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Agassis Abschied
Happy End mit Tränen
Man muss dabei gewesen sein, dieses US Open-Gefühl inhaliert haben.

Zum Beispiel in Box 203, Reihe F, Sitz 3. Night Session im Arthur Ashe-Stadium. Gleißendes Flutlicht. Eine laue Brise weht durchs Stadion. 23700 Zuschauer schreien, klatschen, trampeln. Unten, in den Logen der Sponsoren, trinken sie Champagner. Während der Seitenwechsel, wenn aus den Boxen Rockmusik dröhnt, fängt die Kamera tanzende Menschen auf den Rängen ein. In dem Moment, in dem die Fans merken, dass sie auf den riesigen Screens an den Stirnseiten des Stadions im Bild sind, tanzen sie noch wilder. Es ist eine einzige Party, mit Hot Dogs, Heineken, Burgern und Popcorn. Und die größte Party steigt am Donnerstag, 31. August, ab 19 Uhr. Agassi-Mania, Teil zwei, das Match gegen Marcos Baghdatis "Tonight. The Legend. It's Showtime", hatten die TV-Sender das Duell angeheizt. Der Stadionsprecher ruft: "From Las Vegas, Nevada, please welcome…" - "… Andre Agassi", brüllt die Masse. Gänsehaut-Atmosphäre. Dreieinhalb Stunden später ist das Spiel vorbei. 6:4, 6:4, 3:6, 5:7, 7:5 für Agassi. Baghdatis, der 15 Jahre jünger ist, war Mitte des fünften Satzes mit Krämpfen zusammengebrochen, kämpfte weiter, spielte plötzlich wieder druckvoll - vergeblich, Agassi konnte sich erst später - in der Kabine - nicht mehr auf den Beinen halten. Er habe bei der epischen Schlacht nicht zeigen wollen, dass er am Ende war. Wäre es nicht der perfekte Schlusspunkt gewesen? Ein Match, das Federer mit den Worten kommentierte: "Ich war nervös wie ein Fan. Ich bekam kalte Füße und verkroch mich unter meiner Bettdecke?" Wahrscheinlich ja. Aber Agassi wollte bis zum letzten kämpfen, ließ sich noch einmal eine Batterie Spritzen mit entzündungshemmenden Medikamenten verabreichen, hörte nicht auf seinen Vater Mike, der in einem Boulevard-Blatt flehte: "Andre, hör' doch bitte auf. Tu' es dir und deinem Körper nicht mehr an."

Das ultimative Kompliment

Aber der rückenkranke Andre machte weiter. Er bekam noch einen zusätzlichen Tag Pause, weil es den ganzen Samstag geregnet hatte. Und dann stieg das Duell gegen B. Becker - eine Ironie des Schicksals. Was haben sich die Tennisgötter nur gedacht dabei? Gegen Boris Becker hatte Agassi in seiner Karriere 14-mal gespielt, 10-mal gewonnen, doch gegen Benjamin Becker, den Qualifikanten mit der Erfahrung von vier Grand Slam-Matches, noch nie. "Nein", grinste Agassi, "ich hoffe nicht, dass Becker meine Karriere beendet." Er tat es in vier Sätzen, und Agassi wirkte zuweilen wie ein Veteran bei einer Juniorenkonkurrenz. Beim letzten Punkt hat er Tränen in den Augen. Ein paar Minuten später sitzt er auf seinem Stuhl, weint minutenlang, vergräbt das Gesicht in den Händen. Auf den Rängen stehen alle, klatschen. Handgestoppte 2:30 Minuten - Sekunden für die Ewigkeit. Viele haben Tränen in den Augen, wie Agassi, der inzwischen aufgestanden ist, sich wie immer zu allen Seiten des Courts verneigt. Dann greift er zum Mikrofon und bedankt sich mit einer rührenden Rede (siehe rechts).

Später wird er gefragt, ob in dem Moment, als er saß, noch einmal die ganze Karriere an ihm vorbeigezogen sei. "Ich habe dagesessen und realisiert, dass dies mein letztes Match war, dass ich allen Good-Bye sage. Es ist ein notwendiges Übel. Aber es hat sich unglaublich angefühlt", sagte Agassi. Vollgepackt ist der Interviewraum im Bauch des Stadions. Kameras richten sich auf ihn - die letzten Fotos. Und Agassi redet und redet: über alte Zeiten, die Zukunft des amerikanischen Tennis, seine Stiftung in Las Vegas und seine Kinder: "Ich muss ihnen erst einmal erklären, warum ihr Papa heute geweint hat." Das "ultimative Kompliment" sei es für ihn gewesen, als er nach dem Match in die Umkleidekabine kam und die Spieler applaudiert hätten. "Wir sind ja keine Firma, in der alle für ein Ziel arbeiten. Wir sind Leute, deren Erfolg nur möglich ist, wenn wir die anderen besiegen", sagte Agassi. Die letzte Frage: Möchte er, Agassi, noch etwas von den Journalisten wissen, die ihn so lange begleitet haben? Agassis Antwort: "Werdet ihr Jungs mich wirklich vermissen oder tut ihr nur so?" - Standing Ovations. Der Mann mit der Glatze verlässt den Raum.

"Die Anzeigetafel sagt, dass ich heute verloren habe. Aber was sie nicht sagt, ist, dass ich etwas gefunden habe. In den letzten 21 Jahren habe ich Loyalität gefunden. Ihr habt mich auf dem Platz unterstützt, und auch in meinem Leben. Ich habe Inspiration gefunden. Ihr wolltet, dass ich siege, selbst in meinen schlimmsten Momenten. Und ich habe Großzügigkeit gefunden. Ihr habt mir eure Schulter gegeben, an die ich mich anlehnen konnte, um meine Träume zu erreichen, Träume, die ich ohne euch nie erreicht hätte. In den letzten 21 Jahren habe ich euch gefunden, und ich werde euch und die Erinnerung an euch mit mir nehmen für den Rest meines Lebens."

Andre Agassis Rede nach seinem letzten Match vor 23700 Zuschauern im Arthur Ashe-Stadium.

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