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Streifzug durch die Damen-Historie
Frauenbewegung
"Die Göttliche"

Die nächste große Revolution kam in den 20er Jahren. Es war die Zeit von Suzanne Lenglen. Die Französin schwebte im seidenen Ballettkleid über die Courts. Sie tänzelte auf Zehenspitzen und machte Tennis zur Operette. Vor den Matches legte sie ihren Hermelin-Mantel ab (auch im Sommer). Während der Seitenwechsel trank sie eisgekühlten Cognac. Ihr Spitzname: "Die Göttliche". Und dieser Name drückte all das aus, wofür Lenglen stand. Sie logierte in den besten Hotels, speiste in den elegantesten Restaurants. Sie war Diva, Primadonna und Champion, nur nicht Vamp. Männer an ihrer Seite sah man selten, was immer wieder für Gerüchte sorgte. Sechsmal siegte sie in Wimbledon. Zwischen 1919 und 1926 gewann sie 269 von 270 Matches. Lenglen war die erste Sportlerin, die auf den Titelseiten der Zeitungen abgedruckt wurde. Zu ihrer Zeit war sie bekannter als Adelige, Filmstars und Politiker. Und ihre Kleidung inspirierte die Damenmode wie heute die von Victoria Beckham.

Dennoch war ihre Geschichte tragisch. Mit 27 Jahren, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, war die "Göttliche" von Selbstzweifeln und Nervenkrisen, Hungerkuren und Dauerstress gezeichnet, sah aus wie eine Greisin. Mit 39 Jahren starb sie an Leukämie.

Lenglens Gegenpart auf der anderen Seite des Atlantiks hieß Helen Wills (später Wills Moody), ein Wunderkind mit langen, dunkelbraunen Zöpfen, das aus Kalifornien stammte und schon mit 17 Jahren die US Open in Forest Hills gewonnen hatte. Ähnlich erfolgreich wie die sechs Jahre ältere Französin, aber doch ganz anders: hübsch, ohne Make-Up und falsche Wimpern, die ein neues Frauenbild auf dem Platz schuf und der Millionen nacheiferten. Ihr Vater Clarence, ein Arzt, war der Meinung gewesen, dass keine Sportart Muskeln und Widerstandskraft so fördern würde wie Tennis. Wills fegte anfangs die Nachbarjungen vom Platz. Später, auf der Tour, blieb sie zwischen 1927 und 1932 138 Matches in Folge ohne Satzverlust. Nach ihrem Olympiasieg 1924 in Paris wurde Tennis an vielen amerikanischen Schulen zum Pflichtfach. Die Antwort, wer die Bessere war - "die Göttliche" oder das "American Girl", gab das "Match des Jahrhunderts". Am 16. Februar 1926 duellierten sich Lenglen und Wills im mondänen Carlton Club von Cannes. Lenglen siegte - es sollte ihr letzter großer Triumph werden.

Die Powerfrauen der 60er und 70er Jahre hießen Virginia Wade, Francoise Durr, Evonne Goolagong, Margaret Court und Billie Jean King. Court spielte ein für damalige Verhältnisse revolutionäres Tennis - athletisch, dynamisch, schnell, mit enormer Reichweite am Netz. Sie schaffte 1970 das Kunststück, den Grand Slam zu gewinnen, also alle vier bedeutenden Turniere in einem Kalenderjahr. King, geborene Moffitt, spielte ähnlich aggressiv wie Court, war aber, auch wenn ihr der Grand Slam nicht gelang, noch erfolgreicher als die Australierin. 20 Wimbledontitel im Einzel, Doppel und Mixed gelangen der Amerikanerin. Die Nummer eins der Welt war sie mit Unterbrechungen von 1966 bis 1972. Ihre Titelsammlung ist so einmalig wie ihr soziales Engagement. Denn Billie Jean King, die Tochter eines Feuerwehrmanns, war eine Art Alice Schwarzer des Tennis, eine Kämpferin für die Rechte der Frau auf dem Court und außerhalb der weißen Linien (Darüber hinaus hat sie sich dafür engagiert, den einst elitären Sport einer breiten Masse zugänglich zu machen).

Eine eigene Damentour mit zahlungskräftigen Sponsoren, Damenmatches zur besten Sendezeit im Fernsehen, gleichem Preisgeld im Vergleich zu den Herren - all das boxte die Tennisspielerin, Trainerin, TV-Kommentatorin, Psychologin, Geschäftsfrau und Feministin durch. Sie selbst bezeichnete sich stets als Pionierin. In ihrem Weltbild existieren "Heros", aber vor allem auch "Sheros" - weibliche Helden - wie sie, die es als erste Frau auf das Cover von Sports Illustrated schaffte. Titelzeile: "Tennis Superstar Billie Jean King".

Ende der 60er Jahre war King entscheidend daran beteiligt, dass sich der Tennissport auch den Profis öffnete. Zum Eklat kam es 1970. King und acht weitere Weltklassespielerinnen boykottierten die "Pacific Southwest Open", ein gemeinsames Damen- und Herrenturnier, das den Frauen nach Meinung Kings zu wenig Preisgeld zahlte. Stattdessen nahmen King und Co. an einem nicht anerkannten Turnier in Houston teil, das von der Zigarettenmarke Virginia Slims gesponsert wurde. Verpflichtet hatte die "Original 9" der Tennispromoter Gladys Heldman. Es war die Geburtsstunde der modernen Damen-Profitour. 1971 verdiente King als erste Sportlerin überhaupt mehr als 100000 Dollar in einem Jahr, eine Summe, die ihre Enkelinnen für einen Showkampf kassieren.

Athletik und Fitness

Für eine Sensation weit über die Grenzen des Tennissports hinaus sorgte sie 1973. Im Kampf der Geschlechter, dem viel zitierten "Battle of the Sexes", schlug die damals 29-Jährige den 26 Jahre älteren Bobby Riggs 6:4, 6:3, 6:3. In die Pressekonferenz hatte sie zuvor ein lebendiges Schwein geschleppt. Das Lied "Männer sind Schweine" hatte es damals noch nicht gegeben, aber die Symbolik war trotzdem klar.

Bücher wurden über dieses Match geschrieben, das am 30. September im Astro Dome in Houston vor der Rekordkulisse von 30 473 Zuschauern gespielt wurde (vor den Fernsehern saßen angeblich 50 Millionen!). Kein Ereignis gilt als bedeutender, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen im Tennis geht. Manche mutmaßten allerdings, Riggs hätte die Partie geschoben und deshalb verloren. Riggs galt als Chauvi ("Frauen gehören in die Küche, in die Kirche und ins Schlafzimmer - aber bestimmt nicht auf den Tennisplatz!") und Zocker. 1939 hatte er darauf gewettet, dass er in Wimbledon im Einzel-, Doppel- und Mixed gewinnen würde - was er sogar schaffte und 105 000 Dollar abräumte. Vor dem Duell mit King standen die Wetten 8:5 für ihn. Somit gab es bei den Buchmachern mehr zu gewinnen, wenn man auf die Frau setzte, was Freunde von Riggs angeblich taten.

Kings Ruhm und der Bedeutung ihres Sieges für die kommenden Frauengenerationen tat dies keinen Abbruch. Die Botschaft war klar: Frauen können all das, was Männer können. 1974 unterzeichnete die WTA ihren ersten Fernsehvertrag. 1980 spielten 250 Profis bei 47 globalen Turnieren um 7,2 Millionen Dollar Preisgeld. Die Tour wuchs und die Stars hießen jetzt: Chris Evert und Martina Navratilova. Beide trieben sich in ihren 80 Duellen (43:37 für Navratilova) zu Höchstleis-tungen an. Evert war die Lady aus gutem Hause, Navratilova die Straßenkämpferin, die das Erbe Kings fortsetzte. Sie setzte sich für Homosexuelle ein, kritisierte die US-Politik, was sie jedoch nicht davon abhielt, ihre Heimat, die frühere CSSR, zu verlassen und in die Staaten überzusiedeln. Auf dem Platz setzte Navratilova wie Ivan Lendl bei den Männern neue Maßstäbe in punkto Athletik und Fit-ness. Die einst pummelige Navratilova wandelte sich dank wissenschaftlicher Coachingmethoden und "Robert Haas"-Diät zur Muskelfrau, brach einen Rekord nach dem anderen und dominierte das Frauentennis bis Mitte der 80er Jahre.

Nach der Ära Navratilova wurde Steffi Graf zur Dauersiegerin. In 17 Jahren auf der Tour gewann die Deutsche 22 Grand Slam-Titel im Einzel. 1988 holte sie den "Golden Slam" (Siege bei den vier Major-Turnieren und bei den Olympischen Spielen in Seoul). Knapp 22 Millionen Dollar kassierte sie an Preisgeld. Ihr Engagement für das Frauentennis zeigte die publicity-scheue Graf nicht bei öffentlichen Kundgebungen wie King oder Navratilova, sondern auf dem Platz. Mit harter Arbeit und dem Streben nach Perfektionismus wurde Graf zum Idol.

Danach ging alles schnelllebiger, lauter, schriller auf der Damentour zu. Auf die filigrane Hingis, der jüngsten Nummer eins in der Geschichte, folgten die athletischen Williams-Schwestern und bald die Belgierinnen Justine Henin-Hardenne und Kim Clijsters. Anna Kournikova bewies, dass sich Schönheit außerhalb des Platzes noch bezahlter als auf dem Court macht. Maria Sharapova, Frontfrau der iPod-Generation, vereinigt beides: Multi-Millionen-Dollar-Verträge und sportlichen Erfolg. Sie sagt: "Ich will immer mehr verdienen." Allerdings: So hatte sich das Frau King bestimmt nicht vorgestellt.

Andrej Antic

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