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Datum: 01. August 2012, 20:34 Uhr
Format: Artikel
Quelle: dpa
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Turnen: Marcel Nguyen gewinnt sensationell Olympia-Silber

Olympia, Nguyen, Turnen
Marcel Nguyen holte Silber und konnte es kaum fassen

Eigentlich ist der Mehrkampf die Paradedisziplin von Philipp Boy. Der ist aber außer Form und so hofften alle Turnfans auf eine Medaille von Fabian Hambüchen. Doch es kam ganz anders, Marcel Nguyen bot einen großen Mehrkampf und beendete eine lange Durststrecke.

Mitfavorit Fabian Hambüchen patzte, Außenseiter Marcel Nguyen verblüffte alle. Mit seinem sensationellen zweiten Platz ist der Barren-Europameister aus dem Schatten des Turn-Champions getreten und hat bei den Spielen in London dank einer unglaublichen Aufholjagd die erste Medaille eines deutschen Mehrkämpfers seit 1936 geholt.

"Ich bin überwältigt. Das ist ein Riesengefühl, hier mit einer Medaille zu stehen. Ich habe mich nicht verrückt machen lassen", erklärte der neue Turn-Held mit einem breiten Grinsen und präsentierte stolz sein Silber.

76 Jahre nach dem Olympiasieg von Alfred Schwarzmann in Berlin musste Nguyen vor 16.500 Zuschauern in der ausverkauften North Greenwich Arena mit 91,031 Zählern nur dem haushohen Favoriten Kohei Uchimura (92,690) den Vortritt lassen. Dritter wurde der Amerikaner Danell Leyva mit 90,698 Zählern. Hambüchen stürzte dagegen nach drei schweren Schnitzern auf Rang 15 ab und turnte mit 87,765 Punkten sogar drei Zähler weniger als noch in der Qualifikation.

Wer ist Boy? Nguyen turnt (fast) alles in Grund und Boden

Völlig ungläubig rannte der Sensations-Zweite nach seinem Coup in die Arme von Cheftrainer Andreas Hirsch. Als das Ergebnis auf der Anzeigetafel zu sehen war, nahm ihn sein Heimcoach auf die Schulter. Nguyen schaute nur fassungslos in die Menge und ballte die Fäuste.

Er war mit dem Vorhaben angetreten, nicht auf die Konkurrenz zu schauen und sich allein auf seine sechs Geräte zu konzentrieren. Nguyen startete mit dem letzten Platz am Seitpferd nur mäßig in die Konkurrenz, steigerte sich aber von Gerät zu Gerät und bewies bei seinen schwierigen Übungen am Barren und Reck Nervenstärke. Immer näher kämpfte er an die Podestplätze heran. Vor dem abschließenden beiden Durchgängen rangierte er überraschend auf dem dritten Platz und krönte seine Leistung mit einer Supershow am Boden.

Nachdem im Vorfeld der Spiele die gesamte mediale Aufmerksamkeit auf Hambüchen und Vizeweltmeister Philipp Boy gerichtet war, ging Marcel Nguyen ganz ruhig und beharrlich seinen lange unbemerkten Weg. Für die einzigen Schlagzeilen hatte er im Mai mit dem Gewinn seines zweiten Europameistertitels am Barren gesorgt.

Hambüchen konzentriert sich auf das Reck-Finale

Für Hambüchen begann der wichtigste Wettkampf seiner Karriere nach fehlerfreiem Durchgang am Boden dagegen mit einem krassen Fehler bei der Schere in den Handstand am Pferd, der von den Kampfrichtern hart bestraft wurde. Ein Protest der Mannschaftsleitung wurde von der Jury abgelehnt. Platz 22 im Zwischenklassement war die Folge. Zwar gaben sich Freundin Caroline, Vater Wolfgang und Onkel Bruno Hambüchen die größte Mühe, ihn ständig mit "Faaaabi"-Rufen anzutreiben, doch der Mitfavorit zeigte erstmals während der London-Spiele Schwächen.

Kurz suchte er vor dem Sprung den Blickkontakt zum Vater im Zuschauer-Block 105 der Arena und man sah ihm schon im Gesicht an, wie sehr er vor seinen starken drei Geräten unter Druck stand. Nach dem Sturz beim Jurtschenko war der Wettkampf für ihn faktisch gelaufen. Nach der Ernüchterung muss Hambüchen jetzt seine ganze Konzentration auf das Reckfinale am kommenden Dienstag legen.