Tony Martin hat wie erwartet seine Koffer gepackt und wird bei der Tour de France nicht mehr an den Start gehen. Der Zeitfahr-Spezialist verzichtet auf quälende Kilometer in den Alpen und wird sich stattdessen auf sein großes Ziel Olympia vorbereiten.
Es begann mit einem Sturz, ging mit großen Schmerzen weiter und endet nun in der vorzeitigen Aufgabe. Wie erwartet hat Tony Martin seine verkorkste Tour de France vorzeitig abgebrochen. Ab sofort gilt für den Zeitfahr-Spezialist en nur noch der 1. August, dann startet bei den Olympischen Spielen in London das Rennen gegen die Uhr.
"Es ist schwer für mich, jetzt aus der Tour auszusteigen und meine Teamkollegen bei ihrem Kampf alleinzulassen", sagte Martin in einer Mitteilung seines Rennstalls Omega Pharma-Quick Step. "Aber das ist die richtige Entscheidung." Martin möchte bei Olympia eine Medaille gewinnen und muss nach den Erfahrungen des gestrigen Zeitfahrens bei der Tour nun regenerieren.
Folge-Verletzungen ausschließen
Seit seinem Kahnbeinbruch am zweiten Tour-Tag konnte Martin dem Feld nur noch hinterherfahren. Zusammen mit Teamarzt Helge Riepenhof entschied er nach dem Zeitfahren - seiner Generalprobe für Olympia - den Schmerzen ein Ende zu bereiten. Riepenhof erzählte: "Ich habe ihn gefragt: Wofür willst du weitere Risiken eingehen?" Durch die Einschränkung der linken Hand hätte Martin Folge-Verletzungen erleiden können, wie etwas Rücken- oder Knieprobleme. "Du musst deinem Körper nicht weiter schaden", meinte Riepenhof.
Denn auch so ist die Zeit knapp. Die Tour geht noch bis zum 22. Juli, danach wären nur zehn Tage Zeit geblieben. Selbst die drei Wochen, die Martin nun zur Verfügung hat, könnten zu kurz sein - zumindest für einen Radprofi mit einer so schweren Handverletzung. "Tony wird viel hinter einem Motorrad trainieren und viel mehr auf der Zeitmaschine sitzen als sonst", kündigte Riepenhof an. Mit dem Straßenrad soll er nur kurze, harte Berge fahren. "Je mehr die Knochen zusammenwachsen, umso geringer sind die Schmerzen."
In den vergangenen Tagen litt Martin vor allem bei den Abfahrten, weil Fliehkräfte und Bremsvorgang die linke Hand am heftigsten beanspruchen. "Ich will nicht, dass es in den Bergen noch schlimmer wird", sagte der Radprofi. "Ich kann mir nicht vorstellen, weiter am Ende des Feldes zu fahren, und jeden Tag ein bisschen mehr zu leiden."
Dass der Zeitfahr-Weltmeister durch seine Verletzung, die bis London bei weitem noch nicht ganz ausgeheilt sein wird, nicht mehr zu den ersten Anwärtern auf Gold gehört, dürfte Martin klar sein. "Ich weiß, es wird nicht einfach, aber ich werde alles daran setzen, um für Olympia in Form zu kommen."
Wiggins und Cancellara kaum zu schlagen
Ein Bild von den Stärken der Konkurrenten hatte er sich schon am Montag machen können, als der Tour-Führende Bradley Wiggins das gesamte Feld in den Schatten stellte und selbst dem Zeitfahr-Olympiasieger Fabian Cancellara fast eine Minute abnahm. "Cancellara wird schwer zu schlagen sein", prognostizierte Riepenhof, "weil ich davon überzeugt bin, dass er die Tour nicht beendet".
Martin fiel seine Entscheidung auch wegen der Teamkollegen schwer - deshalb absolvierte er am Dienstag noch ein letztes Training mit den Omega-Fahrern. "Er wollte als Kapitän zeigen, dass es ihm leidtut", berichtete Riepenhof. "Ich weiß, dass meine Teamkollegen den Schritt verstehen", sagte Martin.
Martin wird nun in seinen Wohnort Kreuzlingen in der Schweiz reisen. "Es kann sein, dass er erst mal zwei, drei Tage gar kein Rad anfasst", vermutet sein Manager Jörg Werner. "Das Wichtigste ist, die Enttäuschung zu verarbeiten. Danach wird er mit seinem Coach Sebastian Weber Trainingspläne für Olympia ausarbeiten."
