Sie ist in eine neue Dimension vorgestoßen: Angelique Kerber hat sich als erste Deutsche seit über zehn Jahre für die Tennis-WM qualifiziert. Ihr Erfolg basiert auf einer enormen Fitness und einem starken Willen. Dennoch wäre ein positives Abschneiden eine Überraschung.
Der Hoffnungsträger ist ziemlich rot und guckt etwas bedröppelt: Ein Kuscheltier, das ihr ein Fan in Tokio schenkte, soll die letzte Motivationsspritze für Angelique Kerber sein, passend geschmückt mit einem Stirnband, auf dem "Go! Go! Angie steht. Kerber startet als erste Deutsche seit Anke Huber 2001 beim Saisonfinale der acht besten Tennisdamen, den WTA Championships in Istanbul. Sie hat das geschafft, was Andrea Petkovic im Vorjahr knapp verpasste.
"Die Qualifikation ist ein Bonus für eine tolle Saison. Ich bin stolz, unter den besten Acht zu sein und bei der WM mitspielen zu dürfen, sagte die Deutsche dem Sport-Informations-Dienst. Es ist der Lohn einer hervorragenden Saison, in der die stets etwas zurückhaltend wirkende Kerber die nächste Dimension erreicht hat:
Sie wird ab heute erstmals auf Platz fünf der Weltrangliste geführt. Eine Leistung, die zuvor erst vier andere deutsche Damen (Steffi Graf, Claudia Kohde-Kilsch, Anke Huber und Sylvia Hanika) erreichten. Kerber ist damit die bestplatzierte Deutsche seit dem Rücktritt von Steffi Graf, der im August 1999 als Nummer drei der Welt ihre Karriere beendete.
Die Linkshänderin hat sich diese Platzierung mit extrem konstanten Leistungen verdient. Sie gewann insgesamt 60 Partien sowie zwei Turniere und zog zudem in Wimbledon ins Halbfinale ein. Und hätte sie Anfang Oktober nicht eine Fußverletzung zur Aufgabe in Peking gezwungen, wären wohl noch ein paar mehr Erfolge dazugekommen. Mittlerweile ist die Verletzung abgeklungen, der Verdacht auf einen Ermüdungsbruch hat sich nicht bestätigt und Kerber reist ausgeruht nach Istanbul.
Wie weit kann Kerber noch klettern?
Eine Voraussetzung, die ihrem Spiel deutlich helfen wird. Kerber lebt vor allem von ihrer Fitness und ihrem Willen. So schlägt sie Bälle zurück, die andere längst aufgegeben haben und gewinnt so Punkte, die andere schon längst abgeschenkt haben. Damit entnervt sie ihre Gegnerinnen und besiegt sie dann mit ihrer enormen Ausdauer.
Von 22 Partien, in denen Kerber im Jahr 2012 über drei Sätze gehen musste, gewann sie 20. Eine herausragende Quote. Das Problem: Es gibt immer noch ein paar Spielerinnen, gegen die Kerber den dritten Satz gar nicht erst erreicht. Bei allen Grand Slams in diesem Jahr und den Olympischen Sommerspielen von London schied sie durch eine Zweisatzniederlage aus.
Kerber hat sich nach ihrem Halbfinaleinzug bei den US Open im Vorjahr konstant nach oben gearbeitet. Sie ist zurück in die Top 50 gekommen, hat die Top 20 geknackt und die ersten zehn erreicht - und nun die ersten fünf. Geht diese Entwicklung so weiter? Oder ist nun eine Grenze erreicht? Kerber zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Schwächen konsequent ausmerzt, immer an sich arbeitet, sich immer verbessern will. Sie kann das in Ruhe tun, sie drängt bewusst nicht so in den Fokus der Öffentlichkeit wie beispielsweise Andrea Pektovic.





