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Roger Federer und der Traum vom Grand Slam
Jäger des verlorenen Schatzes
Der Grand Slam-Fluch

Ivan Lendl, der Mitte der 80er Jahre das Tennis dominierte, gewann dreimal die French Open. Er siegte auch bei den anderen Grand Slam-Turnieren - nur nicht in Wimbledon. Zweimal stand er dort im Finale, der Perfektionist hätte alles für diesen Titel gegeben, baute sich zu Hause in Green-wich, Connecticut, einen Rasenplatz inklusive Tribüne mit Pappkameraden als Zuschauer. Er verzichtete sogar auf die French Open, um noch früher auf Rasen trainieren zu können. Es nützte alles nichts. Björn Borg, der fünfmal in Folge in Wimbledon siegte und sechsmal in Paris, konnte nie die US Open gewinnen. Viermal erreichte er das Finale, in einem spielte er gegen John McEnroe fünf Sätze - vergeblich.

Besiegt Federer die Geister der Vergangenheit? Wahrscheinlich waren Sampras' Grundlinienspiel (vor allem die Rückhand) zu schwach, um die French Open zu gewinnen, und Lendls Volleyspiel nicht zwingend genug für Wimbledon. Federer dagegen hat keine Schwäche. Und das Tempo, mit dem er seine bisherigen zehn Grand Slam-Turniere gewonnen hat, ist beeindruckend. 31 Anläufe brauchte er, um auf diese Zahl zu kommen, genau wie Rod Laver, Federers Vorbild, der über seinen potenziellen Nachfolger sagt: "Es ist eine Ehre für mich, mit ihm verglichen zu werden."

Ein unglaubliches Lob. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Laver zu seiner Glanzzeit, zwischen 1963 und 1968, gar keine Grand Slam-Turniere spielen durfte. Damals war es nur Amateuren erlaubt, dort anzutreten, Laver war aber nach seinem 62er Triumph ins Profilager gewechselt. Experten schätzen, dass er locker 20 Grand Slam-Titel hätte gewinnen können.

Das wird auch Federer zugetraut (siehe Umfrage Seite 10). Bis zu den Olympischen Spielen in London 2012 (dort wird in Wimbledon auf Federers Lieblingsbelag, auf Gras, gespielt) will der Schweizer auf jeden Fall spielen. Dann ist er 31 Jahre alt, nicht zu alt, um immer noch ein Jäger zu sein. Der verlorene Schatz hieße dann Golden Slam.

Federer bei den Zahlen top

tennis magazin-Experte Richard Schönborn hat einige ATP-Statistiken analysiert und festgestellt: Die Zahlen bei Aufschlag und Return sprechen für Roger Federer.

Die ATP präsentiert jedes Jahr Statistiken, aus denen man wichtige Erkenntnisse gewinnen kann. So war Ivan Ljubicic im Jahr 2006 mit 929 Assen in 78 Matches (11,9 Asse pro Match) der erfolgreichste Aufschläger der Tour, gefolgt von Andy Roddick mit 705 Assen in 63 Matches (11,1) und Roger Federer mit 656 Assen in 95 Matches (6,9). Nun ist aber bekannt, dass Federer nicht viel Wert auf die maximale Geschwindigkeit legt, obwohl auch er problemlos weit über 200 km/h servieren kann. Sein Erfolg liegt in der Präzision und der Variation der ersten Aufschläge. Betrachtet man dann die Statistik der gewonnenen Spiele durch den ersten Aufschlag, dann ändert sich die Reihenfolge: Federer ist zu 90 Prozent erfolgreich, wenn der erste Aufschlag kommt, genau wie Roddick. Ljubicic kommt auf 88 Prozent. Daraus folgt: Nicht nur der erste Aufschlag als direkter Punktgewinn entscheidet über die Effektivität, sondern auch die Ausnutzung dieses Schlages für die anschließende Rally. Gerade in diesem Bereich ist Federer hervorragend, denn die Präzision seiner ersten Aufschläge bringt den Returnierer in Bedrängnis und Federer kann schon mit dem zweiten Schlag punkten oder den Ballwechsel diktieren. Von entscheidender Bedeutung ist auch die Qualität des zweiten Aufschlags. Bedenkt man, dass die ersten Aufschläge zu etwa 45 bis 65 Prozent im Feld landen, verbleiben für die zweiten Aufschläge immerhin 35 bis 55 Prozent. Man kann fast behaupten, dass der internationale Durchschnitt bei etwa 50:50 liegt. Die statistischen Ergebnisse zeigen auch hier die Überlegenheit Federers. Er führt mit 59 Prozent siegreichen Punkten auf den zweiten Aufschlag. Es folgen Rafael Nadal (57) und Roddick (55).
Ein Schlag, der meiner Meinung nach im heutigen Tennis mindestens so wichtig ist wie der Aufschlag, ist der Return. Schaut man sich die Herrenrangliste vom 8. Februar an, dann stellt man fest, dass die stärksten Aufschläger in der Returnrangliste auf den Plätzen 4 (Roddick), 8 (Ljubicic) und 9 (Mario Ancic) stehen. Weiter vorne, auf Platz 3, steht aber der laut Statistik beste Returnspieler - Nikolay Davydenko. Analysiert man die Top 15, findet man dort neun Returnierer, die in ihrer Disziplin weit vorne liegen, aber nur sechs Topaufschläger. Davidenko hat mit 35 Prozent auch die größte Anzahl an Returnspielen gewonnen. Federer kommt immerhin auf 32 Prozent. Bei den abgewehrten Breakbällen dominiert wieder Federer (70 Prozent), gefolgt von Roddick, Mardy Fish (69) und Nadal (68).
Federers große Überlegenheit im heutigen Spitzentennis geht aus all diesen Ergebnissen eindeutig hervor. Er schlägt mit die meisten Asse (Platz 3), gewinnt mit die meisten Punkte auf den ersten Aufschlag (Platz 3). Keiner ist bei eigenen Aufschlagspielen und bei direkten Returnpunkten auf den ersten gegnerischen Aufschlag so erfolgreich wie er (jeweils Platz 1). Er steht auf dem fünften Platz der direkten Returnpunkte auf den zweiten Aufschlag und er dominiert bei abgewehrten Breakbällen (Platz 1). Federer ist der Universalspieler schlechthin. Führt man sich dann noch vor Augen, dass er meist bis 4:4 im Schongang spielt und erst dann richtig aufdreht, bekommen die Zahlen noch eine andere Dimension. Federer weiß genau, wann es ernst wird und wann er es ein bisschen lockerer angehen lassen kann. Und: Er überschätzt sich nie, weil er einen gefestigten Charakter hat. Er unterschätzt sich eher und ist dann überrascht, wie gut er spielt (siehe das Australian Open-Halbfinale gegen Roddick). Genau daran erkennt man einen außergewöhnlichen Spieler.

"Dieser Bursche hat ein Rendezvous mit der Ewigkeit"
Jim Courier, ehemalige Nummer eins und vierfacher Grand Slam-Sieger

"Es ist eine Ehre für mich, mit ihm verglichen zu werden."
Rod Laver, Grand Slam-Legende

"Roger trägt als bester Spieler die größte Verantwortung in unserem Sport, und er trägt sie wunderbar."
Daren Cahill, Ex-Coach von Andre Agassi

"Dieser Junge ist ein Genie. Er wird unser Spiel verändern."
Andre Agassi beim Masters Cup in Houston 2003

"Ihn zu sehen, ist wie bei einem Beatles-Konzert dabei gewesen zu sein."
John Lloyd, Englands frühere Nummer eins