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Vancouver: Eine Stadt stellt sich vor
Vancouver: Eine Stadt stellt sich vor
Vancouvers Kehrseite

Wenn am Freitag die XXI. Olympischen Winterspiele eröffnet werden, bestaunt die ganze Welt die blauen Buchten und glitzernden Skylines der Perle am Pazifik. Aber Vancouver hat mehr zu bieten. sportal.de wirft einen kritischen Blick auf Kanadas Metropole und wundert sich unterwegs nach Coast Mountains über Bigfoot, Kakerlaken und ein boxendes Känguru.

Die glitzernde Perle des Pazifiks

Vancouver bietet einen atemberaubenden Anblick. Die glitzernden Skylines der Bürogebäude spiegeln das rege Treiben der Großstadt wider. Eingerahmt wird das ganze durch die südlichste Kette der Coast Mountains und den Meeresarm, die Straße von Georgia, die den Zugang zum Pazifik darstellt.

Dem britischen Kapitän George Vancouver verdankt die 600.000-Einwohner Metropole ihren Namen. Die Stadt entstand in den 1860er Jahren als Folge der Einwanderungswelle während des Fraser-Canyon-Goldrauschs und ist heute Dienstleistungszentrum und Touristenattraktion, zudem ist Vancouver die Heimat vieler Ethnien und eine Art multikultureller Schmelztiegel.

Das Potlach-Verbot

Das Stadtbild bietet viele unterschiedliche kulturelle Facetten. Die erst in den letzten zwanzig Jahren gänzlich aus der Unterdrückung befreite Kultur der Ureinwohner, der "First Nations" findet immer mehr Beachtung. Totempfähle, Masken und gewaltige Ornamente empfangen den Besucher schon am Flughafen. Sie verkörpern die Mythologie der Menschen, der seit Jahrtausenden an Kanadas Pazifikküste beheimateten Völkern wie den Haida, Tsimshian und Kwakwaka'wakw.

Der Staat verbot Ende des 19. Jahrhunderts alle Potlach-Zeremonien, Rituale und Gesänge. Totempfähle wurden in Brand gesteckt, tausende Indianerkinder in Internate - unter Aufsicht christlicher Kirchen gestellt. Das Ziel war, aus den Wilden angepasste Mitglieder der neuen Gesellschaft zu machen. Erst in den 1950er Jahren wurde das Potlach-Verbot wieder aufgehoben, durften die alten Bräuche erneut aufleben. Die letzten Internate wurden in den 80er Jahren geschlossen.

Chinatown in Kanada

Heute prägt aber nicht nur die Kunst der Ureinwohner die Stadt. Chinatown verrät, dass in den 1980er und 1990er Jahren vor der Übergabe Hongkongs an China viele Chinesen nach Vancouver auswanderten. Aber auch indische ("Punjabi Market"), italienische ("Little Italy"), japanische ("Japantown"), koreanische ("Koreatown") oder griechische ("Greektown") Einflüsse bilden das Stadtbild aus.

Vancouver ist vom Economist ein paar Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt worden. Grund dafür ist nicht nur das viele Grün, die Seen, Parks und Brücken, die das Stadtbild prägen. Auch wirtschaftlich genießt Kanadas achtgrößte Stadt und drittgrößte Metropole einen guten Ruf. Einer Studie von Mercer Human zu Folge ist Vancouver in Punkto Lebensqualität die drittattraktivste Stadt weltweit. Aber auch die Kehrseite der Medaille ist in Vancouver stark ausgeprägt.

Die Kehrseite der Medaille

Fährt man nach Downtown Eastside, sieht man Drogensüchtige, Obdachlose und Flaschensammler. Ungefähr 2000 Menschen leben im Großraum Vancouver auf der Straße. In Downtown Eastside sind 30 Prozent der Leute HIV-Positiv, die Quote entspricht ungefähr der von Großstädten in Afrika. Um den Zuschlag für die Spiele zu erhalten, hatte man versprochen, einiges für die Obdachlosen zu tun.

Es sollten erschwingliche Wohnungen entstehen, so hieß es, sogar die Appartements im olympischen Dorf wollte man nach den Spielen entsprechend nutzen. Derzeit sieht es eher danach aus, dass die Wohnungen des olympischen Dorfes den wohlhabendenden Schichten zu Gute kommen werden.

Das olympische Dorf

Das olympische Dorf, das im 125 Kilometer entfernten Whistler liegt, genießt bei den Athleten einen sehr guten Ruf. "Ich kenne alle Unterkünfte seit 1984, so ein schönes Dorf habe ich noch nie gesehen", sagte jüngst Thomas Schwab, Sportdirektor des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland. Als erste der 93 Sportler in Whistler nahmen die Rodler ihre Doppelzimmer entgegen. Mit Norwegern, Schweden und den Schweizern als Nachbarn, bewohnen die Deutschen vier der Häuser in Braun- und Grüntönen, die Platz für 2850 Athleten und Betreuer bieten.

Dass die Zimmer eher klein ausgefallen sind, ist für Schwab schon Tradition. "Es gab nie olympische Spiele, wo der Platz ausreichend war. Es ist eben angemessen Raum vorhanden." Nicht alle deutschen Olympioniken, die Wettkämpfe in Whistler haben, wohnen auch im olympischen Dorf, das acht Kilometer außerhalb des Nobel-Skiorts liegt. So haben die Skirennfahrer ein Haus in Whistler angemietet, in dem Medaillenhoffnung Maria Riesch sogar ein Einzelzimmer bewohnt.

"Es ist nicht schlecht, wenn man mal sein eigenes Zimmer hat, wo man seine Ruhe hat. Um einfach abzuschalten", sagte die Medaillen-Hoffnung zu ihrer Extrawurst in einem Interview des Münchner Merkur. Der am Reißbrett entstandene Ort Whistler hat etwa zehntausend Einwohner und wird als wenig lebhaft beschrieben. Kein Wunder, ist er ja auch nach dem Murmeltier benannt, das es zwar zum Namensgeber des Skiorts, nicht jedoch zum Maskottchen der Spiele geschafft hat.

Von Fabelwesen und Kakerlaken

Miga, Quatchi und Sumi sind die Maskottchen der XXI. olympischen Spiele. Diese Fabelwesen sind inspiriert von traditionellen Figuren der kanadischen Ureinwohner. Die Figur Miga basiert auf den Legenden der "First Nations" im pazifischen Nordwesten, wonach Orcas sich in Bären verwandeln, wenn sie an Land gehen. Sumi sieht zwar aus wie ein Bär mit Wikinger-Helm, ist jedoch ein mythischer Donnervogel, der für einen Schutzgeist steht und Quatchi entstand nach der Legende des Sasquatch, der auch als Big Foot bekannt ist. Diese überall zu erwerbenden Legenden in Stofftierformat stehen drei weniger possierliche Tierchen gegenüber.

Chewy die Ratte, Creepy die Kakerlake und Itchy die Wanze sind die "Gegen-Maskottchen" der Organisatoren von "Poverty Olympics", die auf die Missstände in Vancouver aufmerksam machen und die Verantwortlichen an ihre Zusagen erinnern möchten. Mit Fünf Handschellen anstelle der olympischen Ringe und Plakate wie "Homes not Games" (Unterkünfte statt Spiele) protestierten Obdachlose und Olympia-Gegner eine Woche vor dem Beginn der Spiele und legten damit den Finger in die Wunde der Verantwortlichen.

"Die Besucher kommen in eine Stadt, die mehr Obdachlose hat als Olympia-Teilnehmer." Das ärmste Viertel ganz Kanadas, Downtown Eastside, liegt nur ein paar Häuserblocks vom Zentrum und vom BC Place Stadium, wo die Winterspiele am Freitag mit Riesenpomp eröffnet werden. Im BC Place finden neben der Eröffnungs- und Schlussfeier auch die Siegesehrungen statt.

Das Programm

In Vancouver selbst finden neben den Zeremonien auch die Eishockey-Spiele statt. "Die Kanadier sind super sportbegeistert. Gerade Eishockey ist für die Leute eine Religion", berichtet Christian Erhoff im kicker. Der Deutsche spielt für die Vancouver Canucks in der NHL und kennt den General Motors Place, der für die Dauer der Spiele Canada Hockey Place genannt wird, wie seine Westentasche. Die weiteren Eishockeyspiele werden in der UBC Thunderbird Arena stattfinden.

Auch Shorttrack und Eiskunstlauf (Pacific Coliseum) wird man in Vancouver sehen können, sowie Curling (Vancouver Olympic Centre). Im südlich gelegenen Vorort Richmond starten die Eisschnellläufer in einer neuerbauten Sportstätte, dem Olympic Oval. Das imposante Gebäude, mit seinem geschwungenen Holzdach und seiner blau schimmernden Verglasung gilt bereits jetzt als Schmuckstück der Spiele und hat mehrere Auszeichnungen erhalten.

In West Vancouver, am Cypress Mountain, sind die Ski-Freestyler und Snowboarder aktiv. Im 100 Millionen-Dollar teuren Whistler Sliding Centre werden die Bob-, Rodel und Skeletonwettbewerbe stattfinden. Die Alpinskifahrer gehen am Creekside auf Medaillenjagd und die nordischen Sportarten im Whistler Olympic Park. Geboxt wird in Vancouver nicht, auch wenn einige Beobachter des Quartiers der Australier dies zu glauben schienen, denn...

Geboxt wird nicht, oder?

...die Australier haben wieder ihr boxendes Känguru dabei. Und das Tier strich auch gleich den ersten Sieg in Vancouver ein. Erst sollte die Flagge eines boxendes Kängurus im olympischen Dorf abgehängt werden. Das IOC störte sich aus markenrechtlichen Gründen an dem Känguru und die IOC-Funktionäre verlangten die Entfernung der Flagge. Nach einem mehrtägigen Streit gab das IOC den Australiern nun aber offiziell die Erlaubnis, die riesige Fahne mit dem Beuteltier im olympischen Dorf hängen zu lassen.

In einem Gespräch auf höchster Ebene klärten Jacques Rogge und John Coates, Präsident des australischen olympischen Komitees, die Angelegenheit "Känguru". Die Nachricht vom Bleiben der Flagge wurde im Quartier der Australier groß gefeiert. Schließlich sei das gelbe Känguru mit den roten Boxhandschuhen seit den olympischen Sommerspielen in Sydney 2000 das Maskottchen der australischen Mannschaft. Das die deutschen einen schwarzen Bundesadler aus ihrem Quartier gehisst hätten, ist derweil noch nicht überliefert. sportal.de wünscht dem deutschen Team trotzdem viel Glück in Vancouver!

Michel Massing

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