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| Roger Federer und der Traum vom Grand Slam |
| Jäger des verlorenen Schatzes |
Fast vierzig Jahre ist es her, dass Rod Laver den Grand Slam gewonnen hat. In diesem Jahr scheint die Gelegenheit
für Roger Federer so günstig wie nie. Voraussetzung ist allerdings Mitte Juni ein Sieg in Paris. Daran scheiterten
schon viele vor ihm.
Neulich wurde Roger Federer folgende Frage gestellt: "Herr Federer, stellen Sie sich vor, Sie säßen in einer
Zeitmaschine und würden in die Vergangenheit reisen. Gegen welchen Spieler aus der Historie würden Sie gerne
antreten?" Die meisten Spieler (und da sind sie wie Politiker) hätten sich auf so eine spekulative Spielerei
gar nicht eingelassen. Aber Federer antwortete direkt und ohne zu überlegen: "Gegen Rod Laver oder Björn Borg."
Mag sein, dass er sich für die beiden entschied, weil er sich ohnehin auf dem Papier mit ihnen duelliert.
Federer hat mittlerweile zehn Grand Slam-Titel auf seinem Konto, Borg und Laver je einen mehr. Aber vor allem:
Der Australier und der Schwede schafften etwas, das dem Schweizer bislang verwehrt blieb - ein Sieg bei den French Open.
"Das ist das nächste große Ziel. Ich bin gespannt, wie ich dort abschneide. Hoffentlich klappt es, und ich gewinne
den Titel. Es wäre ein Traum", sagt Federer. Ein Sieg des Schweizers in Roland Garros - es wäre die Story schlechthin
im Welttennis. Und damit würde auch in greifbare Nähe rücken, was Fans und Fachleute nur einem Spieler, nämlich Federer,
zutrauen. Seit er vor drei Jahren begann, das Welttennis zu dominieren, wird Federer mit einem Mythos in Verbindung
gebracht, dem Grand Slam. Die Aufgabe: innerhalb eines Kalenderjahres die vier großen Turniere von Melbourne, Paris,
Wimbledon und New York zu gewinnen. Der letzte Spieler, dem dies vor knapp 40 Jahren gelang, war Rod Laver 1969. Ihm
gelang das Kunststück sogar doppelt. Schon 1962 gewann der Mann aus Rockhampton, Queensland, der heute in Kalifornien
lebt und den sie "The Rocket" nannten, die Traditionsturniere. Der einzige andere Spieler, der ebenfalls den Grand Slam
gewann, hieß Donald Budge. Der Amerikaner reüssierte 1938.
Jetzt ist Federer der Jäger des verlorenen Schatzes. Wobei dieser Schatz etwas Ideelles ist, nichts Greifbares wie die
sagenumwobene Bundeslade in dem Steven Spielberg-Streifen, hinter der der Archäologieprofessor und Abenteurer Harrison
Ford alias Indiana Jones her war. Wer den Grand Slam im Tennis gewinnt, erhält keine spezielle Trophäe, keine Krone und
keinen zusätzlichen Scheck - jedenfalls war das bisher nicht so. Doch im Falle Federer will man sich etwas Besonderes
ausdenken. "Sollte er in Paris siegen, werden wir das diskutieren", verspricht die ITF, der Weltverband, der für die
Eliteveranstaltungen von Melbourne, Paris, Wimbledon und New York zuständig ist.
Doch zunächst geht es um den "Roger Slam". So tauften Journalisten den möglichen Coup, zwar Siege bei allen Grand
Slam-Turnieren in Folge zu landen, aber nicht in der richtigen Reihenfolge (und somit wäre es auch kein echter Grand Slam).
Schon letzte Saison - genau wie jetzt - war Federer nah dran. Er hatte in Wimbledon und bei den US Open 2005 gesiegt, auch
bei den Australian Open 2006. Doch im Finale von Paris scheiterte er an Rafael Nadal. Für den Schweizer kein schlechtes
Omen: "Ich mache jedes Jahr einen Schritt nach vorne", sagt Federer, "vor zwei Jahren war ich im Halbfinale, letztes Jahr
im Finale." Also kann 2007 nur der Titel folgen?
Wie groß der Rummel um Paris ist, wurde schon nach dem Finale von Melbourne Ende Januar gegen Fer-nando Gonzalez klar.
Ob er denn schon für den nächsten Morgen einen Sandplatz gebucht habe, wollte jemand wissen. Klar, ein Scherz.
Andererseits: Die Planung für das Unternehmen Grand Slam begann tatsächlich direkt nach den Australian Open. Federer
bestellte seinen Konditionstrainer Pierre Paganini, mit dem er seit fünf Jahren zusammenarbeitet, in sein Domizil
nach Dubai, und der erste Fitness-Block startete. Bis zu den French Open soll Federer vier dieser Blöcke, die jeweils
vier Tage umfassen, absolvieren. Übungen zur Koordination, Schnelligkeit, Schnellkraft, Beinarbeit und Grundlagenausdauer
umfasst das knüppelharte Training.
Rivale Nadal
Vieles werden Federer und sein Team gegenüber dem Vorjahr nicht verändern. Nach dem Hartplatzturnier von Miami Anfang
April wird Federer wie 2006 auf rote Asche wechseln, spielt in Monte Carlo, Rom und - mit hoher Wahrscheinlichkeit -
in Hamburg. Danach reist er nach Paris. In einem Punkt unterscheidet sich die Vorbereitung allerdings. Tony Roche,
Federers Coach, will, dass sein Schützling mehr Zeit auf dem Platz verbringt. Bälle schlagen ohne Ende, heißt die Devise,
mit Linkshändern als Sparringspartnern, die den Schweizer wie Nadal mit hohen Spinbällen auf der Rückhand festnageln sollen.
Denn Nadal, der in 60 Partien in Folge auf Sand ungeschlagen blieb, ist der große Rivale auf dem Weg zum Titel von Paris.
In den letzten beiden Jahren besiegte er Federer. Und auch wenn der Schweizer im Finale 2006 zu Beginn perfektes
Sandplatztennis zelebrierte und den ersten Satz mit 6:1 gewann, am Ende war Federer chancenlos. Was auch in diesem Jahr
für Nadal spricht: "Er ist physisch so stark. Er ist auf diesem Bodenbelag groß geworden. Er hat diese Erfolgsserie. Er
ist sehr selbstbewusst und er deckt den Platz optimal ab. Außerdem ist er Linkshänder. All das macht es sehr schwer für
mich", umreißt es Federer. Andererseits sei er im letzten Jahr näher an "Rafa" herangerückt. In den Finals von Monte Carlo
und Rom gewann der Spanier jeweils nur knapp in fünf Sätzen. Dazu kommt: In den letzten Monaten spielte der Spanier nicht
sein bestes Tennis.
Paris könnte trotzdem zum Fluch für Federer werden, wie für so viele Stars vor ihm, denen nur die French Open in ihrer Grand
Slam-Sammlung fehlten. Für Boris Becker war stets im Halbfinale Schluss, Stefan Edberg unterlag im 89er Finale gegen den
Sensationsfinalisten Michael Chang. Jimmy Connors kam viermal ins Halbfinale, aber nicht weiter. John McEnroe (der allerdings
nie in Melbourne siegte) führte sogar mit 2:0-Sätzen gegen Erzfeind Ivan Lendl, aber er verschenkte das Match. Auch Pete
Sampras, der die Grand Slam-Siegerliste mit 14 Titeln anführt, taucht in der Reihe der gescheiterten Stars auf. 13-mal
unternahm der wohl beste Serve-and-Volley-Spieler aller Zeiten den Versuch, in Roland Garros zu gewinnen. Einmal, 1996,
kam er ins Halbfinale. Der einzige Spieler der jüngeren Vergangenheit, der es schaffte, alle vier Grand Slam-Turniere zu
gewinnen (wenn auch nicht in Folge und schon gar nicht in einem Jahr), war Andre Agassi. Schon 1990 und 1991 stand er jeweils
als hoher Favorit im Finale von Paris, aber er verlor. Erst 1999, als niemand mehr mit ihm rechnete und als er wegen einer
Verletzung gar nicht antreten wollte, holte Agassi den ersehnten Titel.
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