhaupt im Kreis der für den DFB spielberechtigten Profis? Beschränkt man sich auf spezialisierte Linksverteidiger, so kommen nicht viele in Frage. Dennis Aogo läuft seit zwei Jahren seiner Form hinterher, ansonsten sind improvisierte Lösungen wie Holger Badstuber noch das Naheliegendste.

Improvisierte Lösungen gibt es rechts jedoch auch, sogar noch mehr, etwa in Person von Jerome Boateng oder Benedikt Höwedes. Das einzige, was unter diesen Vorzeichen dagegen spricht, Lahm wieder nach links zu hetzen, ist dessen Seelenfrieden und das Argument, dass er sich lieber auf einer Position einspielen sollte, statt dauernd zu wechseln. Marcel Schmelzer ist nach heutigem Stand aber nicht die komplementäre Lösung auf der anderen Seite. Spricht leider für Lahms erneuten Umzug.

3) Wo steht Deutschland nach zwei Spielen der WM-Qualifikation?

Das Spiel gegen die Färöer darf nicht als Maßstab gelten, weder im Positiven noch im Negativen. Der knappe Sieg von Wien hingegen schon - und zwar sowohl im Guten wie im Schlechten. Nach 17 Siegen in den letzten 18 Pflichtspielen ist - das haben wir hier oft genug betont - eine Fundamentalkritik an Joachim Löw oder der Mannschaft absurd. Es kann nur um andere Fragen gehen, die man etwa mit Mitt Romney (oder vor ihm mit Ronald Reagan) formulieren könnte:

"Geht es Ihnen jetzt besser als vor vier Jahren?", fragte Reagan vor seinem Wahlsieg gegen Jimmy Carter 1980 die Amerikaner, und die gleiche Nummer versucht Romney aktuell auch auf Barack Obama anzuwenden. Würden wir Wahlkampf gegen Löw machen wollen, so würden wir vielleicht fragen: "Ist Deutschland aktuell stärker als vor vier Jahren?".

Noch nach dem Viertelfinale der EM hätten wohl die meisten Fans diese Frage bejaht. Nach dem Aus gege Italien änderte sich die allgemeine Einschätzung. Was die Spielweise und die allgemeine Klasse des Kaders angeht, ist Deutschland wohl etwas besser als nach der EM 2008. Das Entscheidende, was zu bedenken wäre, ist aber der Umstand, dass nur je eine Mannschaft Europameister oder Weltmeister werden kann und das nicht automatisch heißt, dass alle Nicht-Europameister oder -Weltmeister zu schlecht sind.

Da Deutschland seit 2004 entscheidende Pflichtspiele bei Turnieren nur gegen Italien und Spanien verloren hat und alle anderen Gegner regelmäßig schlägt - mal überzeugender, mal weniger überzeugend - müsste die in Absicht einer echten Löw-Kritik gestellte Frage also lauten: "Sind die zur Verfügung stehenden Spieler eigentlich besser als die Spaniens und Italiens? Schöpft Löw also das Potenzial des Kaders nicht aus?".

Vergleicht man nun aber die aktuellen Leistungen der deutschen Elf mit denen Spaniens und Italiens, so wird man feststellen, dass die DFB-Spiele dabei noch besser dastehen. Italien ließ einem 2:2 in Bulgarien ein sehr mühsames 2:0 zu Hause gegen Malta folgen - wobei das 2:0 erst in der Nachspielzeit durch ein Eigentor fiel. Spanien wiederum stand bis vier Minuten vor Schluss in Tiflis vor dem Ende seiner seit sieben Jahren andauernden Siegesserie in der WM-Qualifikation, ehe Roberto Soldado doch noch das 1:0 gegen Georgien gelang.

Der Quervergleich zu den anderen Spitzenteams bringt also keine klare Antwort hervor, sehen wir uns mal in der deutschen Gruppe um. Österreich ist vielleicht nicht der schwerste Gegner in dieser, Schweden könnte noch etwas höher einzuschätzen sein, Irland wahrscheinlich ungefähr auf einem Level mit Marcel Kollers Elf. Aber ein Auswärtssieg in Wien ist dennoch eine gute Basis für den Gruppensieg, wenn man die maximale Punktausbeute gegen Kasachstan und die Färöer voraussetzt, so würden auswärts in Irland und Schweden wohl schon Unentschieden reichen, wenn Deutschland seine Heimspiele alle gewönne.

Das aber ist natürlich spekulativ, was lernen wir aus dem 2:1 in Österreich? Vor allem, dass es nicht nur darauf ankommt, "sein eigenes Spiel zu machen", wie landauf, landab als Lehre aus dem Italien-Aus bei der EM zu hören war. Löw habe sich zu sehr auf den Gegner eingelassen. Ohne detailliertere Beschreibung ist das aber fast so unsinnig wie die These, es habe am Nichtmitsingen der Hymne gelegen. Pauschal muss natürlich nicht jede Mannschaft immer "ihr Spiel machen", sondern ein Trainer muss die richtige Balance zwischen eigenen Stärken und der Reaktion auf die Stärken des Gegners finden, je stärker der Kontrahent ist, desto wichtiger ist es, diese ernst zu nehmen.

Nach den Problemen gegen Österreich müsste es darum gehen, warum Deutschland gegen das Pressing selten die richtigen Antworten fand - und nicht, warum Deutschland nicht einfach genauso gespielt hat wie immer. Im Ansatz waren die hohen, langen Bälle hinter die Viererkette gar nicht falsch gewesen, die immer mal wieder probiert wurden. Toni Kroos kann solche Bälle eigentlich spielen. Diagonalbälle in die Schnittstellen in die Laufwege von Marco Reus und Thomas Müller hätten angesichts von deren Schnelligkeit auch Sinn ergeben. Reus und Müller tauschten zwischenzeitlich die Seiten, aber selten nur bekamen sie aus dem Mittelfeld genau die Bälle, die sie brauchten. Die größten Chancen resultierten aus zwei Fehlpässen der Österreicher und einem auf plumpe Weise verschuldeten Foulelfmeter.

4) Der neue "Sportschau-Club" ist eine Verbesserung - nun gut, das war nicht schwer

Deutsche würden erst eine Bahnsteigkarte lösen, bevor sie einen Bahnhof stürmen, war Lenins Erklärung dafür, warum es in Deutschland nie eine Revolution geben werde. Die Tatsache, dass die Subventionierung von "Waldis WM-Club" und dessen Metastasen ohne eine echte Staatskrise über Jahre hinweg in aller Öffentlichkeit fortgesetzt werden konnte, gibt ihm im Nachhinein Recht.

Nachdem Waldemar Hartmann sich mit der ARD überworfen hat, gibt es nun nach Länderspielen ein neues Format mit dem nicht unbedingt unverwechselbaren Namen "Sportschau-Club", das von Mathias Opdenhövel moderiert wird. In der ersten Sendung waren Oliver Bierhoff, Ralf Rangnick und Franz Wohlfahrt zu Gast, und ich muss zugeben, minutenlang zugehört zu haben, worüber diskutiert wurde.

Natürlich ist es bitter, dass die bloße Tatsache, dass Sportler über Fußball reden, und nicht Comedians, Schauspieler und Hansi Müller, schon als Errungenschaft erscheint. Auch macht sich die Abwesenheit von plumpen nationalen Ressentiments (Holländer fahren alle Wohnwagen, Engländer haben schlechte Torhüter, Griechen können nicht mit Geld umgehen) im Gegensatz zu Hartmanns Machwerk auf erholsame Weise bemerkbar.

Tatsächlich gibt es, wenn man über die erste Freude hinaus ist, nüchtern betrachtet schon eine schlechtere Fußballtalkshow im deutschen Fernsehen - den Doppelpass. Und eine bessere - Sky 90. Dass die ARD nun nicht jenseits der Skala versucht, Humor und Fußball in einer Sendung zu verbinden, die weder lustig ist, noch etwas mit Fußball zu tun hat, sondern schon einmal mit ihresgleichen verglichen werden kann; dass man die Aussagen von Ralf Rangnick über die Schlüsselfiguren des deutschen Spiels debattiert anstatt Ede Geyers Analysen über Mesut Özils Körpersprache bei der Auswechslung - das ist schon mal ein guter erster Schritt.