
Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ist es in diesem Fall Claudia Pechstein?
Mit Hilfe der entlastenden Aussagen mehrerer Mediziner hat die wegen Blutdopings für zwei Jahre gesperrte Eisschnellläuferin Claudia Pechstein einen neuen Anlauf unternommen, ihre Sperre als unberechtigt darzustellen.
Da die Sanktion des internationalen Eislaufverbandes ISU auf dem verdächtigen Blutprofil basiert, zielte Pechsteins Gegenstrategie von Beginn an darauf, ihre erhöhten Retikulozytenwerte als mögliches Ergebnis einer seltenen Krankheit, statt gezielten Blutdopings zu präsentieren. Da jedoch bisher alle sportgerichtlichen und ordentlichen Instanzen dem Vorgehen der ISU Recht gegeben hatten und Pechstein so auch die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Vancouver verpasst hatte, schien die Berlinerin den Kampf gegen ihre Verurteilung allmählich verloren zu haben.
Jetzt aber wollen Hämatologen herausgefunden haben, dass nicht nur die Möglichkeit einer anderen Ursache für die Blutwerte bestehe, sie diagnostizierten bei Pechstein konkret eine leichte Kugelzellen-Anämie. Diese sogenannte Sphärozytose liege auch beim Vater der Sportlerin vor, sodass man von einem vererbten Blutbild ausgehen könne.
"Zweifel sind ausgeräumt"
"Ich weiß nun, dass ich eine 'Blut-Macke' habe, aber nicht krank bin. Aber ich weiß auch: Das ist nur ein Schritt in die richtige Richtung", erklärte Pechstein, nachdem ihr Experten der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) vor 13 Kamerateams und mehr als 100 Journalisten bescheinigt hatten: "Wir wissen jetzt, was die Ursachen der erhöhten Retikulozyten sind, Zweifel sind ausgeräumt".
Der DGHO-Vorsitzende Gerhard Ehninger befand sogar, nach neuen Erkenntnissen sei Pechsteins Sperre aus medizinischer Sicht haltlos. Er kündigte an, dass eine Petition von Anti-Doping-Experten aus aller Welt beim IOC und der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA ein nächster Schritt sein könnte und forderte, künftig mehr als nur einen Parameter für eine Doping-Sperre zu betrachten.
Vor dem CAS seien Gutachten in ihr Gegenteil verkehrt oder verfälscht dargestellt worden, kritisierte Ehninger und sprach davon, dass das CAS-Urteil "Käse" gewesen sei. Noch im Sommer hatte er bei Pechstein selbst Doping mit EPO vermutet.
"Sport geht vor die Hunde"
"Es tut sich eine Kluft auf zwischen den Gerichten und der Wissenschaft", meinte Gutachter Klaus Pöttgen. "Es muss sich nun grundsätzlich etwas ändern, sonst könnte Pechstein ja schon beim nächsten Wettkampf im Februar 2011 wieder gesperrt werden."
Untersuchungen in der Berliner Charité hatten ergeben, dass auch Pechsteins Vater unter Sphärozytose leidet. Damit sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Athletin die Anomalie von ihm geerbt hat, erklärte Oberarzt Andreas Weimann. "Es ist ein Wahnsinn, dass man seine Familie da mit reinziehen muss, um seine Unschuld zu beweisen", meinte Pechstein. "Meine Wut über die ISU ist mit diesen Gutachten nicht geringer geworden."
Auf ihrer eigenen Homepage sah Pechstein es als Beleg dafür, dass "der Sport vor die Hunde" gehe, weil ihr Vater untersucht worden sei. "Dieser Gedanke lässt mich erschaudern und macht mich sehr nachdenklich", fuhr sie fort, bevor sie Besucher der Website zum Kauf ihrer bevorstehenden Autobiographie aufforderte.
"Beweiskette ist geschlossen"
Auch der Siegener Professor Winfried Gassmann sprach sich nach umfangreichen Messreihen eindeutig für eine Kugelzellenanämie aus. Rund 800.000 Menschen in Deutschland tragen Merkmale dieser Anomalie. Wirklich schwere Fälle kommen nur in zwei von 10.000 Fällen vor.
Professor Wolfgang Jelkmann von der Uni Lübeck legte dar, dass bei Pechstein in den zurückliegenden zehn Jahren der Retikulozyten-Wert nie unter 1 Prozent gelegen habe, im Falle einer Absetzung von EPO aber gegen 0 tendiert wäre. "Unsere Beweiskette ist geschlossen. Es gibt bei Pechstein definitiv keinen Beleg für EPO oder ein anderes stimulierendes Mittel", folgerte er. Die aktuellen WADA-Richtlinien seien sehr gut ausgearbeitet, "aber wenn sie so angewendet werden wie im Fall Pechstein, dann würde der indirekte Beweis darunter leiden", so Jelkmann weiter.
"Ich glaube nicht, dass der Befund Frau Pechstein in irgendeiner Form entlastet, weil die hohen Retikulozyten-Werte dadurch nicht erklärt werden", konterte jedoch der renommierte Pharmakologe Fritz Sörgel, "es kann gut sein, dass sie diese Anomalie hat, aber was ihren Dopingfall betrifft, ist dadurch überhaupt nichts geklärt."
"Überhaupt nicht überzeugt"
Sörgel zeigte sich verwundert über die klare Positionierung der DGHO. Es sei unerklärlich, dass die DGHO-Kollegen "in ihrem Urteil so eindeutig und unumstößlich für eine ganze Gesellschaft sprechen", kritisierte er. "Die haben mich überhaupt nicht überzeugt", erklärte auch der Heidelberger Anti-Doping-Guru Werner Franke der FAZ: "Tut mir leid, dass ich nur noch satirisch antworten kann. Jetzt müsste man doch sagen: Donnerwetter, sie haben eine ansteckende Form einer leistungsmindernden Blut-Anomalie ausgerechnet bei Ausdauersportlerinnen entdeckt", sagte er mit Hinweis auf die weiteren Verdachtsfälle bei zwei deutschen Eisschnellläuferinnen, die vor kurzem bekannt geworden waren.
Ob die neuen Gutachten die juristischen Entscheidungen der Sportgerichtsbarkeit noch einmal kippen könnten, ist zumindest fragwürdig. Der Weltverband ISU hatte Pechstein für zwei Jahre gesperrt, der Internationale Sportgerichtshof CAS diese Sperre bestätigt. Pechstein hofft nun, durch diese Erkenntnisse ihrem Antrag auf Revision beim Schweizer Bundesgericht bessere Chancen verholfen zu haben. Für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bleibt das CAS-Urteil bindend. Es sei ihr "gutes Recht, eine Wiederaufnahme des Verfahrens mit dem Ziel der Aufhebung ihrer Sperre" anzustreben, erklärte DOSB-Sprecher Christian Klaue.
Sportrechtler Michael Lehner machte sich hingegen dafür stark, das Pechstein-Verfahren vor dem CAS neu aufzurollen. "Es gibt keine Alternative zu einem erneuten Verfahren", sagte der Anwalt, "man muss offenbar auch das System der Sportgerichtsbarkeit neu überdenken. Der Schaden, der Frau Pechstein angetan wurde, ist so immens. Das ist mit Geld nicht mehr aufzuwiegen."