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Nachwuchs im Deutschen Damentennis
Rittners Rasselbande
Mit Hilfe von Fed Cup-Chefin Barbara Rittner sind Tatjana Malek, Angelique Kerber, Julia Görges und Andrea Petkovic auf dem Weg nach oben. "Ihnen gehört die Zukunft", sagt Rittner. Bei den German Open der Damen in Berlin wird das Quartett seinen ersten großen Auftritt haben.

Als Barbara Rittner vor etwa zweieinhalb Jahren ihre erste große Pressekonferenz als neue Chefin des deutschen Fed Cup-Teams gab, stellten die Journalisten vor allem eine Frage: Wo bleibt der deutsche Nachwuchs? "Im Moment sieht es nicht so gut aus. Aber ich bin optimistisch, dass es in ein paar Jahren vier junge Mädchen nach oben schaffen werden", antwortete Rittner und warf einige Namen in die Runde, mit denen eigentlich niemand etwas anfangen konnte: Petkovic, Malek, Kerber, Görges. Na ja, dachten damals viele, irgendetwas Positives muss sie den Medien einfach erzählen.

Doppelrolle für Rittner

Jetzt aber wird klar: Diese Namen waren nicht einfach so dahergesagt von Rittner. Die vier Nachwuchsspielerinnen, alle noch unter 20 Jahre alt, sind tatsächlich auf dem Weg nach oben. Zwei von ihnen, Angelique Kerber und Tatjana Malek, stehen kurz vor den Top 100. "Alle vier werden in diesem Jahr bestimmt noch weiter nach oben klettern, weil sie keine Weltranglistenpunkte aus dem Vorjahr zu verteidigen haben", vermutet Rittner. "Allerdings", räumt sie ein, "eine überfliegerin ist nicht dabei."

An dem Aufstieg der vier hat sie nicht nur aus Sicht einer Fed Cup-Chefin Interesse. Rittner ist beim Deutschen Tennis Bund (DTB) auch als Trainerin für den weiblichen Nachwuchs ab 16 Jahren zuständig. "Ich arbeite 60 Tage pro Jahr für das Fed Cup-Team und 110 für den Nachwuchs", erklärt sie die Aufteilung ihrer Doppelrolle. Und die "vier jungen, wilden Mädels" (Rittner) sind die ersten Kaderspielerinnen, die unter ihrer Regie langsam den Kontakt zur Weltklasse aufnehmen. Dieses Quartett ist sozusagen ihre persönliche Rasselbande.

Die beste Ausgangsposition von ihnen hat im Moment Angelique Kerber, von allen "Angie" genannt. Kerber war im letzten Jahr acht Monate verletzt, musste zwei Schulteroperationen über sich ergehen lassen. Jetzt scheint die Verletzung endgültig auskuriert zu sein, denn die Blondine holte 2007 auf dem ITF-Circuit (ein Level unterhalb der WTA-Tour) schon zwei Titel. Kerber kommt aus einer tennisbegeisterten Familie. Vater und Mutter arbeiten in Kiel als Tenniscoaches, die Familie wohnt direkt neben einer Tennishalle, deren Verwaltung Kerbers Eltern nebenbei erledigen. Ihre pol- nischen Groß­eltern (Kerbers Vater ist Pole) besitzen ein Tenniszentrum, das sie nach ihrer Enkeltochter "Angie" benannt haben. "Sie weiß genau, wo der Ball hingehört", lobt Herbie Horst das Spiel von Kerber. Horst ist schleswig-holsteinischer Verbandstrainer und kümmerte sich sechs Jahre um das Talent aus dem Norden.

Er entdeckte auch Julia Görges aus Bad Oldesloe. "Sie ist ein ganz anderer Spielertyp, mit sehr dominanten Schlägen. Wenn sie noch mehr Konstanz in ihr Spiel bekommt, wird sie nur schwer zu stoppen sein", prognostiziert Horst. Wie weit es Görges bringen kann, zeigte sie beim WTA-Turnier in Doha Ende Februar. Dort kämpfte sie sich durch die Qualifikation, gewann die erste Hauptrunde und verlor erst gegen Topfrau Svetlana Kuznetsova. Zwei Jahre kümmerte sich Ex-Profi Axel Pretzsch um Görges, bis sich beide kürzlich trennten. Ein Nachfolger wird noch gesucht. Im Gegensatz zu Kerber, die eher zurückhaltend ist, gilt Görges als extrovertiert. Auf ihrer Website posiert sie modelmäßig vor der Kamera und unter dem Stichwort "Interessen" gibt sie an: "Party machen - wenn kein Turnier ansteht."

Gegen gute Partys haben auch Andrea Petkovic und Tatjana Malek nichts. Die beiden sind Freundinnen und buchen immer ein Doppelzimmer, wenn sie gemeinsam unterwegs sind. Beim Turnier in Hechingen 2006 schnappte sich Petkovic Stuhl und Gitarre, setzte sich mitten auf den Trainingsplatz und brachte dem Geburtstagskind Malek ein selbst geschriebenes Ständchen. Petkovic - das Multitalent: Sie machte ein Einser-Abitur, übersprang dabei die elfte Klasse, schreibt ein Tour-Tagebuch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und seitdem sie sich voll auf ihr Tennis konzentriert, geht es nach oben im Ranking. Ihr selbstgestecktes Ziel: Im Sommer 2008 will sie unter den Top 50 stehen. "Eine Position um die 100 ist auf Dauer Zeitverschwendung", sagt sie.

Top 10 und Fern-Abitur

Auch Tatjana Malek will sich nicht mehr lange mit dreistelligen Ranglistenplätzen abmühen: "Mein Ziel sind die Top Ten." Um das zu schaffen, verbringt sie viele Trainingstage in Stuttgart bei Christina Singer - oft zusammen mit Petkovic. In diesem Jahr will sie nebenbei noch ihr Abitur über eine Hamburger Fernschule ablegen. Ihre Mutter, eine Lehrerin, hilft ihr dabei.

"Ich versuche die Prüfungen im Oktober zu machen - das wird hart", ahnt sie. Auf dem Platz ist Malek ausdauernd und variabel: "Ich haue nicht so drauf wie viele andere." Wer von diesen vieren nun bald den großen Durchbruch schafft, weiß auch Rittner nicht. Aber vielleicht ist es schon bei den Qatar Telecom German Open der Damen in Berlin soweit (s. Kasten). Rittner hofft, dass die drei Wildcards an deutsche Spielerinnen vergeben werden. Seitdem das Turnier den Kataris gehört, ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Falls es mit einer Hauptfeld-Wildcard nicht klappt: Auf jeden Fall wird das Quartett in der Qualifikation an den Start gehen. Sich dort durchzubeißen, kann die vier nur voranbringen.

Tim Böseler



German Open 2007
Ort: LTTC Rot-Weiß Berlin, Gottfried-von-Cramm-Weg 47-55
Termin: 7. bis 13. Mai 2007: Hauptfeld, 5./6. Mai: Qualifikation
Preisgeld: 1,3 Millionen US-Dollar
Teilnehmer: 56 Profis (45 direkt im Hauptfeld, acht Qualifikantinnen, drei Wildcards).
Bis Anfang April sagten zu: Justine Henin, Amelie Mauresmo, Martina Hingis, Nadja Petrova, Serena Williams.
Tickets und Preise: Karten kosten zwischen 15 und 65 €. Ermäßigte Tickets für Jugendliche (bis 18 Jahre) ab 7,50 €.
Ticket-Hotline: 01805-576000
Internet: www.german-open.org