Rafael Nadal und die French Open, diese ganz spezielle Beziehung bekommt ihre neunte Auflage. Vieles spricht für Nadals achten Sieg in Paris, im Power Ranking stellt sportal.de die nach Andy Murrays Absage überschaubare Zahl der Mitfavoriten und deren Titelchancen vor.
Seit Rafael Nadal 2005 die Bühne der French Open betrat, hat er dort erst ein Match verloren, das war 2009 gegen den leider immer noch krank aussetzenden Robin Söderling. Die Favoritenrolle gehört dem Spanier schon ganz automatisch, doch in diesem Jahr ist die Ausgangslage noch deutlicher. Nadal selbst spielt sensationelles Tennis, dafür schwächeln die Konkurrenten.
Mit Andy Murray (Rückenverletzung) und Juan Martin del Potro (krank) mussten zudem zwei Mitfavoriten absagen. Dafür stehen mit Grigor Dimitrov und Jerzy Janowicz zwei verheißungsvolle Talente in den Startlöchern, denen von Experten auf lange Sicht der Vorstoß in die Weltspitze zugetraut wird. In Roland Garros werden die beiden Youngster aber noch keine allzu große Rolle spielen können. Im aktuellen Ranking fehlen die beiden Namen dann auch, trotzdem gibt es die eine oder andere Überraschung. Wie bei den Damen haben wir die letzten drei Turniere aller Spieler ausgewertet, dabei werden die Punkte des zuletzt gespielten Turniers zu 100 Prozent gewertet, die beiden davor zu 80 sowie 60 Prozent. Es geht los mit einem Deutschen.
10. Philipp Kohlschreiber (GER, 29 Jahre, Weltrangliste: 18)
Gewertete Turniere: Barcelona (Halbfinale, 180 Punkte), München (Finale, 150 Punkte), Rom (Achtelfinale, 90 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 318
Am Rande des ATP-Masters in Rom brach Sandplatz-König Rafael Nadal für deutsche Tennisspieler wie Philipp Kohlschreiber, die einfach nicht mit Boris Becker oder Michael Stich verglichen werden dürften, eine Lanze. Das bringt keinem etwas. Damit hat Nadal Recht, denn einen Grand Slam-Sieg wird Kohlschreiber in seiner Karriere vermutlich nicht mehr bejubeln dürfen. Trotzdem hält sich Kohlschreiber beharrlich in der erweiterten Weltspitze, hinter Tommy Haas (14) ist er als 18. der Weltrangliste zweitbester Deutscher. Zuletzt war Kohlschreiber, trotz der Niederlage gegen Haas in München, der konstantere Spieler. Bei den French Open trifft er zunächst auf den Qualifikanten Jiri Vesely, in der dritten Runde könnte es gegen Alexandr Dolgopolov gehen und wenn Kohlschreiber diese Hürde auch noch nimmt, wartet im Achtelfinale vermutlich Novak Djokovic.
9. Jo-Wilfried Tsonga (FRA, 28 Jahre, Weltrangliste: 8)
Gewertete Turniere: Monte Carlo (Halbfinale, 360 Punkte), Madrid (Viertelfinale, 180 Punkte), Rom (2. Runde, 10 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 370
Die Ausfälle von Murray und del Potro haben Lokalmatador Jo-Wilfried Tsonga eine annehmbare Auslosung verschafft. Im Viertelfinale könnte mit Roger Federer der erste harte Brocken warten, auf Rafael Nadal und Novak Djokovic könnte Tsonga erst im Finale treffen. Bis es so weit ist, muss Tsonga seine Konstanz wiederfinden. Schon drei Mal in dieser Saison leistete er sich frühe Niederlagen gegen deutlich schwächere Gegner, zuletzt auch beim Masters in Rom. Dann findet er meist nicht die richtige Länge in seinen Grundschlägen, eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Spiel auf Sand.
8. Pablo Andujar (ESP, 27 Jahre, Weltrangliste: 53)
Gewertete Turniere: Barcelona (2. Runde, 20 Punkte), Oeiras (1. Runde), Madrid (Halbfinale, 360 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 372
Bei der bisherigen Saison von Pablo Andujar könnte man an eine Eintagsfliege denken, die in Madrid einen lichten Moment hatte und eigentlich in diesem Ranking nichts zu suchen hat. Als Spanier fühlt er sich auf Sand aber ohnehin wie zu Hause und hat in dieser Woche auch in Nizza das Halbfinale erreicht. Für eine Eintagsfliege deutlich zu viel. Bei den French Open ist Andujar als 53. der Weltrangliste natürlich nicht gesetzt und trifft in der ersten Runde auf Mikhail Youzhny.
7. Benoit Paire (FRA, 24 Jahre, Weltrangliste: 26)
Gewertete Turniere: Oeiras (Achtelfinale, 20 Punkte), Madrid (2. Runde, 45 Punkte), Rom (Halbfinale, 360 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 408
Der Aufsteiger der letzten Wochen heißt Benoit Paire, der in der Weltrangliste um ganze zehn Plätze kletterte und deshalb erstmals bei einem Grand Slam-Turnier der Setzliste angehört. Mit Marcos Baghdatis hat er trotzdem kein leichtes Los gezogen, in der dritten Runde könnte er auf Kei Nishikori treffen. Mit Trainer Lionel Zimbler hat er in den letzten Monaten vor allem an seiner Vorhand gearbeitet, die noch weit entfernt von der Weltspitze ist. Ich mache endlich richtige Fortschritte, sagte Paire am Rande des Turniers in Rom, als er Juan Martin del Potro bezwang und später nur knapp gegen Roger Federer verlor.
6. David Ferrer (ESP, 31 Jahre, Weltrangliste: 5)
Gewertete Turniere: Oeiras (Finale, 150 Punkte), Madrid (Viertelfinale, 180 Punkte), Rom (Viertelfinale, 180 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 414
David Ferrer hat sich in den vergangenen Jahren zum absoluten Allrounder entwickelt, der auf allen Belägen gewinnen kann - wenn die großen Vier nicht am Start sind. Deshalb fehlt Ferrer auch noch ein Major-Titel in seiner Sammlung, bei den großen Turnieren kommt er nicht an Djokovic, Federer, Nadal und Murray vorbei. Das wird sich auch bei den French Open nicht ändern, denn auf Sand will es in dieser Saison noch nicht richtig klappen. Zuletzt verlor Ferrer zwar zwei Mal gegen Landsmann Nadal, im Finale von Oeiras scheiterte er zudem an Stanislas Wawrinka und in Barcelona an Dmitry Tursunov.
5. Stanislas Wawrinka (SUI, 28 Jahre, Weltrangliste: 11)
Gewertete Turniere: Oeiras (Sieg, 250 Punkte), Madrid (Finale, 600 Punkte), Rom (2. Runde, 45 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 640
Nach eigener Aussage spielt der Schweizer derzeit das beste Tennis seiner Karriere. Allerdings plagt er sich mit einer Oberschenkelverletzung herum, die ihn schon in Rom zur Aufgabe zwang und auch den Start in Paris ins Wanken brachte. Mittlerweile steht fest, dass Wawrinka an den Start gehen kann, muskuläre Verletzungen können während der anstrengenden French Open aber jederzeit wieder aufbrechen. Wawrinka weiß deshalb nicht so genau, wo er derzeit steht. Bisher konnte er auf Sand voll überzeugen, wie der Turniersieg in Oeiras, wo er im Finale David Ferrer bezwang, und die Finalteilnahme in Madrid zeigen. Der Sieg in Lissabon war extrem wichtig für mich, sagte Wawrinka der NZZ. Nach mehr als einem Jahr wieder einmal ein Turnier zu gewinnen, tut sehr gut.
4. Tomas Berdych (CZE, 27 Jahre, Weltrangliste: 6)
Gewertete Turniere: Barcelona (Achtelfinale, 45 Punkte), Madrid (Halbfinale, 360 Punkte), Rom (Halbfinale, 360 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 675
Tomas Berdych spielt eine gute Saison, in der sportal.de-Redaktion wurden sogar schon Wetten auf den ersten Grand Slam-Sieg des Tschechen abgeschlossen. Berdych ist allerdings noch ohne Turniersieg in diesem Jahr und Sand ist nicht sein Lieblingsbelag - der Wetteinsatz dürfte frühestens in Wimbledon auf dem Spiel stehen. Selbst die Auslosung ist nur auf den ersten Blick ein Trumpf für Berdych, der mit Roger Federer frühestens im Halbfinale auf einen der Großen Vier treffen kann. Schon zum Auftakt wartet mit Gael Monfils ein dicker Brocken, die weiteren Gegner könnten Ernests Gulbis, Tommy Robredo und Nicolas Almagro heißen Berdych drohen Runde für Runde lange und anstrengende Matches.
3. Roger Federer (SUI, 31 Jahre, Weltrangliste: 3)
Gewertete Turniere: Indian Wells (Viertelfinale, 180 Punkte), Madrid (Achtelfinale, 90 Punkte), Rom (Finale, 600 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 780
Für Losglück kann man sich nichts kaufen, aber Roger Federer wird nach der Ziehung von Maria Sharapova zufrieden sein. Federer kann in der unteren Hälfte im Halbfinale auf Berdych oder Ferrer treffen, Novak Djokovic und Rafael Nadal warten dagegen frühestens im Finale. Aber ist das wirklich ein Vorteil für den Schweizer oder ist es in dieser Saison fast egal, weil er einfach kein Siegkandidat mehr ist? Tatsächlich wartet Federer 2013 noch auf den ersten Turniersieg, er stand auch erst ein Mal in einem Finale, wo er in Rom von Nadal regelrecht verprügelt wurde. Auf den ersten Blick spricht deshalb wenig für Federer, was auch Nadals Trainer und Onkel Toni bestätigt: Er wird auf Sand, der nicht sein Lieblingsbelag ist, nicht an seine Leistungsgrenze kommen können. Das ist der natürliche Lauf der Zeit, ließ Toni Nadal vor einigen Tagen verlauten. Vielleicht ist er in Wimbledon oder bei den US Open der Favorit, aber nicht in Roland Garros. Dabei wird jedoch vergessen, dass Federer in drei Gewinnsätzen nur schwer zu schlagen ist, in den letzten zehn Jahren stand der Fed-Ex nur sechs Mal nicht im Halbfinale eines Grand Slam-Turniers.
2. Novak Djokovic (SRB, 26 Jahre, Weltrangliste: 1)
Gewertete Turniere: Monte Carlo (Sieg, 1000 Punkte), Madrid (2. Runde, 10 Punkte), Rom (Viertelfinale, 180 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 788
Einer von zwei Spielern, die Nadal in dieser Saison auf Sand schlagen konnten, war Novak Djokovic. In Monte Carlo, wo Nadal wie in Paris als unschlagbar gilt, siegte Djokovic im Finale und zieht aus diesem Erfolg die Kraft für die kommenden zwei Wochen: Monte Carlo ist das zweitwichtigste Turnier auf Sand und ich habe Nadal dort geschlagen. Dieser Sieg gibt mir die nötige mentale Kraft, ich glaube an mich. Die Sehnsucht ist gewaltig, Djokovic will in seiner Karriere unbedingt alle Grand Slam-Turniere gewinnen und die French Open fehlen noch in seiner Sammlung. Allerdings spricht die aktuelle Form gegen den Serben, in Madrid verlor er im ersten Match gegen Grigor Dimitrov, in Rom war im Viertelfinale Berdych zu stark.
1. Rafael Nadal (ESP, 26 Jahre, Weltrangliste: 4)
Gewertete Turniere: Barcelona (Sieg, 500 Punkte), Madrid (Sieg, 1000 Punkte), Rom (Sieg, 1000 Punkte) / Power Ranking-Punkte: 2100
"Ich kann selbst kaum fassen, wie gut mir diese Rückkehr geglückt ist. Diese Worte stammen von Rafael Nadal und beschreiben ein einzigartiges Comeback. Nadal musste mit einer komplizierten Knieverletzung sieben Monate aussetzen, im Februar kehrte der Spanier auf die Tour zurück und feierte seitdem sechs Turniersiege, verlor dabei insgesamt nur zwei Matches. Nadal brauchte überhaupt keine Anlaufphase, er war sofort da und dominierte viele Spiele nach Belieben. Symptomatisch war das Finale in Rom gegen Federer, als Nadal das Spiel mit seiner Wucht, seiner Laufstärke, seinem Kampfgeist und den kraftvollen Topspin-Grundschlägen dominierte. Bei Nadal wissen die Gegner vor allem auf Sand, dass sie einen perfekten Tag erwischen müssen, um überhaupt eine Siegchance zu haben. Federer hingegen überdrehte in dieser Situation und ging zu großes Risiko. Die Mischung aus aktueller Form, mentaler und körperlicher Überlegenheit und dieser speziellen Beziehung zu Roland Garros (sieben Siege) machen Nadal zum absoluten Topfavoriten.

