Nach zwei Niederlagen in Folge herrscht Untergangsstimmung in der Türkei. Gesucht werden die Schuldigen und meist trifft es doch nur den Trainer oder die Spieler. Das erneute Scheitern in der Qualifikation gleicht einem Déja-Vu. Fragt sich nur mit welchen Lehren.
Die türkische Nationalmannschaft steht vor einem Scherbenhaufen. Nach der zweiten Niederlage in Folge steht die Nationalmannschaft mit drei Punkten aus vier Spielen abgeschlagen auf Platz Vier der Qualifikationsgruppe D. Einzig Estland und Andorra liegen noch hinter der Türkei. Die Niederlande mit zwölf - Rumänien und Ungarn mit neun Punkten machen die Qualifikation unter sich aus.
Nach den desaströsen Auftritten gegen Rumänien (0:1) und Ungarn (1:3) herrschen Ratlosigkeit und Entsetzen am Mittelmeer. Die heimischen Zeitungen gehen gewohnt hämisch mit Niederlagen der "Milli-Takim um: "Brasilien 2014? Ha ha ha!" schrieb die Fanatik. Sporx.titelte "Ziel: 2030 Mozambique".
Jugendausbildung nahezu unsichtbar
Der Zorn und die Wut gegenüber der Nationalmannschaft werden jedoch falsch kompensiert. Viel mehr herrscht in der Türkei ein Strukturproblem. Die drei großen Mannschaften aus Istanbul bauen immer mehr auf ausländische Stars. Spieler aus kleineren Vereinen fehlt entweder die Klasse oder die Berufung in den Kader.
Profis, die bei kleineren Teams für Aufsehen sorgen, werden meist von den drei großen Istanbuler Teams eingekauft und müssen sich dann mit internationalen Größen wie Dirk Kuyt, Raul Mereiles, Simao, Christian oder Emmanuel Eboué messen. Allesamt Spieler die in den besten Ligen Europas schon ihre Klasse bewiesen haben.
Da die Jugend- und Talentförderung erheblich stockt, ging der Trend der letzten Jahre immer mehr dahin, gut ausgebildete Spieler, zum Beispiel aus Deutschland, für sich zu gewinnen. Unter ihnen befinden sich aktuell Ömer Toprak, Mehmet Ekici, Hamit und Halil Altintop, Sercan Sararer, Tunay Torun und Nuri Sahin. Wobei jedoch nur letzterem internationale Klasse zuzusprechen ist.
2002 und 2008 sind Geschichte
Die glorreiche Zeiten mit starken Auftritten bei der WM 2002 und der EM 2008, wo jeweils im Halbfinale Schluss war, folgten die Nicht-Qualifikation für die Turniere 2010 und 2012. Auch 2014 wird die Türkei erneut nicht dabei sein, dabei steckt eine Menge Potenzial im Land, das zwei Kontinente verbindet. Doch solange Präsidenten und Club-Bosse getragen von Sensationslust und Schnelllebigkeit die Vereinsstrukturen und die Jugendausbildung nicht umstrukturieren und neue Denkweisen an den Tag legen, wird sich so schnell auch nichts ändern. Die Verpflichtung von Hollands Guus Hiddink stellte sich als ebenso unwirksam heraus wie die des Nachfolgers Abdullah Avci.
Nun kann man sagen, dass gegen Ungarn mit Selcuk Inan, Mehmet Topal und Arda Turan zwar wichtige Spieler fehlten, jedoch gehört Ungarn nun auch nicht in die Klasse der Teams wie die Niederlande, gegen die eine Niederlage einzukalkulieren war. In der Anfangsformation im Spiel gegen die Ungarn spielten vier Fenerbahce-Akteure, einer vom Meister Galatasaray, einer aus Besiktas und fünf Spieler (u.a. Toprak, Ekici, Sahin, Torun) aus europäischen Ligen. Junge- in der Türkei ausgebildete Talente waren kaum dabei.
In Jahren der Manipulationsvorwürfe und Verurteilungen von Vereinsangestellten scheint nun der Tiefpunkt erreicht zu sein. Ob es den Türken gelingt aus den offensichtlichen Fehlern zu lernen wird man sehen. Ein Land mit über 70.Millionen Einwohnern hat jedenfalls das Potenzial fußballerisch weiter oben zu stehen, als es jetzt der Fall ist.
