Der Fußballhöhepunkt des Jahres steht vor der Tür - zumindest, wenn man in Uruguay lebt, wo Olympiagold sogar mit einem Stern auf dem Nationaltrikot gewürdigt wird. Wir stellen den Verteidigerstar der Celeste vor: Liverpools Sebastián Coates.
Wenn man in Deutschland (und in den meisten anderen europäischen Ländern gilt das auch) von Olympia spricht, dann denkt man nicht in erster Linie an Fußball. Das liegt daran, dass die bei den Spielen antretenden Auswahlteams früher offiziell Amateure sein mussten und heute nur drei Profis, die älter als 23 Jahre sind, nominiert werden dürfen.
Zudem stehen die fast immer in der Anfangsphase der europäischen Saison stattfindenden Olympischen Sommerspiele klar im Schatten anderer großer Turniere, der Champions League und der großen Ligen. In Südamerika ist das anders. Hier schätzen die Fans jede Chance, ihre Teams im Wettstreit auf der großen internationalen Bühne zu sehen.
Die fast mythische Bedeutung des Olympischen Fußballwettbewerbs in Lateinamerika gründet sich auf den beiden uruguayischen Goldmedaillen 1924 und 1928, als erstmals eine südamerikanische Mannschaft in Europa auftrat und alles in Grund und Boden spielte, wie Tim Vickery in seinem interessanten Artikel bei World Soccer darstellt.
Vier Sterne auf dem hellblauen Trikot
Diese Triumphe stehen in der uruguayischen Fußballgeschichte gleichberechtigt neben den Weltmeisterschaften von 1930 und 1950 - daher sieht man auch vier Sterne im Logo des nationalen Verbandes AUF - für zwei Weltmeistertitel und zwei Goldmedaillen. Man mag es der Celeste nachsehen, sind doch die beiden Fußballerfolge von Paris und Amsterdam die einzigen Goldmedaillen überhaupt in der Olympiageschichte des Landes.
Kein Wunder also, dass Uruguay in London von keinem Geringeren als Óscar Tabárez trainiert wird, dem Erfolgscoach, der Platz Vier bei der WM 2010 und den Sieg beim Copa América 2011 errang (wie auch Brasilien von Mano Menezes betreut wird, während die europäischen Teams nicht die A-Nationaltrainer mitnehmen).
Bei den drei erlaubten älteren Spielern wurden auch keine Abstriche gemacht, mit Edinson Cavani, Luis Suárez und Egidio Arévalo Ríos sind drei zentrale Stützen der A-Auswahl mit nach Großbritannien gereist. Dort lebt ein weiterer Spieler, der 2011 in Argentinien mithalf, Uruguays 15. Copa-Titel zu erringen: Sebastián Coates steht seit einem Jahr in Liverpool unter Vertrag.
Bester junger Spieler des Copa América
Dass der Innenverteidiger, der sowohl als Manndecker wie auch als moderner Libero in einer Dreierabwehr spielen kann, nicht in Montevideo bei seinem Heimatclub Nacional bleiben würde, war spätestens nach seinen guten Leistungen beim Copa América-Sieg klar.
Coates, der seinen Familiennamen seinem schottischen Vater verdankt, aber in Uruguay, dem Land seiner Mutter, aufgewachsen ist, war überraschend in die Startelf gerückt, nachdem Mauricio Victorino gepatzt hatte. Neben Kapitän Diego Lugano, an den angelehnt er manchmal Luganito genannt wird, spielte Coates so stark, dass er zum besten jungen Spieler des Turniers gewählt wurde.
Dass Coates ausgerechnet nach Liverpool wechseln würde, war vielleicht durch das Omen vorbestimmt, dass er 2009 mit 18 Jahren sein erstes Tor für Nacional gegen den gleichnamigen Liverpool Fútbol Club erzielt hatte - so heißt ein Lokalrivale Nacionals in Montevideo. Nur vier Tage nach seinem ersten Treffer für die Tricolores spielte Coates zum ersten Mal im Copa Libertadores. Auch hier erzielte er gleich ein Tor, gegen Nacional aus Paraguay, womit sich sein eigenes Nacional für die KO-Runde des Wettbewerbs qualifizierte.
Triumphe mit Nacional
Es sollte die erfolgreichste Saison eines uruguayischen Clubs im Libertadores seit 21 Jahren werden, erst im Halbfinale war gegen den späteren Sieger Estudiantes Schluss. Im gleichen Jahr gewann Nacional seinen 42. uruguayischen Meistertitel, was umso befriedigender für die Fans war, als der Erzrivale Penarol zugleich in der Abstiegsrunde spielen musste.
Nachdem Coates im Herbst 2009 mit Uruguays U 20 von der WM in Ägypten zurückgekehrt war, wurde er zum unumstrittenen Stammspieler in der Abwehr von Nacional. Die Auszeichnung als bester Verteidiger der uruguayischen Liga war die logische Konsequenz, und mit dem FC Sao Paulo begann sich ein großer Club aus dem Nachbarland Brasilien für den Abwehrspieler zu interessieren.
Doch nach einem weiteren Jahr in Uruguay, in dem Nacional erneut Meister wurde, konnten die Brasilianer nicht mehr mithalten im Wettbieten um Coates, so dass sich Liverpool durchsetzte und mit acht Millionen Euro mehr Ablöse bezahlte, als jemals an einen uruguayischen Club für einen Spieler bezahlt worden waren.
Ligapokalsieger - aber kein Stammspieler
An der Merseyside schaffte Coates jedoch trotz aller Anlagen noch nicht den Durchbruch zum Stammspieler. Neun Spiele in der Premier League, zwei im FA Cup und drei im Ligapokal, so heißt die Bilanz. Immerhin darf Coates sich Sieger des Ligacups nennen, auch wenn er im Finale gegen Cardiff City nicht zum Einsatz kam.
Seine spektakulärste Szene verhalf ihm zu seinem bisher einzigen Premier League-Tor, als er mit einem Seitfallzieher das 2:0 bei den Queens Park Rangers erzielte. Seine größten Stärken liegen aber im Zweikampf und im Stellungsspiel, wobei er mit 1,96 Metern auch sehr gut in der Luft ist. Als Schwäche wäre höchstens die fehlende Antrittsschnelligkeit zu nennen, die er aber mit großer Spielintelligenz meist zu kompensieren weiß.
In der kommenden Saison darf Coates sich in Liverpool unter dem neuen Manager Brendan Rodgers mehr Chancen ausrechnen. Zuvor aber stehen in seiner britischen Wahlheimat erst einmal die Olympischen Spiele an und damit die Chance, die dritte Goldmedaille in Uruguays Geschichte zu erringen.
