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Andere Länder, andere Sitten
Wie finden andere Nationen ihren Nachwuchs? Wie fördern sie ihn? Was machen sie anders als wir in Deutschland? tennis magazin begab sich zwei Jahre lang auf Spurensuche und fand die Antworten.
Der französische Verband präsentierte sich in seiner Pariser Zentrale offenherzig und informationsbereit. Der Pressesprecher des schwedischen Verbandes ermöglichte dem deutschen Besucher sogar ein Interview mit Stefan Edberg, und die australischen Offiziellen boten bei Gesprächen am Abend erst einmal ein Bier an. In den privaten Tennisakademien Spaniens lebten wir zusammen mit den Nachwuchsspielern aus aller Welt, in den USA nahm sich der Chef der Jugendförderung drei Stunden Zeit für ein Interview. Nur in China waren
die Recherchen zum Thema Nachwuchsföderung beschwerlicher. Aber selbst dort erhielten wir Einblicke ins Clubleben und konnten mit Verantwortlichen sprechen.
Sechs Länder
Frankreich, Schweden, Spanien, Australien, USA und China - tennis magazin besuchte diese sechs Länder, um zu erfahren, wie dort der Nachwuchs gesucht, gefördert und ausgebildet wird. Warum sind die Spanier so gut und haben ständig Spitzenspieler? Was ist am zentralistischen System Frankreichs eigentlich so toll? Wie versuchen Schweden und Australien, ihre "Tenniskrise" zu überwinden? Wie erklärt sich der Boom in China? Und: Wie unterscheidet sich das deutsche Nachwuchssystem von dem der besuchten Nationen? Was können wir von ihnen lernen?
Nach sechs Reportagen über die jeweiligen Länder haben wir in acht Bereichen (z. B. beim Ranglistensystem) die größten Unterschiede zwischen den besuchten Nationen und Deutschland festgestellt. In diesem zusammenfassenden Artikel präsentieren wir die Ergebnisse der Recherchen mit acht diskussionswürdigen Thesen, die wir auch beim diesjährigen VDT/ DTB-Kongress in München vorgetragen haben.
Ihre Meinung zählt!
Wenn Sie sich die einzelnen Punkte durchgelesen haben, dann teilen Sie uns mit, wie Sie über die Nachwuchsarbeit in Deutschland und anderswo denken. Läuft im deutschen Fördersystem alles gut? Was sollte man vielleicht verbessern? Haben andere Länder nur mehr Glück mit ihren Talenten? Wie ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns!
redaktion@tennismagazin.de, Betreff: Nachwuchsförderung.
Eine Rangliste für alle Spieler ermöglicht klare Standortbestimmungen
Beispiel Spanien:
Der spanische Verband verzichtet auf Ranglisten für unterschiedliche Altersklassen. Stattdessen gibt es nur zwei Rankings: eine für Damen, eine für Herren. Jeder, der in Spanien Turniere mit Ranglistenwertung spielt, findet sich in der gleichen Rangliste wieder - ganz egal, wie alt er ist. Alberto Riba, Chef der Nachwuchsförderung des spanischen Verbandes, will damit das typische "Ranglistendenken" aus den Köpfen der Nachwuchsspieler verbannen. Riba: "Die Kinder sollen nicht an ihre Position in der Rangliste denken, wenn sie auf dem Platz stehen. Sie sollen ordentlich Tennis spielen." Die Folge dieses Ranglistensystems: Die Konkurrenz ist riesengroß und selbst ein Rafael Nadal, der mit 16 Jahren schon international zu den Top-Junioren zählte, war in seinem eigenen Land nur eine "kleine Nummer" und gehörte gerade so zu den spanischen Top 100. "Damit wird den Spielern bewusst, dass sie trotz einiger Erfolge im Jugendbereich eigentlich noch nichts erreicht haben", sagt Riba. Um ohne Jugendranglisten Kader zu besetzen, leisten sich die Spanier eine eigene Kommission, die durch Sichtungen die Spieler bestimmt.
Beispiel Australien:
Zum 1. Januar 2006 haben die Australier alle Jugendranglisten abgeschafft. Seitdem gibt es - wie in Spanien - nur noch zwei Ranglisten (Damen/Herren). Craig Tiley, Leiter der Nachwuchsförderung, sieht darin einen großen Gewinn: "Jugendranglisten hemmen die Leistungen der Nachwuchsspieler." Kaderspieler werden hier durch Sichtungen und Ergebnisse ermittelt.
Deutsche Situation:
Neben der "Aktiven-Rangliste", die altersübergreifend geführt wird, existieren auch Jugendranglisten für bestimmte Altersklassen. In Deutschland richtet sich die Anzahl der Ranglistenpunkte nicht nach dem Erreichen einer bestimmten Turnierrunde, sondern nach der Qualität des Gegners: Je besser der ist, desto mehr Punkte ist er wert. Durch die Jugendranglisten wird deshalb das so genannte "Nach-oben-spielen" gefördert: Man meldet in einer höheren Altersklasse, weil dort die Gegner besser - also auch punkteträchtiger - sind. Doch wenn man verliert, ist schnell der Grund gefunden: "Der war zu gut". "Nach-unten-spielen", sich also in der eigenen Altersklasse beweisen, bringt weniger Punkte. "Ranglistendenken" ist beim deutschen Nachwuchs fest verwurzelt.
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