Die Frau in mir nennt es Deutschland-Diät. Eine gute Sache. Egal, was ich an einem Spieltag, in den Tagen davor, dazwischen und danach, in mich hineinstopfe - Alpen-Bergzüge von Kartoffelsalat und Würstchen und Frikadellen und Chips, Chips, Chips, zum Kochen fehlen einem ja sowieso die Zeit und der Kopf - nach einem Deutschlandspiel ist alles wieder rausgeschwitzt. Es ist schier unmöglich, mehr zu essen und zu trinken, als man während eines Deutschlandsspiels herausadrenaliert. Wie gerne würde ich manchmal mitspielen. Selbst auf dem Platz stehen, es in der Hand haben, ein gottverdammtes Zeichen setzen können und nicht bloß zum Zuschauen verdammt sein. Dann wäre ich wenigstens selbst schuld.
Die Jungs haben Psychologen und Mental-Coaches, sie bekommen Yoga-Kurse zur Entspannung und Spielerfrauennächte zur Tiefenentspannung, sie bekommen Regenerationsswhirlpools und Chill-Out-Areas im Garten, sie haben einen Basketballtrainer für den Spaß und Holger Stromberg, der kocht, was Spielerkörper, Spielergehirne und Spielerseelen brauchen. Wir kriegen seit Wochen nichts. Nichts als Fastfood und Zweite-Wahl-Bier, denn die erste Wahl haben uns immer schon die anderen Fans vor der Nase weggekauft. In besseren Spielen bringt es Ballack auf gut 12 gerannte Kilometer, beim Spiel gegen die Türkei habe ich zum ersten Mal die Marathondistanz geknackt. Zur Küche, zurück, einmal um den Tisch, kurz ins Nebenzimmer, nicht hingucken, hinsetzen, aufspringen, wieder hinsetzen, zurück in die Küche. NocheinBier. Wie lang können eigentlich drei Minuten Nachspielzeit dauern?
Selbst normalerweise durch und durch rationale Menschen geben bei Anpfiff ihr Gehirn zurück und verwandeln sich in Adrenalinausschüttungsmaschinen. Meine Freundin Meike, die für das Finale in Wien einen Voucher bekommen hat, nur gegen Tickets einlösbar, falls Deutschland das Finale erreicht, war nach dem Türkei-Spiel so schwach, dass sie nicht mehr telefonieren konnte. Meine Freundin Marlene hat sich im Spiel gegen Portugal ihren Lieblingsschal um den Kopf gebunden und kräftig ins Kaschmir gebissen, unterbrochen nur von kurzen Fruchtbarkeitstänzen für die drei deutschen Tore und unzitierbaren Flüchen bei den Gegentoren. Ihr englischer Freund James, für die EM dank eines geschenkten 54er-Weltmeistertrikots kurzzeitig zu den Deutschen bekehrt (wir können schließlich jede Unterstützung gebrauchen), hat während des Türkeispiels wie ein Zootier ohne Auslauf immer nur manisch von vorne nach hinten gewippt. Mein Bruder war schon zur Halbzeit so stramm, dass er nicht mal mehr das Wort Finale aussprechen konnte.
Ich selbst habe, was das Türkei-Spiel angeht, totale Fußball-Amnesie. Zwar habe ich hingeschaut, zwar habe ich dank Marlenes Tänzchen auch die Tore mitbekommen, mehr aber nicht. Totaler Bild- und Tonausfall, nicht nur im Fernsehen. Wenn der Valentinstag eine listige Erfindung der Blumenindustrie ist, dann ist die EM in Wahrheit eine Erfindung deutscher Brauereien. Nüchtern kann das alles kein Mensch ertragen. Deswegen stelle ich jetzt Bier kalt, einen ganzen Kühlschrank voll. Sind ja nur 34.000 Kalorien. So viel verbrenne ich locker in einer Final-Halbzeit.