Bei der Tischtennis-WM in Paris wollen die deutschen Hoffnungsträger Timo Boll und Dimitri Ovtcharov die chinesische Übermacht attackieren. Die Vorzeichen bei beiden sind höchst unterschiedlich.
Vom 14. bis zum 20. Mai spielen die besten Tischtennisspieler des Planeten im Palais Omnisports in Paris-Bercy ihre Weltmeister im Einzel, Doppel und Mixed aus. Die deutschen Hoffnungen ruhen vor allem auf Timo Boll und Dimitri Ovtcharov, die sich ganz auf das Einzel konzentrieren. Sie gelten als die einzigen Europäer, die in die Phalanx der Chinesen einbrechen könnten.
Weil die Team-WM im Tischtennis seit 2004 nur alle zwei Jahre stattfindet, stehen in Paris die Individualisten im Vordergrund. Der sechsfache Europameister Timo Boll möchte seine bisher überschaubare Ausbeute von einer Bronzemedaille bei Einzel-Weltmeisterschaften (2011 in Rotterdam) ausbauen. Hierzu kehrt er an den Ort zurück, wo er vor zehn Jahren eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere erlitten hat: Bei der Einzel-WM 2003 scheiterte die damalige Nummer eins der Weltrangliste bereits in der zweiten Runde.
Fragezeichen hinter Bolls Verfassung
Um die Form des Rekordeuropameisters ranken sich auch in diesem Jahr einige Fragezeichen. Nach der langen Saison 2012 mit Team-WM, Olympia und EM hat sich der 32-Jährige, für den es nach eigener Aussage in seinem Alter "nicht mehr höher und höher" gehen könne, im Winter eine lange Auszeit genommen.
"Ich war in einem desolaten körperlichen Zustand", gesteht der Hesse freimütig ein. Nach erneutem Formaufbau und unzähligen Trainingsstunden reist Boll nur mit wenig Spielpraxis zur WM und gibt zu: "Ich weiß selbst nicht genau, wo ich stehe."
Auch wenn seine Frau Rodelia bislang nur ein Ticket für den Mittwoch gekauft hat, an dem Boll sein Erst- und womöglich Zweitrundenspiel bestreitet, lässt er keinen Zweifel daran, dass er doch auf Edelmetall schielt: "Ich will weit kommen. Da zählt auch nicht das Achtel- oder Viertelfinale, es geht um Medaillen. Dafür muss ich an meinem Limit spielen."
Ovtcharov fordert seinen Kumpel
Neben Boll, der als Nummer fünf der Welt anreist, hat sich mit dem um zwei Ränge schlechter platzierten Dimitri Ovtcharov mittlerweile ein zweiter deutscher Spieler in der Weltklasse etabliert. Der 24-Jährige hat mit seiner Bronzemedaille im Olympischen Einzel von London 2012 eine Art Generationenwechsel eingeläutet und formuliert sein Ziel offensiv: "Ich bin jung und hungrig. Ich möchte mir den Traum von einer WM-Medaille erfüllen."
Mit Boll verbindet den gebürtigen Ukrainer eine enge Freundschaft die im Bedarfsfall bei der WM ruhen müsste. Die Auslosung macht es möglich, dass dieser Fall allerdings erst im Finale eintreten würde. Auf dem Weg dorthin bekämen es die beiden gesetzten Akteure frühestens im Viertelfinale mit einem der starken Chinesen zu tun. Bei "optimalem" Verlauf träfe Ovtcharov dort auf Titelverteidiger und Olympiasieger Zhang Jike, Boll könnte es in der Runde der letzten Acht mit dem Weltranglistenzweiten Ma Long zu tun bekommen.
Boll, Ovtcharov - und dann?
Für eine Medaille müsste also einiges zusammenkommen. Der letzte Europäer, der den Chinesen die WM abspenstig gemacht hat, war der Österreicher Werner Schlager im Jahr 2003 - ausgerechnet in Paris. Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf ist sich jedenfalls sicher, dass es von den Europäern allein seine Schützlinge mit den Chinesen aufnehmen können: "Ansonsten sehe ich aktuell niemanden."
Das Damen-Team kann dagegen nur überraschen. Ex-Europameisterin Jiaduo Wu, die einzige deutsche Spielerin von internationalem Format, hinkte zuletzt ihrer Form hinterher. Für DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig ist die Leistungsfähigkeit der deutschen Damen daher eine Wundertüte: "Ich bin gespannt, wo unsere Frauen stehen."
Zwölf Deutsche bei der Tischtennis-WM am Start
Insgesamt werden sich mehr als 800 Athleten aus über 130 Ländern in der französischen Hauptstadt messen. Deutschland schickt sechs Männer und sechs Frauen ins Rennen. Im Aufgebot von Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf stehen neben Boll und Ovtacharov noch Bastian Steger, Patrick Baum sowie die Debütanten Patrick Franziska und Steffen Mengel.
Im Doppel starten Baum/Steger und Franziska/Mengel. Damen-Bundestrainerin Jie Schöpp setzt auf Jiaduo Wu, Kristin Silbereisen, Petrissa Solja, Zhenqi Barthel, Irene Ivancan und Sabine Winter. Die Doppel bilden Silbereisen/Wu, Barthel/Ivancan und Solja/Winter.
Autor: Marco Heibel
