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B. Beckers Märchen in New York
Benjamin & Bambi
Abreisetag. Benjamin Becker packt.

Er blickt noch einmal aus seinem Hotelzimmer aufs Nachbarhotel "Benjamin" (das heißt wirklich so). Dann geht es zum Flughafen, von dort zur Freundin Kristin nach Orlando, über Deutschland nach Bangkok - zurück in den Profi-Alltag.

Doch die erstaunlichste Reise fand im Spätsommer in New York statt. Ein Märchen, "das ich erst in Wochen oder Monaten realisieren werde" (Becker). Als er vor den US Open ein Challengerturnier in der Bronx spielte, kannten den 25-Jährigen aus dem saarländischen Orscholz, die Nummer 112 der Welt, nur echte Fans. "Und dann", sagt Becker, "kommt John McEnroe zu mir in die Umkleidekabine und wünscht mir viel Glück."

Viel Glück gegen Andre Agassi. Was für eine Geschichte! B. Becker gegen A. Agassi, nur nicht Boris, sondern Benjamin. Aber die Initialien sorgten dafür, dass sich die Weltpresse und die amerikanischen Fernsehanstalten auf den Mann stürzten, der in Waco, Texas studiert hat (Finanzen, internationale Wirtschaft) und mit der Universitätsmannschaft von Baylor US-College-Meister wurde. "Da hatte ich schon häufig mit Journalisten zu tun", sagt Becker. Es war offenbar eine gute Schule, denn Becker spielte seine Rolle als neuer Medienstar erstaunlich cool. Er plauderte, lächelte charmant, wirkte völlig unaufgeregt. Da verblüffte es, dass er sich im persönlichen Gespräch als sehr ruhig und schüchtern outete. Als einer, der nicht gern im Rampenlicht steht.

Service mit 230 km/h

Auch auf dem Platz überzeugte er. Mehr noch: Er riss die Zuschauer mit, faszinierte. In der Quali gab er keinen Satz ab, im Hauptfeld schlug er Filippo Volandri und Sebastien Grosjean, bevor es zum Showdown mit Agassi kam. Becker schlug Asse, drosch sein Service mit 230 km/h übers Netz, punktete mit Vorhand-Winnern, trieb die Gegner mit der beidhändigen Rückhand aus dem Feld. Wie ist so etwas möglich? Warum spielt einer erst mit 25 so gut? Becker war als Junior schon einmal die Nummer neun in Europa. Damals, sagt Becker, sei er nicht reif gewesen, die Fahrten zum Training nach Saarbrücken zum Verband wurden zur Qual, eine Phase, in denen Becker die meiste Zeit in Zügen und Bussen verbrachte. Die Wende kam, als er ein Stipendium in Waco bekam und ihm sein damaliger Trainer Matt Knoll Mut machte, wieder ernsthaft Tennis zu spielen. Durch Uni-Kontakte landete Becker 2005 bei Jean-Luc Fontanot, einem Trainer, der auch schon mit Anna-Lena Grönefeld zusammenarbeitete, in Pompano Beach, Florida. "Als er bei mir vor der Tür stand, dachte ich zuerst: Das ist ja Nicolas Kiefer", erzählt Fontanot - eine gewisse Ähnlichkeit gibt es in der Tat. Fontanot und Tarik Benhabiles, der frühere Roddick-Coach, übernahmen das Training. Ihr Urteil über Becker: "Nach oben gibt es keine Grenze." Unterstützt wird das Team, zu dem auch der Deutsche Benedikt Dorsch gehört, inzwischen von Norman Canter, einem Amerikaner, der in Freeport, Bahamas lebt. Künftig sollen Becker und Co. dort trainieren.